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Bayreuth: Absage von Gedenkveranstaltung wirft Fragen auf

Katharina Abel
18. Juni 2026

Die Bayreuther Festspiele haben eine geplante Gedenkveranstaltung mit dem jüdischen Publizisten Michel Friedman abgesagt. Das führt zu scharfer Kritik. Doch stecken allein Sicherheitsbedenken dahinter?

Deutschland Bayreuth 2025 | Luftaufnahme des Bayreuther Festspielhauses
Das Bayreuther Festspielhaus: Sollte hier die Gedenkveranstaltung "Verstummte Stimmen" stattfinden? Ja, sagt die Festspielleitung. Nein, sagt Michel FriedmanBild: Daniel Karmann/dpa/picture alliance

Zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele war für den Vormittag des Eröffnungstags am 26. Juli das Gedenkkonzert "Verstummte Stimmen" angesetzt. Unter der Leitung von Dirigent Christian Thielemann sollte ein Konzert mit Werken von Richard Wagner, Gustav Mahler und dem jüdischen Komponisten Pavel Haas gespielt werden. Haas war im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Die Veranstaltung sollte ein Zeichen der kritischen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus Richard Wagners und der Geschichte der Festspiele sein. Der Publizist, Journalist, frühere DW-Moderator und ehemalige Vize-Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, war eingeladen, bei diesem Anlass eine Rede über den Antisemitismus Richard Wagners und dessen historisches Erbe zu halten; die Erlöse sollten als Stipendien an israelische Musiker gehen. Doch dann kam es anders.

Der Publizist und Journalist Michel FriedmanBild: Bernd Wüstneck/dpa/picture alliance

Der Interims-Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele Heinz-Dieter Sense und die Festspielleitung sagten das Konzert aus Sicherheitsbedenken Anfang Juni ab. Die "Süddeutsche Zeitung" ("SZ") berichtete am 15. Juni als erstes darüber. Dem Bayerischen Rundfunk sagte Sense, man könne nicht zwei Mal an einem Tag die höchste Sicherheitsstufe im Festspielhaus bewältigen: "Der Zeitraum zwischen dem Ende der Vormittagsveranstaltung und dem Beginn der Nachmittagsveranstaltung ist zu kurz." Am Nachmittag um 16:00 Uhr findet die Eröffnungspremiere von "Rienzi, der Letzte der Tribunen" statt. "Es sind bei der derzeitigen Weltlage alle ungeheuer vorsichtig", erklärte Sense weiter. "Wenn mir keiner garantieren kann, dass das durchführbar ist, dann kann ich die Veranstaltung nicht machen." Die höchste Sicherheitsstufe wäre nach Aussage der Festspielleitung nötig gewesen, um Friedman zu schützen. Deutschland verzeichnet seit Jahren einen Anstieg antisemitischer Gewalttaten. Friedman war bereits im vergangenen Oktober von einer Veranstaltung in einem kleinen Ort Mecklenburg-Vorpommern ausgeladen worden.

Polizei und Stadt "nicht involviert"

Doch sind Sicherheitsbedenken allein der Grund für die Absage? Die Festspielleitung lehnte auf Anfrage der DW ein Interview ab, Pressesprecher Hubertus Herrmann verwies schriftlich lediglich darauf, dass "die abschließende sicherheitsbehördliche Bewertung für den ursprünglich vorgesehenen Termin keine Durchführung in der geplanten Form zugelassen" habe.

Richard Wagner: Komponist und AntisemitBild: Scherl/SZ Photo/picture alliance

Auf eine entsprechende Nachfrage der DW beim zuständigen Polizeipräsidium Oberfranken sowie bei der Stadt Bayreuth allerdings gab es zweimal die gleiche Antwort: "Wir waren bei der Planung dieser Veranstaltung im Vorfeld nicht involviert." Die DW hat die Bayreuther Festspiele mit diesen Aussagen konfrontiert; eine Antwort steht bislang aus.

