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Gesellschaft

Die Wahrsagerin der Mächtigen vom Balkan

Christopher Nehring
27. August 2018

Fernab der Metropolen, im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Griechenland und Mazedonien, sagte einst Baba Wanga die Zukunft voraus. Kunden von ihr wurden sogar Präsidenten - wie vorausgesagt.

Baba Wanga
Hellseherin Baba Wanga zwei Jahre vor ihrem TodBild: picture-alliance/epa/V. Gilotay

Bulgarien vor der Präsidentenwahl 1997: Ein gewisser Peter Stojanow, ein aufstrebender bulgarischer Politiker, macht sich auf in die Kleinstadt Petritsch im Südwesten des Landes. Effektvoll begleitet von einem Kamerateam will er dort Wangelija Pandewa Guschterowa aufsuchen, besser bekannt als "Baba Wanga" (Oma Wanga). "Du wirst Präsident werden. Aber was für ein Präsident du sein wirst, werden wir noch sehen", sagte sie ihm. Tatsächlich gewann Stojanow die Wahl und wurde am 22. Januar 1997 zum zweiten Präsidenten des demokratischen Bulgariens. Und auch mit ihrem vielsagenden Zusatz lag Baba Wanga offenbar richtig, denn einen bleibenden Eindruck hinterließ der Politiker nicht.

Die "Seherin von Petritsch" hatte seit ihrer Jugend Visionen. 1911 in Strumica im heutigen Mazedonien (FYROM) geboren, geriet sie mit 13 Jahren in einen Wirbelsturm, der sie schwer verletzt auf einer Wiese zurückließ. Als Spätfolge erblindete sie mit 16 Jahren. Nun begann sie auf andere Art zu "sehen": Das Übernatürliche und Paranormale sprachen zu ihr, Visionen, Träume, Suggestion und Metaphern wurden ihre Welt.

Einflüsse der orthodoxen Mystik

Geprägt waren ihre Visionen von christlich-orthodoxen Bildern und Mystik. 1940, der Zweite Weltkrieg hatte gerade begonnen, sei ihr ein stählerner Reiter als Vorbote "schrecklicher Dinge" erschienen, so beschrieb sie es selbst. Wenige Tage später fiel die deutsche Wehrmacht in Jugoslawien ein, der Krieg breitete sich auf dem Balkan aus. Bulgarische Soldaten auf dem Durchmarsch und die Bauern aus der Gegend waren Wangas häufigste Gäste.

Einen der Soldaten, Dimiter Guschterow, heiratete sie und zog mit ihm ins 50 Kilometer entfernte Petritsch, wo sie ihr Leben lang blieb. Ihre Visionen häuften sich und wurden öffentlich. Zeitungen und Mundpropaganda machten sie bekannt. Verschiedene Versionen ihrer "Prophezeiungen" machten die Runde, so dass Originalaussagen und Legenden heute kaum noch auseinanderzuhalten sind. 

Wanga-Besucher Zar Boris III (1936): TodesvoraussageBild: picture-alliance/AP Images

So auch die Geschichte vom Zaren: Wie ihre Verwandten berichteten, soll der bulgarische Zar Boris III. von Sachsen-Coburg-Gotha Wanga 1941 aufgesucht haben. Sie sagte ihm seinen Tod voraus und 1943 verstarb Boris III. völlig überraschend auf dem Rückflug nach einem Treffen mit Adolf Hitler.

Kommunisten und der Aberglaube

Dann kamen neue Zeiten. Der Kommunismus war angetreten, um mit der unaufgeklärten christlichen Mystik aufzuräumen. Partei statt Priester, Sozialismus statt Hellseherei - das war die Devise. Abstrakte Visionen, Seher und übersinnliche Kräfte - zumal christlich inspirierte - hatten neben dem "Himmel auf Erden" unter Führung der kommunistischen Partei keinen Platz. Andere als die kommunistischen Propheten bedeuteten eine Gefahr für das absolute Machtmonopol. Die "Seherin von Petritsch" gehörte dazu.

