1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Das Geschäft mit Äthiopiens Marathonläufern

Peter Wozny
28. September 2019

Wenn die Lauf-Weltelite bei einem Marathon antritt, geht es nicht nur um den Sieg. Das Geschäft mit Athleten aus Kenia, Tansania oder Äthiopien ist lukrativ. Da zählt ein Erfolg in Berlin manchmal mehr als ein WM-Titel.

Berlin Marathon | Birhanu Legese
Bild: SSC EVENTS/PHOTORUN

Kenenisa Bekele, Birhanu Legese, Leul Gebrselassie und Sisay Lemma sind zumindest auf dem Papier die stärksten Läufer im Feld - vier Äthiopier. "Uns gibt das einen Schub, wenn wir uns auf diesem Niveau direkt messen können", sagt Legese. "Absprachen gibt es aber untereinander nicht. Wir trainieren an verschiedenen Orten und haben uns erst hier in Berlin getroffen."

Dass so viele Äthiopier vorweg laufen hat aber auch strategische Gründe, wie Renndirektor Mark Milde erläutert. Anders als in der Vergangenheit erwarten die Veranstalter in diesem Jahr keinen Weltrekord. 2018 lief Eliud Kipchoge die 42 Kilometer sensationell in 2:01:39 Stunden und verbesserte den Weltrekord um mehr als eine Minute. "Es ist schwierig an das letzte Jahr anzuknüpfen. Daher haben wir einen anderen Fokus gesetzt", sagte Milde. 

Um das Rennen trotzdem attraktiv für die Zuschauer zu machen, setzen die Veranstalter nun auf Spannung an der Spitze, idealerweise bis ins Ziel, "Wir haben dafür Läufer gesucht, die zwischen 2:03 und 2:05 Stunden laufen können. Da waren in diesem Jahr vor allem Äthiopier verfügbar", erklärt der Renndirektor.

Läufer werden gesetzt wie Schachfiguren

Die Favoriten auf einen Sieg in Berlin kommen aus ÄthiopienBild: SSC EVENTS/Petko Beier

Die Läufer werden gesetzt wie Schachfiguren, damit die Rennen attraktiver werden. Eine gängige Strategie, von der auch die Sportler profitieren. "Berlin ist eine Chance für mich. Laufe ich hier ein gutes Ergebnis, hat das Einfluss auf kommende Läufe", erklärt Legese. Denn der Wert eines Athleten berechnet sich über Zeiten und Platzierungen. Konkret: Je schneller die persönliche Bestzeit, desto höhere Start- und Sponsorengelder können Athlet und das jeweilige Management verlangen.

"Wenn es um Antritts- und Siegprämien geht, ist Berlin nicht unbedingt eine Top-Adresse. Aber für Bestzeiten gibt es kaum einen schnelleren Kurs“, erklärt Gerard van de Veen. Der Niederländer ist einer der Top-Manager in der Laufbranche. Mit seiner Agentur "Volare Sports" betreut er eine ganze Reihe von Eliteläufern. Darunter auch die Berlin-Gewinner Geoffrey Mutai (2012), Wilson Kipsang (2013) und Dennis Kimetto (2014).

Wettkämpfe werden sorgfältig verteilt

Der 66-Jährige und sein Team handeln für die Läufer nicht nur die Verträge aus, sie halten ihnen auch sonst den Rücken frei, damit sie sich ganz auf ihren Sport konzentrieren können. Sie organisieren Flüge, Hotels, Visa und sorgen für Trainingsmöglichkeiten und Tempomacher. Und natürlich kümmern sie sich um die Vermarktung. Dafür erhält "Volare Sports" einen bestimmten Anteil der Einnahmen. Branchenüblich sind 15 Prozent. Damit am Ende die Ergebnisse stimmen muss auch die Verteilung der Wettkämpfe sorgfältig geplant werden. "Das machen wir aber nur in Absprache mit den Athleten", versichert van de Veen.

In Afrika hat "Volare Sports" ein dichtes Netz an Scouts und Trainern. Doch van de Veen begibt sich am liebsten selbst auf Talentsuche "Man muss das Talent erkennen. Geoffrey Mutai habe ich bei einem Nachwuchsrennen in Kenia gesehen. Da wurde er Zweiter. Mir wurde geraten, den Sieger zu verpflichten, aber ich wollte nur Mutai. Er hatte eine spezielle Art zu laufen.“ Mutai gewann später die Marathons in Boston, New York und Berlin.

Betrüger sind große Gefahr für die Läufer

Verdient sein Geld mit Läufern aus Äthiopien - Gerard van de VeenBild: Imago Images/UPI Photo

Die Liste der Erfolge seiner Klienten ist lang. Doch die Top-Verdiener bleiben die Ausnahme unter den Läufern. Bei den meisten reicht es für ein gutes Auskommen, aber nicht für eine sorgenfreie Zukunft. Daher sieht auch van de Veen die Gefahr, dass zwielichtige Berater oder Ärzte die Situation der Läufer ausnutzen könnten: "Wir sitzen in Europa, die Läufer in Afrika. Wir können sie nicht 24 Stunden am Tag überwachen."

Berater, die mehr Geld versprechen, Ärzte, die bessere Zeiten garantieren: "In Afrika kommt man leicht an Dopingmittel wie EPO. Es gibt Ärzte, die es den Läufern anbieten", erklärt van de Veen. Seine Sportler bringt er monatlich auf den neuesten Stand, was Doping betrifft und setzt auf Abschreckung "Sie wissen, dass ein Dopingvergehen ein sofortiges Ende des Vertrages bedeuten würde und wahrscheinlich auch das Ende der Karriere", so der Sportmanager.

Lieber durch Schöneberg als in Doha

Eine Karriere, in der jede Sekunde wertvoll ist und damit auch minutiös geplant wird. Der Profit kommt vor den Medaillen. Daher ist der ebenfalls an diesem Wochenende angesetzte Marathon bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha relativ unattraktiv für die Läufer: Ein Start um Mitternacht bei extremer Hitze vor wenigen Zuschauern verspricht keine guten Zeiten. Deshalb ziehen viele Top-Läufer City-Läufe in Europa einem möglichen WM-Titel vor. Berlins Stadtteil Schöneberg steht somit höher im Kurs als Doha.

Anders ist das bei den Olympischen Spielen. Sie sind das große Ziel eines jeden Marathon-Läufers. Und darum geht es auch in Berlin, denn hier könnten sich viele Athleten schon das Olympia-Ticket sichern, wenn sie die Norm von 2:12:30 Stunden unterbieten. Dass jede Nation nur drei Läufer für die Spiele von Tokio nominieren darf, verschärft den Kampf an der Spitze des Rennens in Berlin in diesem Jahr. Denn dadurch wird mindestens einer der vier äthiopischen Favoriten als Verlierer ins Ziel kommen.

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen