"Avatar": So wurde die Sprache der Na'vi erschaffen
18. Dezember 2025
"Das war ein ziemlich denkwürdiges Ereignis in meinem Leben", sagt der Linguist Paul Frommer, als er sich an seine erste Begegnung mit James Cameron erinnert. Der renommierte Regisseur suchte jemanden, der eine konstruierte Sprache für einen Science-Fiction-Film entwickeln sollte, und hatte eine E-Mail an die Sprachwissenschaftliche Fakultät der University of Southern California geschickt. In seiner Bewerbung brachte Frommer seine Begeisterung für diese Herausforderung überzeugend zum Ausdruck. "Willkommen an Bord", sagte Cameron am Ende ihres ersten 90-minütigen Gesprächs im Jahr 2005 zu dem Doktor der Sprachwissenschaft.
"Mein Leben ist seitdem nicht mehr dasselbe", erzählt Frommer der DW kurz vor der Premiere von "Avatar: Fire and Ash", dem dritten Film der epischen Filmreihe, 20 Jahre später.
Na'vi-Sprache: menschenähnlich, aber anders
Camerons Vorgabe für die Sprache war, dass sie "schön" klingen sollte - "das ist natürlich eine subjektive Angelegenheit", sagt Frommer. Außerdem musste sie für die Schauspieler leicht zu erlernen sein, da von Anfang an klar war, dass die Stimmen der Figuren nicht elektronisch manipuliert werden würden.
"Die zugrunde liegende Annahme war also, dass die Na'vi (die humanoiden Ureinwohner des Mondes Pandora, Anm. d. Red.) über einen Stimmbildungsmechanismus verfügen, der im Wesentlichen dem unseren entspricht, sodass sie die Laute erzeugen können, wie wir sie in der menschlichen Sprache verwenden." Auch wenn es verschiedene Aspekte der Na'vi-Sprache gibt, die mit anderen vergleichbar sind, lässt sie sich nicht direkt mit einer bestimmten Sprache in Verbindung bringen. "Ich wollte sie ungewöhnlich gestalten", sagt Frommer.
Bei der Beschreibung des Prozesses der Sprachentwicklung bezieht sich Frommer auf die verschiedenen "Module", die in der Linguistik verwendet werden - die Bausteine, mit denen er gearbeitet hat.
Der Kern einer Sprache seien zunächst einmal ihre Phonetik und Phonologie, also ihre "Laute und ihr Lautsystem", erklärt er. Die Laute, die in einer Sprache weggelassen werden, seien genauso wichtig wie die, die enthalten sind, betont Frommer, "denn sie verleihen ihr ihren besonderen Charakter".
Eine Sprache "auf Steroiden"
Er nutzte beispielsweise sogenannte ejektive Laute - "knackende" Laute, die in Teilen Afrikas, Asiens und in Sprachen der amerikanischen Ureinwohner zu hören sind. Außerdem griff er auf bekannte Laute zurück, die er aber auf ungewohnte Weise miteinander kombinierte.
Anschließend legte Frommer die Morphologie der Sprache fest, also die Art und Weise, wie Wörter gebildet werden: "Das erfordert ein gewisses Maß an Kreativität", sagt er. Auch wenn er sich von Konstruktionen inspirieren ließ, die bereits in anderen menschlichen Sprachen existieren, nahm er "bestimmte Dinge und setzte sie auf Steroide".
Es gibt beispielsweise fünf Konjugationsstufen für die Verben: die Gegenwart, die unmittelbare Vergangenheit, die ferne Vergangenheit, die unmittelbare Zukunft und die ferne Zukunft. Die Wortstellung in den Sätzen ist sehr flexibel: Die Funktion eines Wortes im Na'vi wird nicht durch seine Position im Satz bestimmt, sondern durch die Deklination mit sechs verschiedenen Fällen. Im Vergleich dazu hat die deutsche Sprache vier grammatikalische Fälle - Nominativ (Subjekt), Genitiv (Besitz), Dativ (indirektes Objekt) und Akkusativ (direktes Objekt).
Dann ist da noch die Frage des Vokabulars. "Das ist in gewisser Weise vielleicht der künstlerischste Teil des Prozesses", sagt der Linguist. Die Wörter mussten in den Rahmen der Sprache passen, aber Frommer kam auf neue Begriffe, indem er einfach "mit Wörtern spielte" und schaute, wie sie sich im Mund anfühlten.
