Ratko Mladic: Eine Beerdigung, die Serbien spaltet
4. September 2026
Die Leiche des ehemaligen Kommandeurs der Armee der bosnischen Serben im Bosnien-Krieg, Ratko Mladic, ist am frühen Donnerstagabend (3.09.2026) in Serbien eingetroffen. Mladic war letzte Woche in einem Gefängnis in Den Haag gestorben, wo er eine lebenslange Haftstrafe wegen Völkermords und anderer Kriegsverbrechen verbüßt hatte.
In die serbische Flagge gehüllt, wurde Mladics Sarg von Angehörigen der Streitkräfte Serbiens vom Flugzeug zu einem Fahrzeug getragen, das den Leichnam zur Obduktion an die Militärmedizinische Akademie transportierte. Entlang der Strecke hatten sich Gruppen von Bürgern versammelt, die die Kolone mit Mladics Leichnam mit Transparente begrüßten, auf denen Aufschriften wie "Danke, General" und "Helden sterben nie" standen. Regierungsnahe Boulevardzeitungen verfolgten das Geschehen Minute für Minute, bezeichneten Mladic als "serbischen General" und behaupteten, er sei "in Den Haag getötet worden".
Begräbnis mit allen staatlichen Ehren?
Ratko Mladic wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt - wegen des Völkermords in Srebrenica, bei dem mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen getötet wurden, wegen der jahrelangen Belagerung von Sarajevo während des Krieges von 1992 bis 1995 sowie wegen weiterer Kriegsverbrechen, darunter die Einrichtung von Internierungslagern für nicht-serbische Zivilisten und Kriegsgefangene.
Belgrader Medien berichten, dass Mladic am Montag in der serbischen Hauptstadt beigesetzt werden soll. Justizminister Nenad Vujic hatte zuvor angekündigt, dass die Beerdigung mit den höchsten staatlichen Ehren stattfinden werde. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic erklärte jedoch, die Entscheidung werde der Familie überlassen. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass Zehntausende Menschen an der Beerdigung teilnehmen könnten.
"Wir werden vor Ort sein und jede Art von logistischer und verkehrstechnischer Unterstützung leisten, um die öffentliche Ordnung und Sicherheit aufrechtzuerhalten. Es ist sehr schwierig, die Sicherheit aller zu gewährleisten und zu garantieren", so Vucic.
Jahrzehntelange Verherrlichung
Jasmina Lazovic, Geschäftsführerin des Belgrader Humanitarian Law Center (HLC), das seit Jahrzehnten die Verbrechen der Jugoslawien-Kriege dokumentiert, ist von den aktuellen Ereignissen nicht überrascht. Sie verweist auf die seit langem übliche Verherrlichung von Mladic.
"Es gibt keine Kleinstadt in Serbien, in der Ratko Mladic nicht mindestens auf einem Wandgemälde verherrlicht wird. Die Darstellung, er sei zu Unrecht verurteilt worden, gibt es schon seit Jahren. Nun ist eine neue Darstellung aufgekommen, wonach er ermordet worden sei, obwohl er im Alter von 85 Jahren nach mehreren Schlaganfällen verstorben ist", sagte Lazovic gegenüber der DW.
Diese Narrative, fügt sie hinzu, passen zum Bild, das die Staatsführung von Serbien als einem Land zeichnet, das ausschließlich Verteidigungskriege geführt habe. Es gebe nur ungenügend Raum, um über die Folgen der Jugoslawien-Kriege und die Opfer zu sprechen - weder in den Medien noch im Bildungssystem und in staatlichen Institutionen.
"Es geht um Hunderttausende Opfer in Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie in Kosovo. Vor allem handelte es sich dabei um Verbrechen an Zivilisten, Verbrechen, die in den Ländern der Region - insbesondere in Bosnien - zu einer völlig veränderten ethnischen Struktur geführt haben", erklärt Lazovic. Zu dem Thema gehörten auch diejenigen, die Vergewaltigungen und Folter überlebt hätten, sowie diejenigen, die gewaltsam vertrieben worden seien, fügt sie hinzu. "Die Liste ist lang, und unser Wissen ist begrenzt", sagt Lazovic.
General ohne Rang
Die Ankündigung, dass Mladic mit höchsten staatlichen Ehren beigesetzt werden könnte, löste umgehend Reaktionen seitens der internationalen Gemeinschaft aus. "Die Verherrlichung von Kriegsverbrechern widerspricht den europäischen Werten. Dafür gibt es weder in den EU-Mitgliedstaaten noch in den Beitrittskandidatenländern Platz. Ich hoffe, dass sich die Regierung in Belgrad dessen bewusst ist", warnte die EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos.
Präsident Vucic reagierte darauf mit dem Vorwurf, der Westen und der Haager Strafgerichtshof würden ausschließlich Serben für Kriegsverbrechen verantwortlich machen und versäumten es, den serbischen Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Vorerst hat er die Entscheidung darüber, ob Mladic staatliche Ehren erhalten soll, jedoch offiziell dessen Familie überlassen.
Jasmina Lazovic vom Humanitarian Law Center glaubt, dass Vucic erneut einen pragmatischen Ansatz verfolgen wird und dass die endgültige Entscheidung davon abhängen wird, was den Behörden größeren politischen Nutzen bringt und was größeren Schaden anrichten könnte. Sie weist zudem darauf hin, dass es sich hierbei nicht nur um eine politische, sondern auch um eine rechtliche Frage handele.
"Was hier übersehen wird, ist die Tatsache, dass Ratko Mladic zwar tatsächlich General war - aber zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Nach dem Gesetz über die serbischen Streitkräfte verliert jeder, der wegen einer Straftat zu mehr als einem Jahr Haft verurteilt wurde, seinen Rang und damit alle mit diesem Rang verbundenen Privilegien. Würde Mladic mit den höchsten staatlichen Ehren entsprechend dem Rang beigesetzt, den er während der bewaffneten Konflikte der 1990er innehatte, wäre das ein direkter Verstoß gegen das Recht dieses Landes", sagt Lazovic.
Was will Serbien wirklich?
Auf die Frage, wie sie Ratko Mladic sehen, äußerten serbische Bürger, die von der DW in mehreren Städten der nordserbischen Region Vojvodina befragt wurden, stark voneinander abweichende Ansichten - manche sind davon überzeugt sind, dass Mladic zu Unrecht verurteilt wurde, andere akzeptieren seine Verurteilung wegen Völkermords vorbehaltlos.
"Was hätte er denn tun sollen, zulassen, dass sie alle Serben töten? Vielen Dank für alles", sagt ein Mann aus der Kleinstadt Ruma. "Für mich war die Sache erledigt, als das Völkermordurteil verkündet wurde", sagt ein Student aus Novi Sad. Die meisten Menschen winken jedoch einfach ab. "Ich habe genug eigene Probleme", sagte Svetlana aus Zrenjanin der DW. Goran aus Novi Sad glaubt, dass es sich lediglich um ein weiteres politisches Thema handelt. "Sie machen uns schon seit Jahren zum Narren. Daran hat sich bis heute nichts geändert."
Die Mehrheit der serbischen Gesellschaft sei apathisch, meint Jasmina Lazovic. Für sie ist dies ein größeres Problem als die regierungsnahen Medien, die Serbien so darstellen, als wolle es sich von Mladic als General verabschieden. Sich mit seinem Vermächtnis und der Vergangenheit auseinanderzusetzen, so argumentiert sie, sei für den Fortschritt der serbischen Gesellschaft unerlässlich.