Berlin: Archäologen auf Schatzsuche in der Hauptstadt
27. Dezember 2025
Was hat es mit den aufgesägten Ziegenschädeln auf sich, die zuhauf im Berliner Erdreich gefunden werden? Es sind oft kleine Dinge, die etwas über vergangene Zeiten verraten, weiß Eberhard Völker, Archäologe beim Landesdenkmalamt: Er und seine Kollegen vermuten, dass Ziegenhirn im Mittelalter eine begehrte Delikatesse war.
Völker leitet die Ausgrabung am Molkenmarkt in Berlins Mitte. Mit Schaufel, Kelle und Pinsel gräbt er sich hinab in die Vergangenheit. Bei vier Metern Tiefe ist er im Mittelalter angelangt: am Geburtsort Berlins. Exakt diese vier Meter ist die Stadt durch Brandreste und Schutt in 800 Jahren gewachsen. "Genau hier liegt die Keimzelle Berlins", sagt er und zeigt auf die Erdhügel hinter sich.
Funde aus der Latrine
Der Molkenmarkt ist eine der größten innerstädtischen Grabungen Deutschlands auf mehr als 22.000 Quadratmetern: ein gigantisches Loch Bagger entfernen Asphalt und Beton; im Erdreich beginnt dann die mühevolle Handarbeit der Archäologen. Seit 2019 suchen sie hier nach Spuren einer vergangenen Epoche, entlocken der Erde ihre Geheimnisse. Über 750.000 Einzelstücke haben sie bereits gefunden.
Eberhard Völker hält einen dicken Holzteller in der Hand, ein seltenes Fundstück. Gut erhalten, doch er stinkt erbärmlich. Kein Wunder, er überdauerte die Jahrhunderte in einer Latrine, einer mittelalterlichen Jauchegrube, und hat den Geruch der Fäkalien angenommen. Zu riechen auch noch nach 800 Jahren. In diesem speziellen, sauerstoffarmen Klima trotzt Organisches wie Holz, Textil oder Leder dem Verfall. Daher finden Archäologen in alten Klos oder versiegten Brunnen ihre größten Schätze, dienten sie der mittelalterlichen Stadt doch auch als Mülleimer.
Völkers Lieblingsfund: eine kleine Tonfigur - die Heilige Katharina, die laut Legende wegen ihres christlichen Glaubens gerädert und geköpft wurde. Sie schmückte wohl einen Hausaltar, sollte die Familie vor Schicksalsschlägen bewahren.
Besonders wertvoll: ein seltener Goldring mir Granat. Vielleicht rutschte er beim Wasserholen vom Finger, fiel in den Brunnen? Stoff für Phantasie. Und ein unscheinbarer brauner Fetzen aus Seide belegt: Schon in den frühen Jahren der Stadt gab es Handel mit China, denn nur dort wurden damals Seidenraupen gezüchtet.. Auch eine Knochenflöte aus dem 14. Jahrhundert ist unter den Funden.
PETRI: ein Heim für Berliner Schätze
Der Molkenmarkt gilt als ältester Markt Berlins. Völker und seine Kollegen bringen ein verborgenes Archiv Berliner Geschichte ans Licht. Regelmäßig macht der Archäologe Führungen durch das Gelände. Sie sind stets ausgebucht, das Interesse ist riesig.
Noch etwa zwei Jahre dürfen die Archäologinnen und Archäologen den Boden durchwühlen, dann wird die gigantische Ausgrabung wieder zugeschüttet, neue Stadtquartiere werden hier entstehen. Alles, was Völker findet, wird wissenschaftlich dokumentiert, analysiert und interpretiert: ein riesiger Datenspeicher Berliner Vergangenheit.
Doch wohin mit all den Schätzen? Sie treten eine kurze Reise an. Nur wenige hundert Meter entfernt, eröffnete im Sommer 2025 ein neues Museum: das PETRI. Erbaut wurde es auf den Mauern der im Zweiten Weltkrieg stark zerstörten und später gesprengten mittelalterlichen Petrikirche und einer Lateinschule, deren Fundamente im Untergeschoß präsentiert werden.
Das PETRI füllt eine große Lücke. Nicht nur Schulklassen gehen hier ein und aus, auch Touristen aus dem Ausland haben das neue Museum für sich entdeckt. Hier zeigt Berlin, dass es nicht nur von den Goldenen Zwanziger Jahren, der Nazi-Zeit und dem Mauerbau erzählen kann. Berlin ist auch Mittelalter. Eine unbekannte Seite der Stadt, die es zu erforschen gilt.
Das PETRI stellt Funde aus, wie einen Kinderschuh aus dem Mittelalter - aber es geht hier nicht nur um Stücke hinter Glas. Das PETRI will mehr und präsentiert sich als Laboratorium: Durch große Fenster kann jeder die Arbeit der Restauratoren in offenen Werkstätten beobachten. Das Museum will vergessene Geschichte nahebringen, aber auch das Faszinosum Archäologie.
Eine neue Ruhestätte für die Toten
Im Untergeschoss birgt das Museum eine Überraschung: Vor einer Wand liegt ein frischer Blumenstrauß, darüber ist zu lesen: "Ins Paradies mögen Engel dich geleiten." Des Rätsels Lösung: Zu der Petrikirche gehörte auch ein uralter Friedhof. Hunderte Urberliner wurden im Rahmen der Ausgrabungen exhumiert und dann noch einmal feierlich in einem Ossarium, einem Knochenhaus, bestattet.
Hier lagern die Knochen der Ureinwohner Berlins in Schubladen. Und erzählen, namenlos, über ihr Leben. Ein Totenbuch hält ihre Schicksale fest: Karies, ein komplizierter Bruch, ein anderer starb viel zu früh.
Wann hat Berlin Geburtstag?
Wissenschaftliche Analysen der Knochen belegen: Berlin ist viel älter als gedacht. Der 800. Geburtstag der Stadt wird erst im Jahr 2037 zelebriert, aber ganz offensichtlich liegt der runde Geburtstag eigentlich schon einige Jahrzehnte zurück.
Die Dachterrasse des PETRI liefert eine Sicht auf den tosenden Verkehr und auf den zugebauten Stadtkern Berlins. Verborgen unter der Erde liegt das Mittelalter, die tiefen Wurzeln einer von der Geschichte gebeutelten Stadt. Mit den Ausgrabungen am Molkenmarkt und dem PETRI geben Archäologen wie Eberhard Völker Berlin seine verlorene Mitte zumindest in Teilen wieder.