1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
Gesellschaft

Berchtesgaden verlost knappe Grabstätten

22. Juli 2018

Auf einem bayerischen Friedhof sind Grabstätten so knapp, dass die Gemeinde sie diese Woche verlost hat. Eine derart große Nachfrage ist allerdings mittlerweile eine Seltenheit, denn Begräbnisse kommen aus der Mode.

Alter Friedhof Berchtesgaden
Bild: picture-alliance/dpa/K. Pfeiffer

Viele Berchtesgadener wollen auf dem Alten Friedhof bestattet werden. Dafür gibt es gute Gründe: Er gilt als sehr schön und gepflegt, die jahrhundertealten Grabmale verströmen einen Hauch von Ewigkeit, und er liegt mitten im Ortskern der malerischen Alpenstadt.

Seit 1972 sind hier keine neuen Gräber mehr angelegt worden, doch nun waren wieder so viele Plätze frei, dass die Gemeindeverwaltung beschloss, sie neu zu vergeben - allerdings nicht wie üblich der Reihe nach, sondern per Losverfahren, weil man ein besonders gerechtes Verfahren für die beliebten Plätze suchte. Und tatsächlich gab es 280 Bewerbungen auf 200 Gräber.

Viel zu viel Grabfläche

Ungewöhnlich, aber gerecht - so findet man den Losentscheid auch beim Bundesverband der Deutschen Bestatter BDB in Düsseldorf. Ebenso ungewöhnlich sei aber das Problem an sich, denn der Trend ist ein anderer: "Im Allgemeinen besteht auf den Friedhöfen in Deutschland ein großes Überangebot an freien Grabflächen", sagt BDB-Generalsekretär Stephan Neuser. Viele Gemeinden hätten deshalb bereits Friedhöfe verkleinert oder ganz geschlossen.

Auch dem Hamburger Kulturhistoriker Norbert Fischer fällt spontan nur ein Friedhof als Gegenbeispiel ein: "Auf dem St.-Severin-Kirchhof auf der Nordseeinsel Sylt, weil sich dort viele Menschen bestatten lassen, die dort gar nicht leben."

Einäscherung statt Beerdigung

Die Ursache für die freien Grabflächen liege auf der Hand, sagt BDB-Mann Heuser: "Immer mehr Menschen entschließen sich zu einer Feuerbestattung, anstelle einer Erdbestattung. Und die benötigen einfach viel weniger Platz."

Mittlerweile werden zwei Drittel aller Verstorbenen in Deutschland eingeäschertBild: picture-alliance/dpa/ZB/J. Lösel

Zu Beginn der Weimarer Republik, also vor knapp 100 Jahren, wurden in Deutschland weniger als zwei Prozent der Toten eingeäschert. Nach dem Zweiten Weltkrieg lag der Anteil in der Bundesrepublik um die zehn Prozent, während die Feuerbestattung in der DDR zum Standard wurde. Mittlerweile, gibt die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas an, werden deutschlandweit rund zwei Drittel aller Verstorbenen eingeäschert.

Ein wichtiger Grund ist die Abwendung vieler Menschen von den kirchlichen Statuten und damit von der christlichen Tradition der Erdbestattung - der Körper soll dem Glauben nach für die Auferstehung erhalten bleiben.

Mobilität und Individualismus

Praktische Gründe sind stattdessen in den Vordergrund gerückt, stellt Volkskundler Fischer fest: "Familienmitglieder leben heute oft hunderte Kilometer auseinander." Klassische Familiengräber würden daher kaum noch geschaffen. Außerdem wohne niemand mehr in der Nähe, um sich um das Grab zu kümmern: "Die Kosten der Grabpflege wollen viele ihren Hinterbliebenen ersparen." Auch Neuser vom BDB bestätigt: Geld sei durchaus ein Faktor, und Feuerbestattungen seien meist preiswerter als Erdbestattungen.

Kolumbarien sind einfach zu pflegen und sind platzsparendBild: picture-alliance/dpa/O. Berg

Viele Friedhöfe haben deshalb Kolumbarien errichtet, wie man sie aus dem Mittelmeerraum kennt: Mauern mit zahlreichen Nischen, in denen Urnen beigesetzt werden. In der Stadt Krefeld wird gerade eine ganze Kirche in eine Grabeskirche mit Kolumbarium umgebaut.

