Ein Wildschwein entwendet einem Nacktbader in Berlin die Tasche, der Bestohlene nimmt die Verfolgung auf, und eine Augenzeugin macht Fotos. Die gehen um die Welt.
Friedlich suchten die Bache und ihre Frischlinge zwischen den Badegästen auf der Liegewiese am Teufelssee nach EssbaremBild: picture-alliance/dpa/F. Gutierrez
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Es mögen Jahrtausende vergangen sein, seit ein unbekleideter Mann zuletzt die Wildschweine der mitteleuropäischen Tiefebene jagte. Bis nun ein splitternackter Mann im Vollsprint einer Bache mit zwei Frischlingen nachsetzte. Das Trio hatte dem FKK-Badegast am Berliner Teufelssee seine Tasche entwendet.
Eine geistesgegenwärtige Augenzeugin hielt die archaische Szene mit ihrem Smartphone fest, teilte sie über Instagram und Facebook und machte sie zum Hit im Internet - und zwar nicht nur in Deutschland. Selbst der australische Journalist Jonathan Swan, der gerade erst mit einem vielbeachtete Trump-Interview Schlagzeilen machte, teilte die Story über Instagram und Facebook.
Die Reaktionen reichten von Spott über Belustigung bis hin zu Anerkennung für die Selbstironie des Mannes. Der nämlich, sagte die Urheberin Adele Landauer der Deutschen Presse-Agentur, habe schallend gelacht, als sie ihm die Bilder gezeigt habe, und ihrer Veröffentlichung zugestimmt.
FKK-Kultur in Deutschland
Die Tradition der Freikörperkultur, kurz FKK, reicht in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert zurück. Dabei geht es nicht um sexuelle Freizügigkeit, sondern eher um Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit.
In der DDR galt die FKK als eine der wenigen Freiheiten, mit denen man sich ungestraft den sozialen und sozialistischen Zwängen entziehen konnte. Deshalb findet man auch heute noch in den neuen Bundesländern und Berlin besonders viele Stellen, an denen das Nacktsein erlaubt oder zumindest geduldet ist. Grundsätzlich ist es aber in Deutschland verboten, sich unbekleidet in der Öffentlichkeit aufzuhalten.
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Nacktsein beliebt, aber nicht bei jedem
Der Berliner Teufelssee im Westen Berlins ist laut der Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel" seit "vielen Jahren ein beliebter Ort für Nudisten und Personen aus der queeren Community". Und dass man dort Sonne, Luft und Wasser unbehelligt nackt genießen darf, stellte die Bezirksverwaltung im vergangenen Juni noch einmal klar.
Dazu sah sie sich veranlasst, weil gefälschte Plakate aufgetaucht waren, denen zufolge der Teufelssee laut behördlicher Anordnung "nicht mehr als geduldeter FKK-Bereich" genutzt werden durfte. Die angebliche Begründung: "Jeder Mensch hat das Recht, unsere Freizeit- und Erholungsgebiete zu genießen, ohne moralisch, sittlich oder religiös Anstoß nehmen zu müssen", hieß es auf dem Plakat.
Angeblich fällt es Deutschen deutlich leichter als Menschen aus anderen Ländern, sich am Strand oder in der Sauna nackt zu zeigen. Eine kurze Geschichte der Nudistenbewegung, bekannt als Freikörperkultur FKK.
Bild: picture-alliance/dpa/B. Pedersen
Der freie Körper
Nackt sein gehört zur deutschen Kultur wie Technomusik und Spargelzeit. Auch wenn die Identifikation mit der Freikörperkultur (FKK) bei den jüngeren Generationen langsam schwindet, sind an vielen Stränden noch immer FKK-Gebiete markiert. Auch in Parks und Spas können Nackt-Enthusiasten ihrem Freiheitsgefühl nachgehen.
Bild: Imago/D. Matthes
Ein gesundes Hobby
Im späten 19. Jahrhundert glaubten viele Deutsche, es sei gesund, in einem der vielen Seen des Landes "textilfrei" zu baden. Es wurde zum Trend, aus den Industriestädten in die Natur zu gehen. Manch einer begann, nackt zu wandern oder Sport zu treiben. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 1933 und zeigt zwei Frauen am Chiemsee in Bayern.