Partei und Staatssicherheit verboten Wangas Wirken. Ihr Haus wurde überwacht, die Besucher gezählt. Inlandsreisen ins Grenzgebiet nach Petritsch, nur um Wanga zu sehen, wurden nicht mehr genehmigt. Über ihren Ehemann versuchte die Staatssicherheit sie davon zu überzeugen, es mit den Visionen gut sein zu lassen. Doch Wanga blieb sich treu, wer zu ihr kam, mit dem sprach sie, wer fragte, bekam Antworten. Die Pilgerreisen zu ihr konnten zwar eingedämmt werden, aber Wanga zog weiterhin alle in ihren Bann, die es zu ihr schafften.

Ljudmila Schiwkowa mag das Übernatürliche

Erst in den 1960er Jahren ließ der Druck des Regimes auf diesen ungewöhnlichen "Feind" nach. Die Entstalinisierung hatte die innere Lage in den sozialistischen Ländern entspannt, die Partei lockerte den Griff. Zudem verstarb Wangas Mann, der jahrzehntelang den Druck der Partei an sie weitergegeben hatte

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Anhängerin Schiwkowa (1971): An Baba Wanga einen Narren gefressenBild: Imago/ZUMA/Keystone

Stattdessen fand die zuvor noch bekämpfte Wanga einen genauso unverhofften wie unerwarteten Protegé aus dem innersten Zirkel der kommunistischen Machtelite: Niemand Geringeres als Ljudmila Schiwkowa, die Tochter von Staats- und Parteichef Todor Schiwkow, wurde Wangas größter Fan.

Schiwkowa war für ihren Hang zum Okkulten, Mystischen und Spirituellen mindestens ebenso bekannt wie für ihren Gefallen am Luxus. Egal ob Buddhismus, Kabbala, altertümliche Kunst oder Antiquitäten - für die Herrscherstochter gab es keine Tabus. Die kommunistische Elite untergrub sich selbst, Schiwkowa wurde zu einem Sinnbild für Korruption, Vetternwirtschaft und phrasenhafter Propaganda.

In den 1970er Jahren wurde Ljudmila Schiwkowa von ihrem Vater zu einer der wichtigsten kulturpolitischen Funktionärinnen ernannt. Auf den Fluren der Parteiinstitutionen munkelte man bereits von einer familiären Nachfolgeregelung für die Zeit nach Schiwkows Tod.

Einstmals starre kulturpolitische Leitlinien wurden gelockert, bulgarisch-national aufgeladen und immer mit einem Hauch Mystik versehen - ganz nach Schiwkowas Geschmack. Die von ihr organisierte pompös-patriotische 1300-Jahr-Feier Bulgariens 1981 war ein Sinnbild dafür. Selbst die bulgarische Staatssicherheit spannte sie für ihre Ziele ein, ließ Kulturschätze zusammentragen oder aus dem Ausland stehlen.

Plötzlich eine nationale Institution

An Baba Wanga hatte Schiwkowa einen Narren gefressen. Deren Visionen passten zum Zeitgeist - sowohl der einfachen Bevölkerung als auch der kommunistischen Elite. Letztere befand sich gerade in einer geistigen Sinnkrise: Das Bekenntnis zu Sozialismus und Partei stets auf den Lippen, das Haus voller West-Produkte, die immer aufwendiger und mit immer kriminelleren Machenschaften bezahlt werden mussten.

Nur der Glaube blieb auf der Strecke, die Religion wirkte überwunden, der Sozialismus in den letzten Zügen, da erschienen nicht nur Schiwkowa das "Paranormale" als willkommene Alternative.

In Sofia ließ Schiwkowa ein "Institut für Suggestiologie" einrichten - schon der Name deutete auf Pseudowissenschaften hin. Dort wurden auch Wangas Prophezeiungen dokumentiert und "erforscht". Unter der Leitung des berühmten Soziologen Georgi Losanow sollte herausgefunden werden, wie oft Wanga in ihren Vorhersagen richtig lag und unter welchen Umständen sie besonders hohe Übereinstimmungen erzielte.

