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Politik

Belarus: Auf der Suche nach Angehörigen

Tatyana Nevedomskaya mo
12. August 2020

Tausende Menschen sind bei den Protesten nach der Präsidentschaftswahl in Belarus festgenommen worden. Das Schicksal von vielen ist unbekannt - andere konnten ihre Verwandten finden. Die DW erzählt drei Geschichten.

Belarus Minsk Proteste nach Präsidentschaftswahl
Ein Demonstrant während der Protestaktion in MinskBild: Reuters

Schon den ganzen Tag steht Olga zusammen mit vielen anderen Menschen in der Okrestina-Straße in Minsk vor dem Polizeigebäude, in dem Demonstranten festgehalten werden. "Sie geben uns keine Listen heraus. Die Menschen gehen zum Schalter, rufen Nachnamen und ihnen wird gesagt, ob sich eine Person dieses Namens dort befindet oder nicht", erzählt Olga.

Die Menschen harren vor dem Polizeigebäude in der Hoffnung aus, zumindest irgendetwas über ihre Angehörigen oder Freunde herauszufinden, die bei den Massenprotesten gegen das Ergebnis der Präsidentschaftswahl festgenommen wurden. Auf einer von belarussischen Menschenrechtsaktivisten zusammengestellten Liste stehen inzwischen über 300 Namen. Die Proteste hatten am Abend des 9. August gleich nach Veröffentlichung erster offizieller Wahlergebnisse begonnen. Auch in anderen Städten stehen Menschen nun seit Tagen auf der Suche nach ihren Lieben vor Gefängnissen und Polizeidienststellen und rufen Krankenhäuser im ganzen Land an.

Pawel, IT-Spezialist

Olga sucht ihren Sohn Pawel, der in der Nacht des 11. August in einem Hinterhof in der belarussischen Hauptstadt Minsk festgenommen wurde. Sondereinsatzkräfte hätten ihn an seinen langen Haaren gepackt und mit Knüppeln auf die Beine geschlagen, erinnert sich seine Mutter. "Ich bat sie, ihn in Ruhe zu lassen. Aber sie beschimpften mich. Dann stießen sie mich weg und sagten, ich solle verschwinden." Wohin ihr Sohn, ein IT-Spezialist, gebracht wurde, weiß sie nicht. Den ganzen folgenden Tag versuchte sie, das herauszufinden.

Die Polizei nimmt Demonstranten in Minsk festBild: Reuters

Aus Gesprächen mit mehreren Männern, die aus der Haft bereits entlassen worden sind, erfährt Olga, dass in Vierbettzellen bis zu 40 Personen untergebracht seien. Die Inhaftierten würden immer wieder geschlagen. Medizinische Hilfe gebe es keine. Nicht einmal Pakete würden für sie angenommen, auch nicht mit nötigen Medikamenten.

Jegor Martinowitsch, Zeitungsredakteur

"Seit zwei Tagen ist nichts über Jegor Martinowitsch bekannt", schreibt seine Frau, die Journalistin Daria Guschtyn, auf Facebook. Ihr Mann, Chefredakteur der Zeitung "Nascha Niwa", wurde am 11. August in Minsk festgenommen, als er sich nach der Arbeit auf dem Heimweg befand.

Guschtyn berichtet, die Pressesprecherin des Innenministeriums habe zunächst verschiedene Angaben zum Aufenthaltsort ihres Mannes gemacht. Schließlich habe sie gesagt, niemand wisse, wo er ist. So ist der Familie weder bekannt, warum Martinowitsch festgenommen wurde, noch wie es ihm geht.

Seine Frau hat viele Nachrichten über die sozialen Medien erhalten. Manche schrieben, ihr Mann sei so schwer geschlagen worden, dass die Polizei nun Angst habe, ihn seinen Angehörigen zu zeigen. "Ich habe alle mobilisiert, wen ich konnte. Aber seit zwei Tagen kann ich einfach nicht herausfinden, wo er und wo sein Auto ist. Viele fragen nach ihm, aber ich weiß nicht, was ich ihnen antworten soll", so Guschtyn.

Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass Martinowitsch in einem Gefängnis in der Stadt Schodsina bei Minsk gewesen ist. Seine Frau schreibt auf ihrer Facebook-Seite, er sei freigelassen worden.

Maksim Schwed, Regisseur

Der Regisseur Maksim Schwed wurde ebenfalls in der Nacht des 11. August in Minsk festgenommen, vermutlich während Dreharbeiten zu einem Dokumentarfilm. "Maksim hat an einem neuen Projekt gearbeitet, bei dem Taxifahrer und Passagiere erzählen, was sie über die Wahlen denken", erklärt seine Freundin Tatjana. Am Dienstag drehte Schwed im Epizentrum der Proteste. "Um 1.15 Uhr klingelte mein Telefon. Maksim schaltete die Freisprecheinrichtung ein. Nach allem, was ich hörte, verstand ich, dass er festgenommen wurde", so Tatjana.

Ein Krankenwagen während der Demonstration in MinskBild: picture-alliance/dpa/V. Sharifulin

"Offenbar stand Maksim auf der Liste der inhaftierten Journalisten, denn jemand hatte seinen Namen vor dem Polizeigebäude in der Okrestina-Straße gehört. Wir sind dorthin gefahren, aber dort war er nicht", sagt Tatjana weiter. Freunde des Regisseurs hätten sich daraufhin beim ärztlichen Notdienst vergeblich nach ihm erkundigt und sich auch an die belarussische Menschenrechtsorganisation Wjasna gewandt.

Schließlich, so Tatjana, konnte sie herausfinden, dass sich der Regisseur in einem Gefängnis in der Stadt Schodsina bei Minsk befindet. Er sei wegen Widerstands gegen Polizeibeamte verurteilt worden und müsse nun eine Haftstrafe verbüßen.

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