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Beethovenfest 2025: Die Grenzen der Klassik sprengen

Gaby Reucher
28. August 2025

Hip Hop mit Barockinstrumenten, ein Orchester, das Sinfonien auswendig spielt, oder junge nigerianische Musizierende mit Afrobeats? Das Bonner Beethovenfest setzt unter dem Motto "Alles ultra" neue Akzente.

Das Aurora Orchester mit Solistin Alena Baeva auf der Bühne.
Das Aurora Orchester mit Solistin Alena Baeva beim EröffnungskonzertBild: Gaby Reucher/DW

Allein die Bühnenpräsenz des Aurora Ensembles sorgte beim Eröffnungskonzert des Bonner Beethovenfests für Bewunderung. Das Orchester spielte nicht nur im Stehen, sondern Schostakowitschs 5. Sinfonie auswendig, dafür gab es Standing Ovations. "Die Orchestermitglieder können untereinander, mit mir und mit dem Publikum in einer einzigartigen Art und Weise kommunizieren, da sie nicht in die Noten schauen müssen“, sagte Dirigent Nicholas Collon der DW. Natürlich sei das Auswendiglernen eine große Herausforderung. "Aber Schostakowitsch ist gar nicht so schwer zu lernen im Gegensatz zu Beethovens 9. Sinfonie".

Beethovens Violinkonzert spielte das Aurora Orchestra mit der gebürtigen Kirgisin Alena Baeva, die in ihren Solopartien glänzen konnte. Das Ensemble nahm sich einfühlsam zurück und gab der Solistin den nötigen Raum.  

Der Krieg in der Ukraine

Dimitri Schostakowitsch war unter Stalins Diktatur immer wieder mit seiner Musik in Ungnade gefallen. Seine 5. Sinfonie, die Tradition und Moderne verbindet, schrieb er 1937 und begeistert das Publikum und die Machthaber gleichermaßen.

Dabei ist dem Werk seine innere Zerrissenheit deutlich anzuhören. Mal melancholisch, dann hoffnungsvoll und dann wieder dramatisch wenn das ganze Orchester im Marschschritt unisono spielt. "Diese emotionalen Wechsel sind schwieriger zu erfassen, als die eigentlichen Noten", sagt Dirigent Nicholas Collin. 

Star-Cellistin Anastasia Kobekina ist Residenzkünstlerin beim BeethovenfestBild: Daniel Dittus/Beethovenfest Bonn

Die Zustände der Unterdrückung durch einen diktatorischen Machtapparat erinnerten an den Krieg in der Ukraine, sagte die Bonner Bürgermeisterin Katja Dörner in ihrer Eröffnungsrede. Bonn ist Partnerstadt der ukrainischen Stadt Charkiw. Dort spielen Theater und Orchester für die Menschen in Schutzräumen trotz der russischen Angriffe. 

Einige junge aufstrebenden Talente, die beim Beethovenfest in diesem Jahr auftreten, stammen aus Russland und leben im Westen. So auch die Star-Cellistin Anastasia Kobekina, die in diesem Jahr Residenzkünstlerin ist, und gleich mehrmals auftritt. Auch sie zeigt sich in ihrer Programmauswahl solidarisch mit der Ukraine. "Ich freue mich, dass sie ein neues Klaviertrio des ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov zur Aufführung bringen wird", sagte Festivalintendant Steven Walter der DW.

"Alles ultra", aber wie?

Steven Walter will beim Bonner Beethovenfest Erlebnisse schaffen, die im Gedächtnis bleiben. Seine Erfahrung: "Alles, was eine Einzigartigkeit ausstrahlt, funktioniert beim Publikum sehr gut." Der Auftritt des Aurora Orchestra ist einer von vielen einzigartigen Momenten, die in den kommenden vier Wochen das Beethovenfest unter dem Motto "Alles ultra" prägen.

Goethe während seiner Italienischen Reise fern von der Schnelllebigkeit der GroßstadtBild: akg-images/picture alliance

Der Ausdruck "ultra" geht auf den Dichter Johann Wolfgang von Goethe zurück, der sich vor 200 Jahren bei seinem Freund, dem Musiker Carl Friedrich Zelter, beklagte, dass alles "ultra" sei, dass die Welt immer schnelllebiger werde. Es beunruhigte ihn, dass die Menschen, getrieben vom technischen Fortschritt, danach strebten "schneller, weiter und höher" zu kommen. Ähnliche Befürchtungen, wie sie heute im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz bestehen.

Mit Beethoven den klassischen Rahmen sprengen

Doch "ultra" bedeutet auch, den klassischen Rahmen zu sprengen, etwas außerhalb der üblichen Gewohnheiten und Regularien zu tun. So, wie Ludwig van Beethoven mit seiner Musik, seinen Sinfonien und besonders mit den späten Klaviersonaten und Streichquartetten den bis dahin gekannten klassischen Rahmen sprengte. Gerade seine späten Werke fanden Kritiker befremdend.