Michel Friedman hatte sich zuvor in Interviews mit der "SZ” und anderen Medien zutiefst verärgert geäußert: Die Absage von Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen in einer Demokratie bezeichnete er als ein Einknicken vor Extremisten und als "Tod durch Selbstmord”. Er warf den Verantwortlichen vor, die kritische Auseinandersetzung mit Wagners Antisemitismus ad absurdum zu führen. 

Friedman: "Fata Morgana"

Doch inzwischen scheint der Journalist selbst nicht mehr an die offizielle Begründung zu glauben. Er weist in Interviews darauf hin, dass für die Veranstaltung rund sechs Wochen vor dem Termin noch kein Vorverkauf gestartet war. Der DW gegenüber sagte Friedman, er wolle zu dem Thema eigentlich nichts mehr sagen, wiederholte aber den zuvor bereits geäußerten Verdacht, die Verantwortlichen hätten die Veranstaltung ohnehin nie ernsthaft durchführen wollen: "Das Ganze ist für mich eine Fata Morgana. Ich weiß nicht, was dahintersteckt, aber ich glaube, es wurde alles abgesagt und der einzige, den sie dabei vergessen haben, bin ich." Außerdem bekräftigte er noch einmal seine zuvor getätigte Aussage, das Konzert sei nicht für das Festspielhaus, sondern für das Friedrichsforum geplant gewesen, was der Aussage der Festspielleitung gegenübersteht, man habe bei dieser Sicherheitsstufe nicht zwei Festspielhaus-Veranstaltungen an einem Tag gewährleisten können. Unterdessen hat übrigens auch Dirigent Christian Thielemann gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" erklärt, dass er seine Teilnahme aus terminlichen Gründen frühzeitig abgesagt habe.

Hatte nach eigenen Angaben keine Zeit am 26. Juli: Dirigent Christian ThielemannBild: Roman Zach-Kiesling/First Look/picturedesk/picture alliance

Festspielleiterin Katharina Wagner hatte zuvor betont, das Konzert sei "eine Herzensangelegenheit”, um kritisch auf die eigene Geschichte zu blicken. Die Veranstaltung sei nicht dauerhaft gestrichen, sondern solle im August nachgeholt werden - gerne auch mit Friedman, so wird sie in der "FAZ" zitiert. 

Finanzprobleme von Stadt und Festspielen

In diversen Zeitungen wird die Vermutung geäußert, dass auch die klamme Finanzlage der Stadt Bayreuth eine Rolle gespielt haben könnte, da diese kurz zuvor bereits ein eigenes städtisches Begleitfestival aus Geldmangel abgesagt hatte. Und auch das ambitionierte Vorhaben der Festspiele, alle für Bayreuth kanonisierten Werke Wagners in einer Saison aufzuführen, ist am Budget gescheitert.

Warum Hitler Richard Wagner vergötterte 

26:06

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Die Geschichte der Bayreuther Festspiele enthält dunkle Kapitel, oder wie Michel Friedman in der "SZ" sagte: "Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert." Wagner-Fan Adolf Hitler war dort gern gesehener Gast, die damalige Festspiel-Chefin Winifred Wagner eine glühende Verehrerin des nationalsozialistischen Diktators. Und auch Richard Wagners eigene antisemitische Einstellung wirft immer wieder einen Schatten auf sein Werk. So dokumentierte er seine Rassentheorien in Schriften wie "Das Judenthum in der Musik" von 1850. Dieses antisemitische Gedankengut trug Wagners Witwe Cosima weiter. Die Matinee "Verstummte Stimmen" war auch explizit jenen jüdischen Musikerinnen und Musikern gewidmet gewesen, die im Nationalsozialismus aufgrund ihres Glaubens und ihrer Herkunft Berufsverbote erhielten oder im Holocaust ermordet wurden.

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