1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Blutgerinnsel in der Falle

Gudrun Heise10. Mai 2015

Halbseitige Lähmung, die Sprache ist gestört. Diagnose: Schlaganfall. Zum Tag gegen den Schlaganfall am 10. Mai weckt eine Therapiemethode besondere Aufmerksamkeit.

Katheter zur endovaskulären Therapie (Quelle: medscape):
Bild: medscape

Spektakulär gut funktioniere die Behandlung eines Schlaganfalls mit der Katheter-Methode, schwärmt Jens Fiehler vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er hat sie schon bei vielen Patienten angewendet.

Bei einem Schlaganfall verschließt ein Gerinnsel ein Gefäß. Die Blutversorgung wird durch das Gerinnsel - den Thrombus - unterbrochen. Nervenzellen sterben ab. Bei der sogenannten endovaskulären Therapie wird das Blutgerinnsel, das den Schlaganfall verursacht hat, mithilfe eines Mikrokatheters aus dem entsprechenden Hirngefäß herausgezogen. Dazu wird erst einmal die Leistenarterie punktiert. Dann führt der Arzt einen Katheter in die Halsschlagader ein. In diesem Katheter steckt ein Mikrokatheter. Der Mikrokatheter ist extrem dünn - etwa einen halben Millimeter, und aus diesem Katheter wird sozusagen eine Art Innenleben vorgeschoben, ein zusammengefalteter Stent, ein winziges Metallgeflecht.

"Dieser Stent entfaltet sich in das Blutgerinnsel hinein, dehnt sich aus und schneidet sich gewissermaßen selbst in dieses Blutgerinnsel hinein. Dann zieht man das entfaltete Metallgeflecht zusammen mit dem Blutgerinnsel heraus", erklärt Fiehler den Eingriff, der 30 bis 45 Minuten dauert und über einen Monitor kontrolliert wird. Dann ist das Gefäß wieder frei. Das klingt zuerst einmal genial - ist aber nicht für jeden Patienten geeignet.

Eine Therapie für besondere Fälle

Fast 90 Schlaganfallpatienten haben die Mediziner allein am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mit dieser Methode behandelt. Infrage kommen dafür aber nur schwere und schwerste Fälle. Das sind etwa 20.000 der insgesamt 260.000 Schlaganfälle im Jahr. "Diese Katheter-Methode kann nur bei Patienten eingesetzt werden, die einen sehr großen Thrombus in den Gefäßen haben", erläutert Joachim Röther, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft. "Wenn ein kleines Blutgerinnsel tief im Inneren des Gehirns ein Gefäß verstopft, dann ist der Weg dorthin zu weit. Hier aber geht es um große Thromben, die im Endabschnitt der Halsarterie sitzen oder in der mittleren Hirnarterie. Da kommt man mit diesem Katheter sehr gut hin und kann den Thrombus mechanisch entfernen."

Bei einem großen Gerinnsel ist auch das Gefäß entsprechend groß und versorgt ein großes Gehirnareal. Wenn das nicht mehr durchblutet wird, weil ein Blutgerinnsel das Gefäß verstopft, hat der Patient schwere Symptome. "Diese schlimm betroffenen Patienten haben dann oftmals einen Komplettausfall der Sprache oder eine so starke Lähmung von Arm und Bein, dass sie sie überhaupt nicht mehr bewegen können. Bei einem leichten Schlaganfall aufgrund eines kleinen Gefäßverschlusses ist das nicht so", sagt Fiehler. Man könne also relativ einfach beurteilen, um welche Art Schlaganfall es sich handelt.

Jens Fiehler vom Universitätsklinikum Hamburg-EppendorfBild: UKE

Ohne Wenn und Aber

Die Methode habe sich über viele Jahre immer weiterentwickelt, so Röther. "Zunächst war es einfach nur ein kleiner Katheter, über den man ein Medikament zum Auflösen des Blutgerinnsels direkt in den Thrombus hineingespritzt hat. Dann kamen nach und nach weitere technische Entwicklungen, wie die des Stents, mit dem man den Thrombus eben quasi einfangen und aus dem Gefäß rausziehen kann." Dieser graduelle Prozess begann zwischen 2007 und 2008. Dann kam der Durchbruch.

Nicht von Anfang an seien alle Kollegen von der Methode überzeugt gewesen, aber diese Skeptiker gebe es heute nicht mehr, so Fiehler. Insgesamt wurden mittlerweile fünf Studien im renommierten medizinischen Fachjournal "New England Journal of Medicine" veröffentlicht, die letzten beiden im April dieses Jahres. "All diese Studien zeigen eindeutig und ohne jeden Zweifel, dass diese Methode sehr wirksam ist", sagt Fiehler. "Das ist kein Gebiet, auf dem man verschiedene Meinungen haben kann. Es ist einfach eine Tatsache."

Noch keine flächendeckende Versorgung

Bei einem Schlaganfall zählt jede MinuteBild: picture-alliance/dpa

Ein Patient mit Schlaganfall muss so schnell wie möglich behandelt werden, damit es nicht zu den bekannten und schwerwiegenden Folgen kommt wie etwa Sprachverlust oder Lähmungserscheinungen. In allen großen Kliniken kann die Katheter-Methode angewendet werden, aber eine flächendeckende Versorgung existiert noch nicht, und das trifft vor allem Menschen, die auf dem Land wohnen.

Es gibt mittlerweile aber sogenannte neurovaskuläre Netzwerke. Sie sind von der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft initiiert worden. Innerhalb eines jeden Netzwerkes ist genau geregelt, welcher Patient wann unter welchen Voraussetzungen in welches Krankenhaus kommt. Schwer Betroffene kommen in die großen Zentren, leichter betroffene können auch in kleineren Einrichtungen erfolgreich behandelt werden. Da müsse man eben Wege finden, meint Fiehler. Dazu gehört auch, dass noch mehr Kliniken die Therapie anbieten können, die Fiehler als äußerst effizient einstuft: "Ich sage das mal so ein bisschen despektierlich: Man zieht den Stöpsel raus, und wenige Sekunden später hebt der Patient oder die Patientin wieder den Arm, fängt an zu sprechen und sagt: 'Schönen Dank'. "

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen

Mehr zum Thema

Weitere Beiträge anzeigen