Australien: Jugendliche wollen Social-Media-Verbot anfechten
11. Dezember 2025
Seit Mittwoch dürfen Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren in Australien die meisten sozialen Netzwerke nicht mehr nutzen. Mit diesem Schritt führt das Land ein weltweit einmaliges Verbot ein. Betroffen sind Plattformen wie Facebook, Instagram, Snapchat, TikTok, X, YouTube und Reddit. Diese Dienste werden zukünftig altersbeschränkt sein und auf einer Liste aufgeführt werden, die regelmäßig aktualisiert wird. Online-Gaming-Plattformen und Messenger wie WhatsApp bleiben vorerst von der Regelung ausgenommen.
Die Regierung verpflichtet die Plattformen, das Gesetz selbst durchzusetzen. Sie müssen "angemessene Schritte" unternehmen, um Verstöße zu verhindern. Bei wiederholten Verstößen drohen Strafen von bis zu 49,5 Millionen Australischen Dollar (gut 28 Millionen Euro). Kinder und Eltern werden nicht bestraft, wenn sie das Verbot umgehen.
Zur Alterskontrolle sollen verschiedene Methoden eingesetzt werden: etwa die Vorlage eines amtlichen Ausweises, Gesichts- oder Stimmenerkennung oder andere digitale Identifikationsverfahren.
Das Büro des australischen eSafety-Beauftragten begründet das Verbot damit, dass junge Menschen vor Risiken und Druck geschützt werden sollen, die mit Social-Media-Nutzung verbunden sind. Premierminister Anthony Albanese nannte soziale Medien eine "Plage" und sagte: "Ich möchte, dass die Leute mehr Zeit auf dem Fußballfeld oder Netballplatz verbringen als am Handy." Umfragen zeigen durchgehend: Erwachsene unterstützen das Verbot mehrheitlich. Bei Jugendlichen sieht es anders aus.
"Es gibt kein Zurück"
Macy Newland ficht das Gesetz gemeinsam mit dem ebenfalls betroffenen Teenager Noah Jones und mit Unterstützung Bürgerrechtsorganisation Digital Freedom Project vor dem höchsten Gericht Australiens an. Sie sagt gegenüber der DW, die meisten ihrer Altersgenossen seien gegen das Verbot - vor allem wegen fehlender Konsultation von jungen Menschen. Sie argumentieren, das Gesetz führe zu dem Verlust von Rechten und schränke den Zugang zu Informationen ein.
"Das Verbot hindert junge Menschen vor ihrem 16. Lebensjahr daran, sich an Demokratie und gesellschaftlichen Diskussionen zu beteiligen. Das ist falsch", erklärt Macy Newland - man könne junge Menschen nicht zur gesellschaftlichen Teilhabe ermutigen und ihnen dann die ebendiese Möglichkeit wieder nehmen.
Sie räumt ein, dass Social Media oder Online-Gaming Probleme verursachen, betont aber: "Es gibt kein Zurück und kein Leugnen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der technologische Fortschritte sich beschleunigen und Online-Kommunikation Teil unseres täglichen Lebens ist."
Newland glaubt, dass die meisten Jugendlichen versuchen werden, Wege zu finden, das Gesetz zu umgehen - eine Einschätzung, die durch Umfragen des australischen Senders ABC gestützt wird. Die Ergebnisse einer Befragung von mehr als 17.000 australischen Jugendlichen zeigen, dass 75 Prozent versuchen werden, das Verbot zu umgehen, 9 Prozent halten es für eine gute Idee und nur 6 Prozent glauben, dass es funktionieren wird.
Während allgemein anerkannt wird, dass ein unkontrollierter Zugang zu sozialen Medien sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gefährlich sein kann, sind die meisten Menschenrechts- und Kinderschutzorganisationen der Ansicht, dass das neue Gesetz diese Probleme nicht löst.
Von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen?
Die australische Sektion der Kinderhilfsorganisation UNICEF Australien erklärt: "Die vorgeschlagenen Änderungen werden die Probleme, mit denen junge Menschen online konfrontiert sind, nicht beheben." Die australische Menschenrechtskommission warnt dass das "pauschale" Verbot wahrscheinlich auch "negative Auswirkungen auf die Menschenrechte von Kindern und Jugendlichen" haben wird.
Das hat auch Kim Osman herausgefunden. Die Forscherin am Digital Media Research Centre der Queensland University of Technology sprach mit 86 Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 15 Jahren über das Verbot. Auch sie stellte fest, dass sich die Jugendlichen ignoriert und frustriert fühlten.
"Junge Menschen haben uns gesagt, dass sie das Gefühl haben, ihre digitalen Erfahrungen würden von Erwachsenen vereinheitlicht und die sehr unterschiedlichen Arten, wie sie soziale Medien nutzen, spiegeln sich nicht in der nationalen Debatte wider", sagt Osman der DW.
Im Verlauf ihrer Forschung stellte Osman fest, dass Jugendliche sich der Gefahren von Social Media bewusst sind, sich aber bessere Schutzmaßnahmen wie wirksame Inhaltsfilterung wünschen. Es gebe zudem die Befürchtung, dass das Verbot zu einem "Verlust von Gemeinschaft" für junge Menschen führen würden, insbesondere für diejenigen, die "durch die sozialen Medien wichtige Unterstützung finden" - wie zum Beispiel junge Menschen der LGBTQAI+-Bewegung.
Kinder mit Behinderungen besonders betroffen
Das trifft auch auf Jennifer Crowther zu. Ihre Tochter Lily, 12, hat Zerebralparese, Autismus und andere Behinderungen, die Sozialkontakte erschweren. Durch die Zeit, die das Schreiben von Nachrichten in sozialen Medien und anderen Messaging-Apps bietet, lassen sich Gespräche für sie leichter führen.
Während Jennifer Lilys Zugang zu Social Media kontrolliert, hat Lily nach der Veröffentlichung einer ihrer Geschichten eine Online-Schreibgemeinschaft gefunden. "Für Kinder mit Behinderungen oder aus Randgruppen kann Social Media der einzige Weg sein, Gleichgesinnte zu finden", sagt Jennifer der DW, "Es ist eine so kleine Gruppe von Menschen - wie sollen sie sich finden? Das gilt besonders, wenn sie aufgrund von Ängsten isoliert sind oder weil sie häufig zu Terminen müssen, im Krankenhaus sind oder was auch immer die Situation ist."
Das Verbot könnte diese Verbindungen zerstören. "Lily hat einige andere junge Menschen kennengelernt, mit denen sie weiterhin in Kontakt bleiben möchte, aber sie leben überall im Bundesstaat oder sogar international - und das wurde ihr nun genommen."
Jugendliche und Eltern äußern zudem Bedenken, dass Kinder den Zugang zu sozialen Mediengruppen für spezielle Interessen und Hobbys sowie zu den Gemeinschaften, die dadurch entstehen, verlieren könnten. Dies dürfte besonders in ländlichen Regionen Australiens spürbar sein, wo die Bevölkerung dünn gesät ist und persönliche Treffen entsprechend schwer zu organisieren sind.
Australiens Kommunikationsministerin Anika Wells räumte ein, dass das Verbot in den ersten Phasen "holprig" und "unordentlich" sein werde. Das sei bei einer so neuartigen Regelung vielleicht zu erwarten. Doch für viele australische Kinder und Jugendliche gehen die Frustrationen über das Verbot weit darüber hinaus.
Adaptiert aus dem Englischen von Petra Füchsel.