Bild: picture-alliance/IMAGNO/Christ
Nackte Körper im Film
Die Idee, Gesundheit durch Freizügigkeit in der Natur zu steigern, war auch ein Leitmotiv des Films "Wege zu Kraft und Schönheit" mit der umstrittenen deutschen Schauspielerin und Filmemacherin Leni Riefenstahl. Der Streifen aus dem Jahr 1926 war einer der populärsten Lehrfilme der Stummfilmzeit, die körperliche Bewegung wie Tanzen und Baden propagierten.
Bild: Imago
FKK und die Nazis
Leni Riefenstahl wurde später Hitlers Lieblingsfilmerin; in ihrem zweiteiligen Film "Olympia", der die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgriff, verherrlichte sie die athletische Figur der Arier. Während die Nazis die FKK zunächst untersagten, wurde das Nacktschwimmen 1942 wieder erlaubt - sofern es in abgelegenen Gebieten diskret geschah. Viele Förderer der FKK-Bewegung waren Linke.
Bild: Criterion
Ein Stück Freiheit in der DDR
In den 1950er Jahren starteten Avantgardisten in der DDR die ersten unbekleideten Gehversuche. In den 70er Jahren war FKK schließlich weit verbreitet. Nackt zu baden war eine der wenigen Freiheiten, während das Leben in der DDR auf andere Weise streng kontrolliert wurde - also machten die Menschen davon umfassend Gebrauch. Hier sonnen sich 1986 Nudisten am Müggelsee in Ost-Berlin.
Bild: picture-alliance/dpa/T. Uhlema
FKK an der Ostsee
Auch an den Stränden der Ostsee wird FKK bis heute zelebriert. Die Praxis verbreitete sich jedoch nicht auf der polnischen Seite der Küste. Nach Polens EU-Beitritt war es zwar leicht, von einem Land ins andere zu laufen, Nudismus allerdings sorgte für Spannungen zwischen den Orten auf beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze.
Bild: Imago/argum/C. Lehsten
Der Spirit von FKK
Diese Nudisten in Leipzig anno 1980 haben den FKK-Spirit verinnerlicht: den Körper feiern, frei von Kleidung. Die Praxis ist übrigens nicht mit Sex verbunden, es geht vielmehr darum, sich von sozialen Zwängen zu befreien. Hübscher Nebeneffekt: Es gibt nach dem Sonnenbad keine lästigen weißen Streifen von der Badekleidung.
Bild: Imago/imagebroker
Nicht nur im Osten: Münchens Ausnahmen
Öffentliche Nacktheit ist in der bayerischen Landeshauptstadt tabu; Ausnahmen gibt es im Englischen Garten und am Flaucher, einem Abschnitt der Isar, der ein beliebtes Ziel für Nudisten ist, wie dieses Bild von einem heißen Tag 2002 belegt. FKK-Gebiete sind als solche gekennzeichnet und wer dort abhängt, will keine Touristenattraktion sein.
Bild: Imago/K-P. Wolf
Berlins eigene Regeln
Auch Berlin hat - wohl wegen seiner teilweisen DDR-Vergangenheit - eine gewisse FKK-Tradition. Beim Spaziergang durch den Park kann man möglicherweise mehr Fleisch sehen als erwünscht. Zwar ist öffentliche Nacktheit auch in der Hauptstadt nicht erlaubt, in Grünanlagen wie dem Mauerpark, Volkspark Friedrichshain (Bild, 1999) und Tiergarten ist sie aber geduldet - solange sich niemand an ihr stört.
Bild: Imago/Lem
Eine Leidenschaft für Millionen Deutsche
Als in Berlin die Mauer fiel, saß die spätere Kanzlerin Angela Merkel in der Sauna - es war ihr Donnerstagsritual. Rund 31 Millionen Besucher zählen die 2300 öffentlichen Saunen in Deutschland jedes Jahr. Die meisten Einrichtungen stehen beiden Geschlechtern offen. Aber Vorsicht! Diese Saunen unterscheiden sich von sogenannten FKK-Saunen oder Clubs, die eigentlich Bordelle sind.
Bild: picture-alliance/dpa/P. Pleul
Nackt in der Wildnis
Es ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Wer sich aber doch mal in Freikörperkultur üben will, kann im Harz auf 18 Kilometern eine Nacktwanderung machen, von der Stadt Dankerode bis zum Stausee Wippertal. Aber Vorsicht vor den Brennesseln!
