Baltikum: Vorbereitung auf den Rückzug der USA aus der NATO
12. April 2026
Während der vergangenen sechs Wochen, in denen die USA und Israel Krieg gegen den Iran führten, fielen die Reaktionen der NATO-Mitgliedsstaaten recht unterschiedlich aus. Einige der US-Verbündeten verweigerten vorsichtig ihre Unterstützung für militärische Maßnahmen, andere untersagten gänzlich die Nutzung ihrer militärischen Infrastruktur. Die baltischen Staaten jedoch wählten einen ganz anderen Ansatz.
Alle drei Länder bezeichneten die Operation "Epische Wut" angesichts des iranischen Atomprogramms, der Drohungen gegenüber Nachbarländern und der Unterstützung Russlands im Krieg gegen die Ukraine als verständlich, so auch der lettische Präsident Edgars Ringevics.
Die Staats- und Regierungschefs des Baltikums begrüßten auch die Tötung des Obersten Führers des Irans Ende Februar und sprachen von einer neuen Chance für das iranische Volk, seine Zukunft selbst zu bestimmen.
Estland signalisierte seine Bereitschaft, den Einsatz von Minenräumbooten in der Straße von Hormus zu prüfen. Litauen geht noch weiter und erklärte sich bereit, die Entsendung von Truppen zur Unterstützung der USA in Erwägung zu ziehen, sollte aus Washington eine entsprechende Anfrage kommen.
Die Überlegungen, die hinter einer solchen Unterstützung stecken, wurden vom litauischen Präsidenten Gitanas Nauseda deutlich formuliert: "Wir können nicht auf der einen Seite sagen, dass die Anwesenheit von US-Truppen auf litauischem Boden eine Selbstverständlichkeit sei, die wir als gegeben hinnehmen, aber wenn wir aufgefordert werden, zu internationalen Missionen beizutragen, dass diese uns nichts angingen", sagte er den litauischen Medien.
Die baltischen Staaten betrachten die Unterstützung der USA, ihrem mächtigsten Verbündeten, als entscheidend für ihre eigene Sicherheit, insbesondere in Anbetracht der Bedrohung durch Russland.
Erst diese Woche warnte Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, die drei Länder, sie hätten "ernsthafte Konsequenzen" zu fürchten wegen der angeblichen Nutzung ihres Luftraums durch Drohnen, die Russland angreifen. Die drei Staaten weisen diese Anschuldigungen zurück.
Bloß nicht Donald Trump verärgern
Seit Beginn des Iran-Krieges präsentieren sich die baltischen Staaten wieder einmal als "vorbildliche Bündnispartner". Als solche wurden sie neben Polen und den Golfstaaten von US-Verteidigungsminister Pete Hegseth bezeichnet.
Wie Polen auch, zählten die baltischen Staaten zu den ersten NATO-Mitgliedsstaaten, die auf den Aufruf des US-Präsidenten, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen, reagierten. Sie gehören nun zu den Staaten, die im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt den größten Beitrag leisten. 2025 wendete Polen 4,5 Prozent seines BIPs für Verteidigung auf, Litauen 4 Prozent, Lettland 3,7 Prozent und Estland 3,4 Prozent. Die Vereinigten Staaten gaben im Vergleich dazu nur 3,2 Prozent ihres BIPs hierfür aus.
Sergejs Potapkins vom Latvian Institute of International Affairs beschreibt diese Politik als "etablierte eigene Handschrift", die darauf abziele, "Donald Trump nicht zu verärgern und sich ganz allgemein aus seinem Blickfeld herauszuhalten, so dass der seit 2022 mit den baltischen Staaten gepflegte Umgang möglichst lange erhalten bleibt".
Der aktuelle Ansatz der NATO, Abschreckung durch Verweigerung, setzt voraus, dass ein möglicher Gegner nicht wagen wird, NATO-Staaten anzugreifen, solange er überzeugt ist, dass er seine Ziele nicht erreichen kann. Der ehemalige US-Präsident Joe Biden und europäische Staats- und Regierungschefs betonten immer wieder, dass die NATO bereit sei, jeden Zentimeter ihres Territoriums zu verteidigen.
Diese Strategie ersetzte die frühere Abschreckung durch Vergeltung. Für die baltischen Staaten war diese Strategie laut Potapkins inakzeptabel, da sie die Möglichkeit einer Besetzung von Teilen der Hoheitsgebiete nicht ausschloss.
Planen für den Ernstfall
Die baltischen Staaten zeigten sich wenig überrascht von den skeptischen Äußerungen Donald Trumps über die Verteidigung der NATO-Bündnispartner. Einer Umfrage aus dem Jahr 2025 zufolge waren nur 43 Prozent der Letten davon überzeugt oder mehr oder weniger überzeugt, dass die NATO bereit wäre, im Falle eines Angriffs für ihr Land in den Krieg zu ziehen. 41 Prozent hielten es für unwahrscheinlich.
Dieses Bewusstsein, selbst für die eigene Verteidigung verantwortlich zu sein, hat in den baltischen Staaten zum Aufbau von Nationalgarden geführt. Dabei handelt es sich um freiwillige Verteidigungskräfte, die die Aufgabe haben, im Falle eines russischen Angriffs eine Besetzung der Region unmöglich zu machen.
Sigita Struberga ist Generalsekretärin der Latvian Transatlantic Organisation. Sie meint, die Menschen in Lettland kämen zunehmend zu der Erkenntnis, dass es keine separate NATO-Armee gäbe. Im Gegenteil, "wir sind die NATO".
"Auch wenn man die Anzahl derer berücksichtigt, die ihren Wehrdienst leisten und derer, die in der Berufsarmee dienen, sind die Zahlen immer noch zu gering. Wir brauchen die Nationalgarde", betont Struberga gegenüber der DW.
Unterstützung der NATO-Präsenz
Die Vorbereitungen auf ein geringeres Engagement der USA in der NATO laufen. Potapkins verweist auf die Stationierung von Militärkontingenten aus anderen NATO-Mitgliedstaaten. Solche Truppen sind in jedem der baltischen Staaten stationiert.
In Litauen zählt dazu auch die deutsche Panzerbrigade 45. Ihr gehören gegenwärtig etwa 1800 Soldaten an, mit Plänen die Truppenstärke bis 2027 auf 4000 Soldaten und 200 Zivilangestellte aufzustocken.
In Lettland ist eine multinationale Brigade unter Führung von Kanada mit etwa 2000 Soldaten stationiert und in Estland etwa 1500 Soldaten als Teil einer vom Vereinigten Königreich geführten multinationalen Kampfgruppe.
"In den Gesprächen mit Partnern hat eine Vergrößerung dieses Kontingents für Diplomaten und das Militär jetzt oberste Priorität. Dies ist einer der Fälle, in denen mehr einfach besser ist", so Potapkins.
Die baltischen Staaten sollten zudem schnell handeln und ihre militärische Infrastruktur - Panzerabwehrsperren ("Drachenzähne") und Drohnenabwehrsysteme - vorbereiten für den Fall, dass die USA ihre Rolle innerhalb der NATO neu definieren. Sollte das geschehen, werden sich andere NATO-Staaten vermutlich auf ihre eigene Sicherheit konzentrieren. Das ließe den baltischen Staaten wenig Spielraum, diese Projekte voranzutreiben, fürchtet Potapkins.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.