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Bei Protest im Iran: "Sie haben ihm in den Kopf geschossen"

21. Januar 2026

Bei der Unterdrückung der jüngsten Protestwelle im Iran wurden Tausende Menschen getötet - darunter der 28-jährige Mohammad. Die Familie erzählt der DW seine Geschichte.

Iran Teheran 2026 | Getöteter Demonstrant Mohammad-Saleh Zarif Moghadam bei Straßenprotesten
Der 28-jährige Mohammad Saleh Zarif Moghadam wurde im Januar bei Protesten getötetBild: Privat

Seitdem das Regime in Teheran im Zuge der jüngsten Protestwelle den Internetzugang gesperrt und internationale Telefonverbindungen gekappt hat, ist es äußerst schwierig geworden, verlässliche Informationen aus dem Iran zu erhalten.

In den vergangenen Tagen gelang es jedoch einigen Iranerinnen und Iranern im Ausland, mit Verwandten zu sprechen, die sie aus dem Iran anriefen. Einige erhielten erschütternde Nachrichten. So auch Farzaneh, die mit ihrer Familie Kontakt hatte. Ihr Neffe Mohammad Saleh Zarif Moghadam wurde erschossen.

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Die Angehörigen berichteten ihr, dass Mohammad am Abend des 8. Januar sein Haus in der Hauptstadt Teheran verließ, um sich den Protesten anzuschließen, die sich zu diesem Zeitpunkt im ganzen Land ausbreiteten. Es war nicht das erste Mal, dass er demonstrierte.

Laut seiner Tante Farzaneh hatte der 28-jährige Boxtrainer bereits 2022 an Protesten teilgenommen, nachdem die 22-jährige iranisch-kurdische Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam gestorben war. Sie war wegen angeblichen Verstoßes gegen die strengen Kleidungsvorschriften des Landes verhaftet worden.

Diesmal sollte Mohammad von den Protesten nicht zurückkehren. "Er hat sein Leben für die Freiheit geopfert", sagte Farzaneh, die in Köln lebt, im Gespräch mit der DW.

Protestierende durch scharfe Munition getötet

Die Demonstrationen begannen Ende Dezember im Großen Basar von Teheran - zunächst aus wirtschaftlichen Gründen. Sie nahmen jedoch rasch einen politischen Charakter an und breiteten sich auf das ganze Land aus.

Die Nächte vom 8. und 9. Januar sollen laut staatlichen Stellen, ausländischen Medien und Augenzeugenberichten die blutigsten gewesen sein.

"Seit Beginn der Proteste hatte Mohammad seiner Familie gesagt, dass er an jeder Kundgebung teilnehmen werde", berichtete Farzaneh. "Er hatte genug - genau wie viele andere junge Menschen im Iran." Mohammad schloss sich einem 25-jährigen Freund und dessen Freundin im Viertel Arya Shahr im Westen Teherans an.

Dort trafen sie auf Mitglieder der Basij-Miliz, einer paramilitärischen Freiwilligenorganisation der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC), die für die Unterdrückung der Proteste eingesetzt wird. "Sowohl Mohammad Saleh als auch sein Freund wurden von scharfer Munition getroffen", sagte Farzaneh. "Die erste Kugel traf ihn in die Seite."

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Die Freundin konnte fliehen und informierte später beide Familien über den Vorfall. "Nach Aussage der Freundin lebte Mohammad Saleh noch, als er zu Boden fiel", sagte Farzaneh. "Dann schossen sie ihm in den Kopf." Sein Freund wurde ebenfalls getötet.

Der Kampf der Familie um den Leichnam

Es gibt zunehmend Berichte darüber, dass iranische Behörden von den Familien getöteter Demonstranten sogenanntes "Kugelgeld" verlangen oder sie dazu zwingen, Dokumente zu unterzeichnen, in denen ihre Angehörigen als Mitglieder der Basij und nicht als Demonstranten bezeichnet werden. Die iranischen Behörden weisen beide Vorwürfe zurück.

Farzaneh zufolge stand ihre Familie auch vor dieser Wahl. Zunächst hätten die Behörden von Mohammads Eltern verlangt, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der ihr Sohn als Basij-Mitglied bezeichnet wurde. Die Eltern weigerten sich. Daraufhin hätten die Beamten Geld für die Herausgabe des Leichnams gefordert.

Ursprünglich verlangten sie laut Farzaneh 700 Millionen Toman (rund 4950 US-Dollar oder 4260 Euro) - eine enorme Summe für die meisten iranischen Familien. Nach vier Tagen Verhandlungen einigte man sich schließlich auf 200 Millionen Toman (etwa 1400 US-Dollar oder 1220 Euro).

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Mohammad wurde am Montag unter strenger Überwachung auf dem Hauptfriedhof Teherans, Behesht-e Zahra, beigesetzt.

Wie viele Menschen wurden getötet?

Sein Tod ist nur einer unter Tausenden im Zuge des gewaltsamen Vorgehens gegen Demonstrierende, dessen tatsächliches Ausmaß weiterhin unklar ist. Augenzeugen und Menschenrechtsorganisationen berichten, dass Sicherheitskräfte im ganzen Land auf Protestierende geschossen hätten.

Kommunikationssperren und strenge staatliche Kontrolle der Berichterstattung erschweren jedoch eine unabhängige Überprüfung.

Die in den USA ansässige Nachrichtenagentur Human Rights Activists News Agency (HRNA) berichtete von mindestens 4519 bestätigten Todesfällen sowie von 9000 weiteren Fällen, die derzeit noch untersucht werden. Die norwegische Organisation Iran Human Rights meldete bis Anfang der Woche mehr als 3400 Tote.

Iranische Behörden machen widersprüchliche Angaben. Ein iranischer Beamter erklärte gegenüber Reuters, mindestens 5000 Menschen seien getötet worden, darunter 500 Sicherheitskräfte. Er machte "Terroristen und bewaffnete Randalierer" für die Gewalt verantwortlich.

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Der Oberste Führer Ajatollah Ali Chamenei räumte ein, dass seit Beginn der Proteste Ende Dezember "mehrere Tausend" Menschen ums Leben gekommen seien - ein ungewöhnliches Eingeständnis, da er Opferzahlen sonst nicht nennt.

Human Rights Watch überprüfte Beweise dafür, dass viele Demonstranten durch Schüsse in Kopf und Oberkörper getötet oder verletzt wurden.

Die DW kann die Zahlen nicht unabhängig überprüfen und darf im Iran nicht frei berichten. Während die Abriegelung anhält, müssen die Familien mit ihrem Trauma leben. Mohammad hinterlässt seinen fünfjährigen Sohn Barsam.

"Seine Familie konnte ihm bis heute nicht sagen, dass sein Vater getötet wurde", sagte Farzaneh. "Wie soll man einem fünfjährigen Kind erklären, dass sie seinen Vater mit zwei scharfen Kugeln getötet haben?"

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Persisch veröffentlicht.

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