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Beethovenfest 2014 - eine Bilanz

Rick Fulker4. Oktober 2014

Mit einem Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und einem "theatralen Kongress" namens "Save the World" ist das Beethovenfest in Bonn zu Ende gegangen. Es war ein Querschnitt der weltweiten Klassikszene.

Järvi Deutsche Kammerphilharmonie
Bild: picture-alliance/dpa/dpaweb

Seit 2004 ist die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen "Orchestra in Residence" beim Beethovenfest. Ihr fiel am 3. Oktober die Rolle zu, den musikalischen Schlusstakt des Beethovenfestes zu gestalten. In den vergangenen Jahren hat die Kammerphilharmonie am Geburtsort Ludwig van Beethovens exklusive Projekte - und nach Aussage seines Chefdirigenten Paavo Järvi - sogar einen speziell in Bonn geprägten Klang entwickelt.

In diesem Jahr mussten die Bremer jedoch kürzer treten: Die Aufgabe, den Sinfonienzyklus zu gestalten fiel dem City of Birmingham Symphony Orchestra zu. Deren Darbietung war hochkarätig - jedoch weniger exklusiv: Der Zyklus wurde direkt danach auch in Paris und Birmingham aufgeführt.

Insgesamt waren deutsche Klangkörper in der Minderheit beim wichtigsten Beethovenfest Deutschlands, vielleicht dem bedeutendsten weltweit. Zwei Orchester kamen aus Großbritannien, eins aus den Niederlanden, eins aus dem hohen Norden. Ein Jugendorchester reiste aus der Türkei nach Bonn. Und zwei weitere - das Baltic Sea Youth Philharmonic und das Mahler Chamber Orchestra - gaben sich betont international. Aus Deutschland traten lediglich die Münchner Philharmoniker als "Big Name"-Orchester in Bonn auf.

Andris Nelsons bietet etwas für's Auge und OhrBild: imago/CTK Photo/S. Zbynek

Augenblicke, die in Erinnerung bleiben

Passend zum Festivalmotto "Götterfunken" gab es viele aufregende Momente: Es begann mit einer leichten, luftigen Wiedergabe von Mendelssohn - beim Eröffnungskonzert mit dem London Symphony Orchester unter John Eliot Gardiner. Dann kam der Auftakt des Beethoven-Sinfonienzyklus und ein Dirigent, dem es genauso viel Spaß macht, zuzuschauen wie zuzuhören: Es ist, als besäße der Lette Andris Nelsons keine Knochen im Körper, so fließend waren seine Bewegungen, die die rund 3000 Zuschauer beim Public Viewing auf dem Bonner Marktplatz in Nahaufnahme verfolgen konnten. Dem "Crescendo-Dirigenten" (um Festival-Intendantin Nike Wagner zu zitieren) gelang es, dem Übergang vom dritten auf den vierten Satz von Beethovens Fünfter Sinfonie eine noch nie gehörte Spannung zu verleihen. Momente wie diese treffen das Wesen des Komponisten.

Warum das russische Borodin Quartet als "legendär" gilt, konnten interessierte Zuhörer an vier Abenden erfahren. Einen interessanten Mix von Bach, frühchristlicher und islamischer Musik präsentierte das Ensemble Sarband - Hingucker waren die weißgekleideten, sich drehenden Derwische. Der Ansatz war gewagt, experimentell - das Ergebnis atemberaubend. Stefan Cassomeneos, ein junger Preisträger der Beethoven Telekom Competition im Dezember 2013, gab unter anderem eine spannende Darbietung von Beethovens "Waldstein"-Sonate zum Besten.

Junge Türken gaben ihre Sicht auf BeethovenBild: DW/M.Müller

Zu welchen Leistungen ein Dirigent im Stande sein kann, zeigte Yannick Nézet-Séguin mit dem stark besetzten Rotterdams Philharmonisch Orkest: Vom subtilen Detail bis zum großen Bogen - das Energiebündel Nézet-Séguin entlockte dem Orchester eine ungeheuer große Farbpalette an Spielweisen. Man hatte das Gefühl, der Franko-Kanadier umarme das Riesenorchester - und damit gleich die ganze Welt. Dafür gerieten die Münchner Philharmoniker kräftig, virtuos und etwas lärmend - alles Eigenschaften, die dieses Orchester seinem Ruf nach eigentlich nicht haben sollte.

Musikalisch gesehen war 2014 vielleicht der schönste Jahrgang des Orchestercampus: Neben einer spannenden Uraufführung transportierte das Bikent Youth Symphony Orchestra Ankara eine klare Botschaft: Eine ambitionierte Wiedergabe von Beethovens Neunter Sinfonie. Mit seinem Baltic Sea Youth Philharmonic gestaltete Dirigent Kristjan Järvi einen Abend, an dem sich Klassik mit Rock- und Pop-Elementen vermischte. Das Experiment gelang - nicht als Publikumsanbiederung, sondern authentisch. Eine leichte, aber kräftige, bis auf die Muskelfaser entschlackte Wiedergabe von Beethoven und Strawinsky präsentierte der Norweger Leif Ove Andsnes - und zwar in einer Doppelrolle als Pianist und Dirigent.

Kristjan Järvi kennt keine Grenzen zwischen Klassik und dem RestBild: picture-alliance/dpa

Das Beethovenfest auf Seelensuche

Für das Bonner Publikum war das Fest wieder einmal eine Gelegenheit, einen aktuellen Querschnitt der weltweiten Klassikszene zu erleben. Und die Zuschauer und -hörer nahmen das vielseitige Angebot an: 87 Prozent der 39.000 Eintrittskarten zu den 60 Konzertveranstaltungen wurden verkauft. Mehr als die Hälfte der Veranstaltungen war ausverkauft. Manche Besucher kamen sogar aus Großbritannien, der Schweiz, den Niederlanden, Israel, Belgien, der Türkei, Australien, Japan, Spanien und Italien nach Bonn. Jugendprojekte, Vorträge, Ausstellungen und Kunsthappenings rundeten das Angebot ab.

Bei allem Lob für die zumeist gelungenen Sonderprojekte (zyklische Aufführung der kompletten Sinfonien, Klavierkonzerte, Violinsonaten und Streichquartette Ludwig van Beethovens) hatte das Programm bisweilen auch einiges Beliebige dabei: Konzerte, die auch anderswo zu hören sind. Beethoven stand drauf, aber nicht immer war auch Beethoven drin. Der Hinweis darauf, dass Ludwig van Beethoven jeden Komponisten beeinflusste, der nach ihm kam, ist allein kein Programmgestaltungskonzept.

Zukunftsmusik

Nike Wagner hat anderes vorBild: picture-alliance/dpa

4,7 Millionen Euro kostete das Fest, knapp 40 Prozent davon kamen aus der öffentlichen Hand. Aber was sollte das Beethovenfest bieten? Einen Querschnitt der globalen Klassikszene? Vorbehalte zu dieser Sichtweise formulierte die Intendantin des Fests, Nike Wagner, die erst 2015 das Programm durchgestalten darf. Wagner möchte ein etwas kleineres Fest, das aber die örtlichen und regionalen Kräfte stärker einbindet. Außerdem macht sie sich für eine thematisch durchdachtere Zusammenstellung stark - mit einem Motto, das sich in jeder Veranstaltung klar und nachvollziehbar niederschlägt.

Wird eine präzisere konzeptionelle Vorarbeit für weitere Götterfunken sorgen? Und kann das hohe internationale Niveau in Bonn auch in Zukunft gehalten werden? Fragen, die nach dem gerade erst abgeschlossenen Jahrgang 2014 noch offen sind...

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