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"Global Shapers" in Kano

Thomas Mösch28. August 2014

Die nordnigerianische Stadt Kano gilt als rückständig, die Probleme des Alltags sind groß. Eine Gruppe junger Menschen engagiert sich für Frieden und Entwicklung - trotz Terror und politischer Gewalt.

Salihu Tanko Yakasai und Zainab Mahmoud Foto: Thomas Mösch (DW Haussa)
Bild: DW/Thomas Mösch

Auf dem Gang vor den Behandlungszimmern sitzen Frauen mit Kindern auf dem Schoß. Einige der Kinder weinen, einige blicken still vor sich hin. Männer und Frauen in weißen Kitteln eilen hin und her zwischen Büros und Laborräumen. Ein ganz normaler Tag in der Kinderabteilung des Murtala-Mohammed-Krankenhauses in Kano. In einem Laborraum öffnet Binta Jibir, die Leiterin der Abteilung, einen großen Kühlschrank. Eigentlich sollte der gut gefüllt sein mit Blutkonserven. Doch die meisten Fächer sind leer oder es liegen Medikamente darin. "Unsere Blutbank ist oft leer", klagt die Medizinerin. "Wir haben zu wenige Blutspender." Dabei kämen fast täglich Kinder in die Klinik, die Blut bräuchten, so Jibir. "Viele Patienten leiden an Sichelzellen-Anämie und haben starke Blutarmut", erklärt sie.

Nebenan nimmt eine junge Frau mit weißen Gummihandschuhen ein mit Blut gefülltes Reagenzglas aus der Zentrifuge. Zainab Mahmoud arbeitet zwar selbst nicht hier, doch sie kennt sich aus mit den Apparaten. Die 25-jährige ist Ärztin und gerade von einer Facharzt-Ausbildung aus Großbritannien zurückgekehrt in ihre Heimatstadt. Sie hat vor einigen Monaten zusammen mit anderen jungen Männern und Frauen eine Blutspende-Kampagne organisiert. "Die Leute hier spenden normalerweise nur Blut, wenn ein Familienmitglied in Not ist", weiß die junge Ärztin. Dabei könnten mehr Blutspenden die hohen Sterblichkeitsraten bei Müttern und Kindern verringern, ist Mahmoud überzeugt. Über Facebook und lokale Medien riefen sie und ihre Mitstreiter zum Blutspenden auf. An dem vereinbarten Tag kamen 47 Spender in die Klinik. Die Blutbank der Kinderabteilung war erstmals seit Langem wieder gut gefüllt.

Global-Shapers-Mitglied Zainab Mahmoud an einer BlutzentrifugeBild: DW/Thomas Mösch

Weltweites Jugend-Netzwerk

Die Blutspende-Aktion war eine Idee der "Global Shapers" in Kano. Zainab Mahmoud ist eines von 24 Mitgliedern. Die Global Shapers sind das Jugendnetzwerk des Weltwirtschaftsforums. Weltweit gibt es mehr als 350 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Wer ein Teil dieses Netzwerkes werden will, muss dem zentralen Büro der Global Shapers im schweizerischen Genf außergewöhnliche Leistungen in Beruf und Gesellschaft nachweisen und bereit sein, sich in seinem Umfeld zu engagieren.

In Nigeria gibt es neben der Gruppe in Kano noch eine in der Hauptstadt Abuja und eine in der Wirtschaftsmetropole Lagos. Gegründet hat die Gruppe in Kano der Journalist Salihu Tanko Yakasai. Mit seinen 35 Jahren ist er eigentlich schon zu alt für einen Global Shaper, denn die sollen nicht älter als 30 sein. Doch für die Gründer einer Gruppe gebe es Ausnahmen, erklärt er. Ein Bekannter, der Berater des Weltwirtschaftsforums ist, habe ihn 2012 dem zentralen Büro in Genf vorgeschlagen, so Yakasai. "Ich hatte die Occupy-Nigeria-Proteste in Kano mit organisiert und war schon zehn Jahre lang in verschiedenen Nichtregierungsorganisationen aktiv", erzählt Yakasai. Er hat dann schnell weitere Mitglieder um sich geschart.

Salihu Tanko Yakasai, Gründer der "Global Shapers" in Kano, ist eigentlich JournalistBild: DW/Thomas Mösch

Vorbilder für die Jugend

Seit Februar 2013 ist die Gruppe in Kano aktiv. Neben der Blutspende-Aktion hat sich die Gruppe seitdem auch für sauberes Trinkwasser in den Dörfern der Umgebung engagiert. Die Global Shapers waren außerdem in einer Oberschule, um den Schülern von ihrem Engagement zu erzählen und als Beispiele für erfolgreiche Karriere-Planung zu dienen. Dort hat auch Zainab Mahmoud über ihren Werdegang als Ärztin berichtet. "Ich musste viele Hürden überwinden", berichtet sie. Das Studium, für das sie sich entschieden hatte, konnte sie nur im Ausland absolvieren. "Mein Vater ist Rechtsanwalt, meine Mutter Richterin. Trotzdem wollte mein Vater mich nicht im Ausland studieren lassen", erzählt Mahmoud. In Kano dominiert ein sehr konservativer Islam. Wer seine unverheiratete Tochter alleine ins Ausland schickt, erntet bei Verwandten und Freunden viel Unverständnis. "Ich habe meinen Vater immer wieder bedrängt", sagt Mahmoud. "Am Ende hat er dann sehr widerwillig zugestimmt." Heute, da ist sie überzeugt, sei er stolz auf das, was sie erreicht habe.

Eines der neuen Projekte der Global Shapers in Kano ist eine wöchentliche Radiosendung in einem Privatsender. Damit wollen sie die Öffentlichkeit auf die kommenden Wahlen vorbereiten und für Themen wie Gewalt bei Wahlen oder die Rechte der Wähler sensibilisieren. Die Nigerianer wählen im Februar 2015 ein neues Parlament, den Präsidenten und in Kano auch eine neuen Gouverneur.

Schlagzeilen macht Kano vor allem mit TerroranschlägenBild: picture-alliance/dpa

"Wenn nicht wir, wer dann?"

Woher nehmen die Mitglieder der Gruppe den Mut, sich in einer Zeit von Terror und politischer Gewalt so exponiert zu engagieren? Salihu Yakasai will damit auch ein Zeichen gegen die vielen schlechten Nachrichten setzen: "Die Lage hier ist gar nicht so schlimm. Hier passieren neben dem Terror auch viele andere Dinge", betont der Journalist. Und Zainab Mahmoud ergänzt, dass sie ausgerechnet im Januar 2012 von ihrem Studium nach Kano zurückgekehrt sei. Am Tag ihrer Reise hatte die Terrorgruppe Boko Haram bei Bombenattentaten und Angriffen auf Polizeistationen fast 200 Menschen getötet. "Ich habe mein Handy ausgeschaltet, damit mich keiner anruft und mir sagt, ich solle nicht zurückkommen", erinnert sie sich. Warum wollte sie unbedingt zurück? "Das hier ist doch unsere Heimat. Wenn wir uns hier nicht engagieren, dann tut das niemand anderes für uns."

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