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Beethovenfest weckt Heimatgefühle

Gaby Reucher
3. September 2026

Eine neue Akustik und digitale Klangwelten weisen beim Bonner Beethovenfest in die Zukunft. Unter dem Motto "Nach Hause/Daheim" bereichern Musiker anderer Kulturen mit Stücken ihrer Heimat das Klangspektrum.

Beethovendenkmal auf dem Vorplatz der erleuchteten Beethovenhalle
Das Beethovenfest kehrt nach 10 Jahren in seine Heimat, die Beethovenhalle, zurückBild: Marc John/Bonn.digital/picture alliance

14 Trompeter spielen begleitet von Orgelklängen verteilt im ganzen Konzertsaal. Das lässt ein großes Klangerlebnis erwarten in der neu sanierten Bonner Beethovenhalle. Das Stück "A Call to the Heavens" hat Stefan Behrisch eigens zur Eröffnung des Beethovenfests komponiert. Außerdem spielt das London Symphony Orchestra unter Leitung des Chefdirigenten Sir Antonio Pappano beim Eröffnungskonzert am 4. September Ludwig van Beethovens "Die Weihe des Hauses" und Bruckners Neunte Sinfonie.

Die neue Beethovenhalle ist wieder Heimat für das Beethovenfest BonnBild: Marc John/Bonn.digital/picture alliance

Neun Jahre lang stand die denkmalgeschützte Bonner Beethovenhalle dem Festival nicht zur Verfügung. "Wir haben jetzt wieder einen großen Konzertsaal mit der guten Originalakustik", erläutert Philipp Seliger, Sprecher des Beethovenfests. "Wir können wieder große namhafte Orchester einladen, weil es die entsprechende Bühne und Infrastruktur gibt." Das hat auch den ungarischen Starpianisten Andras Schiff bewogen, in diesem Jahr beim Festival aufzutreten.

Musikalische Heimat für alle Menschen

Juri de Marco hat vor einem Jahr im Bonner Stadtteil Tannenbusch einen Community-Chor gegründetBild: Beethovenfest Bonn

Doch nicht nur Stars und große Orchester sollen sich in der neuen Halle musikalisch "zu Hause" fühlen, sondern auch das Publikum und Musizierende aus der Umgebung. Für letztere gibt es den extra gestalteten "Festival-Salon" wo Communities und Bands aus der Region ihr eigenes Programm gestalten können. Bei dem Projekt "Meet your Band" kann jeder kommen und mitmachen. Es ist ein niederschwelliges kostenloses Angebot für Menschen, die sonst nicht in ein klassisches Konzerthaus kommen würden.

Das Beethovenfest geht aber auch zu den Menschen in die verschiedenen Stadtteile, dort, wo sie zu Hause sind. Mit dabei auch Juri de Marco und der "Community-Chor". Juri de Marco bringt seit über einem Jahr Menschen zum Singen und Improvisieren, auch wenn sie keine Noten lesen können.

Steven Walter behandelt das Thema "Heimat" nicht nur in der Musik, sondern auch in Vorträgen und DiskussionsforenBild: Bjorn Kietzmann/DW

"Heimat ist für mich mehr ein Gefühl als ein Ort. Sie ist dort, wo man sich auf ein echtes soziales Netzwerk verlassen kann, wo Menschen merken, wenn man fehlt", sagt Festival-Intendant Steven Walter, der selbst schon an verschiedenen Orten auf der Welt gelebt hat. "Überall kam das Wohlbefinden auf die soziale Eingebundenheit an."

Beethoven neu interpretiert

In Bonn wurde Ludwig van Beethoven 1770 geboren, in Wien starb er 1827. Zum 200. Todestag im kommenden Jahr starten der Pianist Kit Armstrong und der Dirigent Jan Caeyers mit seinem Orchester "Le Concert Olympique" den großen Beethoven-Zyklus "Beethoven 27". In neun Konzerten interpretieren sie Beethovens neun Sinfonien sowie Sonaten und Klavierkonzerte ganz neu.