Pianist Fabian Müller spielt beim Beethovenfest alle 32 Klaviersonaten von Beethoven. Die erste Hälfte hat er 2024 hinter sich gebracht, jetzt folgt die zweite Hälfte.Bild: Franz Naskrent/Funke Foto Services/imago images

Beim Beethovenfest finden genau diese Stücke ihren Platz. Der deutsche Pianist Fabian Müller ist in vier Konzerten mit Beethovens Klaviersonaten unterwegs. Das Javus Quartett widmet sich Beethovens spätem Streichquartett Opus 132 mit Dissonanzen, Klangfarben und Stimmungswechseln, die kaum spielbar sind und schon weit in die Zukunft weisen. Das Budapest Festival Orchester unter Iván Fischer wird zum Abschluss des Festivals Beethovens 7. Sinfonie spielen.

Beethoven-Fusionen mit Weltmusik und Afrobeats

Steven Walter selbst durchbricht den klassischen Rahmen, indem er Konzerte anbietet, bei denen nicht nur Klassische Musik das Programm dominiert, sondern auch Jazz, Rap und Weltmusik. Genau dafür steht das traditionelle Campus-Projekt, das Jugend-Begegnungsprojekt der DW und des Beethovenfestes. Es präsentiert in seiner 23. Ausgabe Nigeria als Gastland.

Deutsche und nigerianische Musizierende trafen sich zu ersten Proben für das Campus-Projekt in LagosBild: DW

Junge Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Jugendformationen Nigerias sowie vom deutschen Bundesjugendorchester treten am 11. September ihm Rahmen des Camus-Konzerts auf. Sie bringen unter anderem Meisterwerke nigerianischer Klassik, aber auch Neubearbeitungen deutscher und nigerianischer traditioneller Lieder zur Aufführung. Das Auftragswerk der Deutschen Welle ging an die die nigerianisch-britische Komponistin Cassie Kinoshi. Ihr Werk odò (Fluss) ist eine Hommage an die Yorùbá-Kultur Nigerias.

Unter dem Motto "Afropop meets Beethoven" sind auch Mitlieder der Band BANTU (Brotherhood Alliance Navigating Towards Unity) dabei. Gründer der Band ist der nigerianisch-deutsche Musiker, Kurator und Filmproduzent Adé Bantu, der auch am Konzept mitgewirkt hat.

Höher singen, schneller spielen, weiter denken

Andere Formationen mischen Jazz, Techno oder Latino-Rhythmen mit klassischer Musik. Das Streichquartett Brooklyn Rider wird Beethovens Streichquartette mit aktuellen Stücken der Jazzmusikerin Matana Roberts spielen. Marialy Pacheco und Francesco Tristano treten an zwei Klavieren mit Latino-Rhythmen, Musik von Johann Sebastian Bach und Techno in einen Dialog ohne ein festes Programm.

Steven Walter sorgt im positiven Sinne für Erlebniskultur mit besonderen TalentenBild: Bjorn Kietzmann/DW

Steven Walter will in diesem Jahr die "Ultras" der Musikgeschichte präsentieren. "Beethoven war ein Ultra seiner Zeit", sagt er, aber eigentlich sei jeder Mensch irgendwie "ultra". Zum Beethovenfest hat er viele junge Interpretinnen und Interpreten mit besonderen Fähigkeiten oder Herangehensweisen eingeladen. So etwa die Sängerin Golda Schultz, die in höchsten Stimmlagen singt, oder den Schlagzeuger Bernhard Schimpelsberger, der rasend schnell indische Tablas spielt, aber ebenso Werke von Maurice Ravel oder Béla Bartók begleitet.

Ein Festival für das Gemeinschaftsgefühl

Juri De Marco vom Stegreif Orchester hat mit seiner kleinen Trompete die Welt bereist. Mit seinem Instrument improvisiert er Mitsingkonzerte ohne Noten und Texte. De Marco möchte einer Welt, "in der oft alles extrem, laut und übersteigert erscheint", entgegenwirken und so gar nicht "ultra" sein.

Erstmals gibt es beim Beethovenfest Community Music mit Juri de MarcoBild: Beethovenfest Bonn

Weil Steven Walter die Teilhabe aller Menschen am Beethovenfest wichtig ist, gibt es mehrere Veranstaltungen, die zum Mitmachen einladen. Beim "Eröffnungs-Open-Air für alle" begeisterten Samy Deluxe und Mikis Takeover! Ensemble mit Rap und Barockinstrumenten das Publikum. Das Deutsche Sinfonieorchester lädt ein zum "Symphonic Mob" in der Bonner Innenstadt. Wer will, kann sein Instrument mitbringen und einfach mitspielen oder -singen.

Dieser Artikel wurde aktualisiert

Livestream Eröffnungskonzert auf YouTube DW Classical Music mit dem Aurora Orchestra am 29. August um 19 Uhr 30 MEZ

Livestream Campus Konzert “Beethoven meets Afrobeat” auf YouTube DW Classical Music mit jungen Musizierenden aus Nigeria und Deutschland am 11.September um 19 Uhr 30 MEZ

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