Dazwischen natürlich immer wieder "Privataudienzen" für Schiwkowa und ihre Entourage. Laut Losanow Statistik sollen bis zu 80 Prozent von Wangas Besucher angegeben haben, dass die Hellseherin ihnen tatsächlich die Zukunft vorhergesagt hatte. Wirklich überprüfen lässt sich das nicht.

Internationale Karriere der Wahrsagerin

Hofiert von Schiwkowa und ihren esoterisch-mystischen Zirkeln war es kein Wunder, dass Wanga auch in der Sowjetunion zum inoffiziellen Star wurde. Die vielfältigen bulgarisch-sowjetischen Beziehungen brachten Staatsgäste aus der UdSSR in Wangas Heimadtstädt Petritsch. Den ganzen Tag lang, so erinnerten sich Verwandte, soll sie dort in den 1980er Jahren Leute empfangen haben.

Hellseherin Wanga (l.) in Petritsch (1994): Übersinnliche Eingebungen oder fantasievolle Scharlatanerie?Bild: picture-alliance/epa/V. Gilotay

Wartezeiten wurden anberaumt und der Staat übernahm das "Management" - natürlich gegen eine kleine Gebühr. Die ersten TV-Dokumentationen von Wangas Privataudienzen wurden Ende der 1970er Jahre erlaubt. Es sollten noch zahlreiche folgen bis zu ihrem Tod im August 1996. Diese Aufnahmen, in denen Wanga direkt in die Kamera sprach, sind heute die wohl verlässlichsten Quellen ihrer Visionen.

Übersinnliche Eingebungen oder fantasievolle Scharlatanerie? Mit dem Antritt Michail Gorbatschows 1985 als Generalsekretär der KPdSU sprach Wanga vom Untergang des Sowjetreichs. Diesen Gedanken teilte sie jedoch durchaus mit einigen Politologen, die nachweislich keine hellseherischen Fähigkeiten hatten. Wer, wie Wanga, so viel Kontakt mit der kommunistischen Elite hatte, anvertraut mit deren innersten Fragen, Ängsten und Gedanken, für die dürfte "die Wende" wohl keine besondere Überraschung gewesen sein.

Der Wanga-Faszination taten jedoch auch die weltpolitischen Veränderungen zu Beginn der 1990er Jahre keinen Abbruch. Noch mehr Journalisten, Politiker und Sinnsuchende kamen zu ihr. Dmitri Medwedew, inzwischen seit fast zehn Jahren die Nummer 2 im russischen Staat, sagte sie in den 1990er Jahren eine große politische Karriere vorher. Gesagt, getan.

Ein Museum für Baba Wanga

1989 sprach eine andere Vision aus ihr: "Horror, Horror. Die amerikanischen Brüder werden fallen nach einem Angriff durch stählerne Vögel. Unschuldiges Blut wird fließen". Dies wurde als Vorhersage der Terroranschläge vom 11. September 2001 interpretiert. Im Nachhinein, versteht sich.

Auch einen schwarzen US-Präsidenten wollte Wanga "gesehen" haben, lange bevor Barack Obama in Washington ins Weiße Haus kam. Der in derselben Vision vorhergesagte zweite Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten trat jedoch nie ein.

Als Wangelija Pandewa Guschterowa vor 22 Jahren starb, war sie selbst ein Medienereignis. Tief versunken in christlicher Mystik, finanzierte Wanga den Bau der orthodoxen Kirche "Heilige Petka Bulgarska". Auf eigenen Wunsch wurde ihr Haus in Petritsch zum Museum umgestaltet. Und bis heute fasziniert die "Seherin von Petritsch" unzählige Menschen. Filme, Bücher, Internetseiten spüren ihren Visionen nach und bemühen sich um einen Nachweis eingetroffener Vorhersagen. Das Paranormale hat immer noch Hochkonjunktur.