Hilfe durch Künstliche Intelligenz? Lehnt Frommer ab
Für jeden Film der Reihe wurden neue Redewendungen und Dialekte entwickelt, um die Sprache der verschiedenen Na'vi-Clans widerzuspiegeln. Frommer schätzt, dass es mittlerweile mehr als 3.000 Wörter in der Sprache der Na'vi gibt. Mit diesem Wortschatz, erklärt Frommer, könne man bereits alle Arten menschlicher Erfahrungen in Hinblick auf Beziehungen und alltägliche Aktivitäten diskutieren. Na'vi deckt zwar keine technischen oder wissenschaftlichen Bereiche ab, aber "man kann sich verständlich machen, auch wenn es nicht viele Nuancen gibt". Zum Vergleich: Das Oxford English Dictionary enthält etwa 600.000 Wortformen, und ein gebildeter Muttersprachler kennt etwa 40.000 Wörter.
In den zwei Jahrzehnten seit der Produktion des ersten "Avatar"-Films hat sich KI als leistungsstarkes neues Werkzeug etabliert. Aber obwohl große Sprachmodelle vermutlich unzählige neue Na'vi-Wörter nach Frommers Regeln ausspucken könnten, sagt der Linguist, er wolle "lieber langsamer vorgehen und jedem Wort seine eigene Bedeutung geben und sicherstellen, dass es sich für mich einfach richtig anfühlt". Na'vi-Interessierte können über eine Plattform namens "Lexical Expansion Project" auch neue Begriffe vorschlagen. Aber Frommer hat das letzte Wort bei neuen Ergänzungen: "Ich bin immer noch der einzige Gatekeeper."
Große Community der Na'vi-Sprechenden
Fans von "Star Trek" oder J.R.R. Tolkiens "Herr der Ringe" zeigen ihre Begeisterung für diese komplexen fiktiven Universen bekanntlich dadurch, dass sie Klingonisch oder Elbisch lernen, welche ebenfalls konstruierte Sprachen oder "Conlangs" sind. Ebenso gibt es mittlerweile eine weltweite Gemeinschaft von Na'vi-Lernenden - mit einem gedruckten Wörterbuch und einer Fülle von Online-Ressourcen für alle, die sich für diese Sprache interessieren.
"Ich werde nicht behaupten, dass es Tausende von Menschen sind, aber es ist eine ziemlich große Community", sagt Frommer. Die beiden Länder mit dem größten Interesse an Na'vi seien die Vereinigten Staaten und Deutschland, fügt er hinzu.
Um herauszufinden, was diese Menschen dazu motiviert, so viel Zeit und Mühe in das Erlernen einer konstruierten Sprache zu investieren, hat die kanadische Sprachanthropologin Christine Schreyer die Gemeinschaft der Na'vi-Lernenden untersucht. Sie stellte fest, dass einige von ihnen von dem Film geradezu besessen sind; vielleicht wünschen sie sich sogar, sie könnten Pandora, den fiktiven Planeten aus dem Film, besuchen. Das Erlernen der dort gesprochenen Sprache ist für sie eine Möglichkeit, sich mit dieser Welt zu verbinden.
Manche sind vom linguistischen Aspekt des Na'vi motiviert, da es sich um eine völlig neue und ungewöhnliche Sprache handelt, die es zu lernen gilt. Ein weiterer Motivationsfaktor ist, dass es vergleichsweise einfach ist, zu einem der weltweit führenden Experten für diese Sprache zu werden. Und dann gibt es noch andere, die sie einfach nur nutzen möchten, um ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen.
Wie bei vielen anderen Nischenhobbys haben auch diejenigen, die Na'vi lernen, "einen Ort geschaffen, an dem sie sich treffen und Gleichgesinnte finden können". Frommer ist dankbar für all die Kontakte und tiefen Freundschaften, die er durch dieses fortlaufende Projekt geknüpft hat.
Oder um einen klassischen Satz der Na'vi zu zitieren, können die Menschen in dieser Gemeinschaft zueinander sagen: "Oel ngati kameie." Das bedeutet wörtlich "Ich sehe dich" - udn meint: "Ich verstehe dich zutiefst."
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel