2026: Iran zwischen Sanktionen, Inflation und Krisen
30. Dezember 2025
Inflation frisst Wachstum auf
Aus Protest gegen die desolate wirtschaftliche Lage im Iran haben die Händler in der Hauptstadt Teheran ihre Geschäfte seit dem vergangenen Wochenende geschlossen. Augenzeugen berichteten von großen Straßenprotesten (Artikelfoto). Präsident Massud Peseschkian habe von berechtigten Anliegen gesprochen und das Innenministerium aufgefordert, "sich die legitimen Forderungen der Demonstranten anzuhören, indem es mit ihren Repräsentanten in den Dialog tritt", so die Staatsmedien am Dienstag (30.12.2025).
Die iranische Wirtschaft steht unter dem Druck einer hohen Inflation und westlicher Sanktionen im Zusammenhang mit dem Atomprogramm der Regierung. Nach Auskunft des Internationalen Währungsfonds (IWF) belief sich die Inflation im Iran 2024 auf 32,5 Prozent. Der IWF schätzt, dass die Verbraucherpreise 2025 um 42,4 Prozent steigen und 2026 die 40-Prozent-Marke nicht unterschreiten würden. Zum Vergleich: In der Euro-Zone strebt die Europäische Zentralbank (EZB) eine Inflationsrate von zwei Prozent an. Der Wert der iranischen Landeswährung Rial auf dem Schwarzmarkt war zuvor auf ein historisches Tief abgestürzt. Ein Euro wurde für circa 1,7 Millionen Rial getauscht. Ein Liter Benzin im Iran kostet ab 15.000 Rial.
Die jüngste Wirtschaftsprognose der Weltbank für den Iran vom Oktober 2025 geht von einem Minuswachstum des Bruttoinlandsprodukts um 1,7 Prozent für 2025 und um 2,8 Prozent für 2026 aus. Dies ist eine deutliche Kehrtwende gegenüber früheren Prognosen, die ein moderates Wachstum vorhergesagt hatten. Der Abschwung sei auf rückläufige Ölexporte und verschärfte Sanktionen der USA und der UN zurückzuführen, so die Weltbank.
Die iranische Wirtschaft leidet an chronischen strukturellen Schwächen. Diese können die Einnahmen aus den Ölgeschäften nur abschwächen, aber nicht nachhaltig beseitigen. Grund seien die Folgen staatlicher Atom- und Raketenprogramme gewesen, sagt Hossein Marashi, Generalsekretär der Partei "Kargozaran-e Sazandegi" (Partei der Diener des Wiederaufbaus ECCP) aus der Fraktion der Reformer.
Das Wirtschaftswachstum im Iran habe in den letzten zwei Jahrzehnten nur etwa ein Prozent betragen, schrieb Marashi Anfang Dezember in seinem Parteiorgan. Die ausgebliebene Konjunktur habe die Kaufkraft der Bevölkerung stark gesenkt. Die Einfuhr von Grundnahrungsmitteln mit Devisen gestalte sich sehr schwierig. "Die Wirtschaft im Iran war in den letzten 20 Jahren die Geisel der Nuklearfrage gewesen."
Instabilität im Nahen Osten und der Stellvertreterkrieg
In den Augen der Regierung in Teheran gilt Israel als der Erzfeind. Seit Jahrzehnten bekämpfen sich beide Seiten. Der Iran erkennt das Existenzrecht Israels nicht an. Der Kampf gegen Israel wurde zur iranischen Staatsdoktrin. Immer wieder ruft der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei zur Vernichtung Israels auf.
Israel dagegen zeigt sich nach dem zwölftägigen Krieg im Juni 2025 besorgt, dass der Iran die Produktion ballistischer Raketen wieder ausgeweitet haben könnte. Zwar wurden die Militäranlagen auf iranischem Boden durch die israelischen und US-Luftangriffe im Sommer schwer beschädigt, allerdings arbeite das israelische Militär nach Insiderberichten an neuen Plänen für weitere militärische Aktionen gegen den Iran.
Israelische Geheimdienste berichten vom Wiederaufbau der Urananreicherungsanlagen und betrachten diese Aktivitäten weiterhin als eine große Bedrohung. Des Weiteren finanziert der Iran nach wie vor seine bewaffneten Stellvertreter in der Region wie die Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen, um so Israel und die USA unter Druck zu setzen.
US-Präsident Donald Trump warnte Teheran im Dezember vor dem Wiederaufbau von Raketen- und Atomprogrammen, deutete jedoch zugleich Bereitschaft zu möglichen Gesprächen mit dem Iran an. Beide Länder haben seit 1980 nach der Geiselnahme von Teheran keine diplomatischen Beziehungen. Damals waren im Rahmen der iranischen Revolution mehr als 50 US-Diplomaten für 444 Tage lang inhaftiert worden.
"Wenn der Iran ohne ein Abkommen zum Atomprogramm zurückkehrt, werden wir auch das zerstören", sagte US-Präsident Trump. "Wir können seine Raketen sehr schnell vernichten und haben enorme Macht."
