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Begegnungen

Rodica Binder21. September 2006

Er kennt die Realitäten in Ost und West, Leben und Werk sind geprägt vom ruhelosen Hin und Her zwischen den Kulturen: Richard Wagner, der von Rumänien nach Deutschland umsiedelte.

Richard Wagner (Archivbild)
Richard Wagner (Archivbild)Bild: PA/dpa

"Das ist also mein Land, weil ich hier lebe und nicht nur hier wohne. Ich bin Teil dieses Landes, demnächst bin ich 20 Jahre hier, und als deutscher Schriftsteller in Berlin beteilige ich mich an den Debatten dieses Landes, den Problemen auf der einen Seite, auf der anderen Seite habe ich Bezug zu den Orten hier gewonnen.

Es ist aber so, dass es ein anderes Verhältnis ist als das zu den Orten in Rumänien. Die Orte, an denen man aufgewachsen ist, wo man die Kindheit verbracht hat, da hat man ein anderes Verhältnis dazu. Man spürt da, riecht und fühlt was anderes als in den Orten in denen man später 'Zuhause' ist.
Das heißt, wenn es regnet und der Regen einen Geruch hat, so ist es der Geruch des Regens aus dem Dorf im Banat, in meiner Kindheit. Aber auch, wenn das damit nichts zu tun hat, in meinem Kopf mache ich die Assoziation da und nicht mit etwas von hier."

Spuren der Rastlosigkeit

Richard Wagners Erinnerungen sind vom Hin und Her zwischen den Kulturen geprägt. Freilich ist die Emigration in den meisten Fällen eine Reise ohne Wiederkehr. Wagner hat dies in zwei Essay-Bänden thematisiert: "Der deutsche Horizont" und "Sonderweg Rumänien". Dazu kommen noch die Überquerung des Atlantik und Aufenthalte in den USA. All das hinterlässt Spuren, die man auch in seinem jüngsten Roman "Habseligkeiten" wieder findet. Darin beschreibt Richard Wagner die Rastlosigkeit von einem, der sich auf den Weg gemacht hat ohne Ruhe zu finden.

"Worum es mir in den 'Habseligkeiten' ging, war die Ruhelosigkeit zu beschreiben, von Menschen, die ausgewandert sind und die auf der Suche nach irgendetwas sind, was sie selber nicht so genau beschreiben können. Irgendetwas haben sie gesucht, was sie nicht hatten oder was sie glaubten nicht zu haben. (...) Und solche Leute werden nie zur Ruhe kommen, das habe ich festgestellt."

Erkenntnisse aus dem Banat

Zu den Habseligkeiten - den wenigen Besitztümern eines Ausgewanderten - gehört auch das geistige Gepäck, das einer bei sich hat. Und so ergibt sich die Frage, was Richard Wagner aus Rumänien nach Deutschland mitgebracht hat:

"Ja, ich habe bestimmte Voraussetzungen mentaler Natur mitgebracht aus meinem Erleben und meinen Erkenntnissen, die mit Rumänien zu tun haben und mit dem Banat. Es sind zwei Dinge die ich da nennen würde: und zwar vieles, was ich auch aus der rumänischen Kultur erfahren und gelernt habe, soweit sie nicht provinziell ist – und da gibt es viel, was über die Provinz hinaus geht, da habe ich sehr viel gelernt von rumänischen Autoren, solange ich in Rumänien gelebt habe - war mir gar nicht so bewusst, weil das so eine Banalisierung durch das Alltägliche erlebt hatte und durch die Selbstverständlichkeit mit der man damit umgehen konnte. Aber das ist mir hier erst so bewusst geworden in meinem Unterschieden im Urteil, in intellektuellen Debatten, die hier stattfinden."

Nicht naiv in Italien

Debatten, die teilweise auch in dem Buch "Der deutsche Horizont" zu finden sind. Allein die Titel seiner Bücher lassen die Reisewege des Autors erkennen: "Ausreiseantrag", "Begrüßungsgeld", "Der Himmel von New York im Museum von Amsterdam", "Miss Bukarest" oder "Reise in das Innere des Balkans". Einige seiner Reiseziele hat er inzwischen sehr lieb gewonnen, darunter auch Italien.

"In Italien habe ich ein ganzes Jahr verbracht am Anfang der 90er Jahre - in Rom. Da war ich in der Villa Massimo, was für deutsche Schriftsteller eine geläufige Angelegenheit ist, und das war für mich damals eine Ergänzung, eine Erfahrung des 'Westeuropäischen' für mich. Auf der anderen Seite war meine Erfahrung mit Italien eine ganz andere als die meiner westdeutschen Kollegen, die meistens diese Italien-Phantasien reproduzierten, die seit Goethe so im Umlauf sind. Für mich war das ganz anders, weil ich manches von diesem 'Süden' Europas wiedererkannte. Das hatte auch mit der Sprache zu tun und zum anderen auch mit dem Zugang zur Mentalität; ich war nicht naiv in Italien, da ich eben aus Rumänien gekommen bin."

Angezogen durch eigene Lebenserfahrungen

Wenn Richard Wagner seine zukünftigen Reiseziele ins Auge fassen müsste, dann wären es Gebiete die ihm durch ihr geschichtliches Schicksal vertraut sind, Regionen von denen er sich angezogen fühlt durch die eigenen literarischen, kulturellen und Lebenserfahrungen:

"Was ich machen möchte, ist wieder nach Ostmitteleuropa zu reisen und dahin möchte ich in Abständen reisen, weil ich mir die Entwicklung ansehen will, so wie ich zum Beispiel nach Bukarest ab und zu fahre, um zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt, seitdem sie frei ist, und das interessiert mich auch an anderen Städten. (...) Aber es interessieren mich vor allem die Städte und die Urbanität, weil ich meine, dass der zentrale Begriff für die europäische Kultur die Urbanität ist und das man seit dem Mittelalter diese Entwicklung der heutigen Stadt, der europäischen Städte beobachten kann. Die Erhaltung dieser Urbanität ist der zentrale Schlüssel für die Zukunft Europas."

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