"Beethoven 27" heißt das neue Projekt, bei dem Kit Armstrong den Klavierpart übernimmtBild: SALVATORE DI NOLFI/KEYSTONE/picture alliance

Die ersten drei Konzerte präsentieren sie bereits in diesem Jahr beim Beethovenfest. Jan Caeyers hat sich nicht nur als Dirigent, sondern auch als Musikwissenschaftler eingehend mit Beethoven beschäftigt und unter anderem die umfangreiche Biografie "Beethoven – Der einsame Revolutionär" geschrieben. Dennoch habe er über Beethoven längst nicht ausgelernt, sagt Caeyers im DW-Interview: "Wenn ich mich mit Beethoven beschäftige, öffnen sich immer wieder ungeahnte Türen, das fesselt mich." Ähnlich geht es dem Pianisten Kit Armstrong: "Es gibt nicht nur einen einzigen Beethoven, es gibt so viele Beethovenbilder und -perspektiven, die auch nach seinem Tod noch entstanden sind. Auch diese Perspektiven sollten in einer heutigen Interpretation einfließen."

Campus-Projekt Georgien

Einige der Künstlerinnen und Künstler beim Beethovenfest bringen Musik aus ihrer Heimat mit. So der Kora-Spieler Momi Maiga aus dem Senegal oder der palästinensisch-syrische Pianist Aeham Ahmad, der bekannt wurde, weil er in den Trümmern des syrischen Bürgerkriegs für die Meschen Klavier spielte.

Lisa Batiashvili fördert auch junge Talente ihrer Heimat, darunter den Komponisten Tsotne ZedginidzeBild: picture-alliance/dpa/P. Zinken

Auch die Geigerin Lisa Batiashvili aus Georgien bringt heimatliche Klänge mit. Sie ist in diesem Jahr Residenzkünstlerin beim Beethovenfest. Mit den Dresdner Philharmonikern spielt die Geigerin unter dem Titel "City Lights" auch Stücke aus Georgien - eine persönliche Hommage. 

Georgien ist ein Festival-Schwerpunkt in diesem Jahr. Beim "Campus", dem traditionellen Jugend- und Austauschprojekt im Festival treffen junge Musiker und Musikerinnen aus Georgien und Deutschland aufeinander. Beethovens Musik erklingt im Wechselspiel mit Werken großer georgischer Komponisten. Von Heinrich Schütz singen alle im Chor die fünfstimmige Motette "Verleih uns Frieden gnädiglich". 

Die gemeinsame Übungsphase der Musizierenden vom Bundesjugendorchester mit dem Tbilisi Youth Orchestra fand bereits im Juni statt, um eine eigene Vision, ein eigenes Programm für das Beethovenfest zu entwickeln. Auch die Selbstwahrnehmung junger Künstler in einem Land, das in einer politischen Krise steckt und dessen Weg in Richtung Europa immer wieder abweicht, ist ein zentrales Thema des Projekts.

Bei den Proben in Tiflis arbeiten Dirigent Mirian Khukhunaishvili (l) und Komponist Tsotne Zedginidze (r) an dessen neuem WerkBild: Beethovenfest

Tsotne Zedginidze, ein 17-jähriger Komponist und Pianist, gilt als georgisches Ausnahmetalent. Er übernahm das Auftragswerk für das Campus-Projekt. "Chmebi: Georgian Fantasia" heißt sein Stück für Klavier und Kammerorchester, wobei das Wort "Chmebi" (auf Georgisch "Stimmen") für eine Mehrstimmigkeit im direkten und übertragenen Sinne des Wortes steht.

Nicht nur in der Klassik zu Hause

Crossover, Fusion und neue musikalische Zukunftskonzepte, darauf setzt das Beethovenfest auch in diesem Jahr. So treffen zwei verschiedene Klangwelten aufeinander, wenn der Koraspieler Momi Maiga zusammen mit dem Streichorchester "Ensemble Resonanz" über klassische Musik von Beethoven improvisiert.

Brittany Green arbeitet als Komponistin und Performerin mit Klang, Video, Bewegung und TextBild: Adley Haywood

Die US-Amerikanerin Brittany J. Green experimentiert in ihrer Komposition "gLitchED dreams//invisible BEINGS" mit KI und visuellen Effekten. Mit dem Musik-Kollektiv "Alarm Will Sound" soll ein Klangpanorama unseres digitalen Zeitalters entstehen. "Wir suchen die Beethovens unserer Zeit", sagt Philipp Seliger, "die nicht mehr nur Komponistinnen und Komponisten klassischer Musik sind".

Das Beethovenfest findet vom 3. September bis zum 3. Oktober 2026 statt, die DW ist Medienpartnerin und Mit-Gesellschafterin.

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