Andauernde Sanktionen
Großbritannien, Frankreich und Deutschland haben Ende August sämtliche UN-Sanktionen gegen den Iran wieder eingesetzt, die nach dem Atomabkommen von 2015 (Joint Comprehensive Plan of Action, JCPOA) ausgesetzt worden waren. Zwischen 2006 und 2010 hatte der UN-Sicherheitsrat in sechs Resolutionen konkrete Maßnahmen beschlossen wie Waffenembargo, Verbot der Urananreicherung und -wiederaufarbeitung, Verbot von Starts und Entwicklungen ballistischer Raketen, die nukleare Sprengköpfe tragen können, Einfrieren von Vermögenswerten im Ausland und Einreiseverbote für Einzelpersonen aus dem Iran.
2026 werde der Iran international weiter isoliert bleiben, sagt Damon Golriz am Geopolitischen Institut in Den Haag, dem Regierungssitz der Niederlande, in DW-Gespräch. Die größte Unterstützung für das Regime in Teheran kommt derzeit von Moskau und Peking. China ist der größte Abnehmer iranischen Öls und stützt die Wirtschaft im Iran. Allerdings spielt Peking die Beziehungen mit dem international sanktionierten Iran herunter.
Die engen Beziehungen zwischen dem Iran und Russland während dessen Angriffskriegs auf die Ukraine würden sich als ein pragmatisches Übergangsphänomen erweisen, sagt Experte Golriz. Zwar liefere der Iran Kampfdrohnen an Russland und erhalte als Gegenleistungen Wirtschaftsgüter, aber Russland würde dem internationalen Druck nachgeben und den Iran im Stich lassen, wenn 2026 ein Waffenstillstand zwischen Moskau und Kiew erzielt würde. Die USA beharren nämlich weiterhin auf ihre Maximalforderungen: Der Iran muss das Atomprogramm vollständig aufgeben.
Wer folgt auf Chamenei?
Das geistliche Oberhaupt Ali Chamenei wird im April 2026 87 Jahre alt. Seit 1989 hat er das letzte Wort in der schiitisch geprägten Islamischen Republik. Israel droht dauernd, Chamenei zu töten und einen Regimewechsel herbeizuführen.
Über seinen gesundheitlichen Zustand gibt es viele Spekulationen. Israelische Medien berichten immer wieder, Chamenei sei schwer krank. Doch die offizielle Seite im Iran dementiert diese Berichte. Die Machtstruktur im Iran ist stark personenbezogen und zentralisiert. Das Fehlen des "Revolutionsführers" würde das Land handlungsunfähig machen, sagt Golriz.
Rechtlich ist der sogenannte Expertenrat für die Bestimmung des neuen Oberhaupts zuständig. 88 Mitglieder dieses Verfassungsorgans werden zwar direkt vom Volk gewählt, müssen aber vorher vom sogenannten Wächterrat zugelassen werden.
Der Wächterrat ist ein mächtiges ultrakonservatives Gremium und hat sechs Geistliche und sechs Juristen als Mitglieder. Der Oberste Führer kann die Zusammensetzung maßgeblich bestimmen. Schon 2023 hatte Chamenei eine dreiköpfige Findungskommission mit seinen Vertrauenspersonen besetzt, die die Nachfolgefrage klären soll. Der Revolutionsführer im Iran wird auf Lebenszeit gewählt.
Alle Fraktionen im Machtapparat, ob Hardliner oder Reformer, wollen ihre Wunschkandidaten durchsetzen. Auch die mächtigen Revolutionsgarden wollen mitmischen. Zwei Namen sind bisher als möglicher Nachfolger durchgesickert: Chameneis jüngerer Sohn Modschtaba Chamenei und der Enkel des Staatsgründers Ajatollah Ruhollah Chomeini, Hassan Chomeini. Modschtaba Chamenei unterstützt den harten Kurs seines Vaters, während Hassan Chomeini mit der Reformbewegung sympathisiert. Allerdings hatte 2016 der Wächterrat schon mal Hassan Chomeinis Kandidatur für den Expertenrat abgelehnt.
Umweltkatastrophen
Der Iran braucht dringend Wasser. Die Verschärfung der Wasserkrise, der drastische Rückgang der Grundwasserreserven, das Austrocknen von Flüssen sowie die zunehmende Bodensenkung bedrohen den Lebensunterhalt von Millionen Menschen, insbesondere in den zentralen und südlichen Regionen des Landes.
Die chronische Luftverschmutzung fordert alle 13 Minuten ein Todesopfer und erhöht insbesondere in den Metropolen durch den Anstieg von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen den Druck auf das Gesundheitssystem, berichtete die Teheraner Stadtzeitung Hamshahri. Im Dezember mussten wieder die Schulen in der Hauptstadt Teheran geschlossen werden. Wer sich draußen aufhielt, trug Atemschutzmasken. Ursache sind der zunehmende Stadtverkehr, veraltete Autos und Kohlekraftwerke mit enormen Feinstaubemissionen.
Der iranischen Regierung ist bisher nicht gelungen, ihre Politik auf Nachhaltigkeit umzustellen. Die Behörden haben zwar Ende 2025 die stark subventionierten Benzinpreise erhöht. Aber bis der Himmel über Teheran wieder blau wird, kann es noch Jahre dauern.