Hinzu komme der Individualismus als Triebfeder. Die deutschen Gesetze ziehen zwar enge Grenzen: Tote müssen - eingeäschert oder nicht - auf Friedhöfen bestattet werden. Und es gibt nur zwei Ausnahmen: Die Asche von Verstorbenen kann auf See verstreut oder in Bestattungswäldern beigesetzt werden. "Innerhalb dieser Rahmenbedingungen aber", sagt Kulturhistoriker Fischer, "gibt es sehr kreative Ansätze."

Bestattungswald, Gemeinschaftsgrabfelder, Grabeskirchen

So wurden in den letzten Jahren zahlreiche Gemeinschaftsgrabstätten gegründet - privat organisierte Begräbnisstätten, die als Friedhöfe anerkannt werden. "Bereits in den 1990er-Jahren gab es Gemeinschaftsgrabstätten für mittellose AIDS-Tote, die sonst als Sozialbestattung möglicherweise anonym beigesetzt worden wären", sagt Fischer. Deutschlandweit gibt es zum Beispiel auch mehrere Frauenfriedhöfe und in Gelsenkirchen ein Begräbnisfeld für Fans des Fußballvereins Schalke 04.

Das "Schalke FanFeld" in Stadionform. Der Kreis um das Wappen ist Vereinsgrößen vorbehaltenBild: picture-alliance/augenklick/firo Sportphoto

Ökonomisch gesprochen könnte man also sagen: Der klassische Friedhof hat seine Monopolstellung verloren und die Konkurrenz wächst. Tatsächlich spricht Bestattungsexperte Neuser in diesem Zusammenhang von Friedhöfen wie von Wirtschaftsunternehmen im Wettbewerb: "Sie müssen neue Konzepte entwickeln und sie auch präsentieren, damit die Menschen ihr Angebot kennenlernen."

Der Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg tut das mit Bravour. Er präsentiert auf seiner Internetseite nahezu die gesamte Palette: Kolumbarium, Krypta, Baumgräber, Grabstätten zur individuellen Gestaltung, Bestattungen nach islamischem Ritus oder chinesischer Tradition und vieles mehr.

Privat oder öffentlich

Gerade angesichts der Vielfalt rät Bestattungsexperte Neuser, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen: "Unsere Aufgabe als Bestatter ist es, zu beraten - nicht nur Hinterbliebene, auch Menschen, die ihren Angehörigen nicht nur Kosten, sondern auch Entscheidungen ersparen wollen."

Die Vornamen Verstorbener auf einer Baumplakette zeigen zwei Trends: Bestattungswälder und AnonymitätBild: picture-alliance/dpa/J. Büttner

Auch wenn das ein wenig Marketing nach in eigener Sache klingt - es gibt vieles zu bedenken, worauf nicht jeder allein kommt. "Trauerorte sollten öffentlich sein. Auch für Freunde und Kollegen kann es wichtig sein, Tote besuchen zu können, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten." Deshalb sieht Neuser anonyme Bestattungen ebenso kritisch wie den - in Deutschland verbotenen aber präsenten - Trend, Urnen zu Hause aufzubewahren.

Norbert Fischer stimmt dem nur bedingt zu: "Gedenkorte sind wichtig für die Trauerarbeit, aber es muss kein Grabmal sein." Die Rituale hätten sich immer wieder gewandelt, so seien zu Zeiten der Französischen Revolution, dem Gleichheitsgedanken folgend, anonyme Reihengräber beliebt gewesen. "Jugendliche trauern teils sehr intensiv im Internet, in Sozialen Medien oder eigens eingerichteten Seiten für Verstorbene", sagt Fischer.

Glückliches Ende in Berchtesgaden

Die Verlosung in Berchtesgaden indes ist wohl für die meisten Teilnehmer zufriedenstellend verlaufen. Denn am Ende blieben doch noch 85 Gräber übrig. Offenbar hatten sich Menschen mehrfach beworben. Freie Grabwahl hat mit dem ersten Los eine 53-jährige Berchtesgadenerin. Sie hat damit sich und ihrem Mann ihre Grabstätte auf dem Alten Friedhof gesichert.

Jan D. Walter Jan ist Redakteur und Reporter der deutschen Redaktion für internationale Politik und Gesellschaft.