Bild: picture-alliance/dpa
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Dass nicht jeder in Deutschland die Freikörperkultur mag, weiß man auch beim Deutschen Verband für Freikörperkultur. Ein strukturelles Problem sieht Präsident Wilfried Blaschke laut Tagesspiegel jedoch nicht: Auf dem Land lasse die Akzeptanz nach, dafür würden die Mitgliederzahlen der FKK-Vereine in großen Städten sogar wieder steigen.
Ein Laptop als Jagdtrophäe
An der Nacktheit des Berliner Wildschwein-Jägers nahmen die Anwesenden dementsprechend keinerlei Anstoß. Im Gegenteil, wie die Dokumentarin der Szene, Adele Landauer, in ihrem Instagram-Account schreibt: "Jeder von uns bewunderte ihn, wie zielstrebig er war, und als er zurückkam, mit seiner gelben Tasche, klatschen und gratulierten wir ihm für seinen Erfolg." Landauer, die als Persönlichkeits-Coach arbeitet, bemerkte: "Das passiert, wenn Du Dich auf Deine Ziele konzentrierst."
Für das Wildschwein dürfte es kein großer Verlust gewesen sein. Denn die geraubte Tasche enthielt nicht etwa Lebensmittel, sondern den Laptop des Mannes - womit dieser laut Landauer auch sein beherztes Eingreifen erklärte.
Doch damit nicht genug. Am Folgetag ging Landauer wieder zu dem See, wie sie auf ihrer Facebook-Seite schreibt. Und wieder waren die Bache und ihre Frischlingen dort und suchten zwischen den Badegästen seelenruhig die Wiese nach Essbarem ab. Obwohl Wildschweine, insbesondere im Beisein ihrer Jungtiere, durchaus aggressiv gegen Menschen auftreten können, kamen in diesem Fall alle Beteiligten unbeschadet davon. Wohl auch ein Zeichen dafür, dass Wildtiere sich an den Menschen gewöhnen und den Lebensraum Stadt für sich erobern.
Berlin mag an eine Betonwüste erinnern, doch die wilde Tierwelt der Hauptstadt ist vielfältig. In keiner anderen deutschen Stadt leben mehr Vögel. Und bei Nacht streunen Füchse, Wildschweine und Hasen durch die Straßen.
Bild: picture-alliance/dpa/J. Carstensen
Der Fuchs ist los
Wenn du plötzlich nach einer durchzechten Nacht in Berlin einem Fuchs gegenüberstehst, mach dir keine Sorgen - du halluzinierst nicht. Die komplette Großstadt ist zu einem Lebensraum für Füchse geworden, sagt Naturschützerin und Wildtierberaterin Katrin Koch. Tatsächlich zeigen Studien, dass es mittlerweile mehr Fuchsbaue in der Stadt gibt als in den Wäldern.
Bild: Reuters/F. Bensch
Verspielte Waschbären
Nicht nur Füchse könnten dir unerwartet über den Weg laufen. Auch Waschbären sind überall in Berlin zu finden. Sie klettern mit Vorliebe an Häusern hoch und spielen in Gärten und Parks oder sogar an belebten Straßen. Waschbären sind ausschließlich in Höhlen lebende Tiere. Und Höhlen sind in der Stadt häufiger zu finden als auf dem Land, sei es in Dächern, Kaminen oder in ausgehöhlten Bäumen.
Bild: NABU Berlin
Wildschweine auf Entdeckungstour
Als wären wilde Füchse und Waschbären mitten in Berlin nicht schon furchteinflößend genug, du könntest auch an ein Wildschwein geraten. Sie leben zwar normalerweise an den Stadträndern, aber in letzter Zeit kommen sie immer öfter in das Stadtzentrum, sagt Koch. Die gute Nachricht: Sie haben noch niemanden angegriffen und stellen keine Gefahr dar - genauso wie Füchse und Waschbären.
Bild: picture-alliance/dpa
Guten Tag, Herr Biber!
Obwohl Biber in Berlin nicht heimisch sind, haben sie die Stadt im letzten Jahrzehnt zu ihrem Zuhause gemacht. Das liegt daran, dass die Spezies geschützt ist und es nicht erlaubt ist, sie zu jagen. Heute sind Havel und Spree von Bibern bevölkert - also nimm dich in Acht vor den pelzigen Tieren mit den vorstehenden Zähnen, wenn du an einer der zahlreichen Wasserläufen Berlins ein Bad nimmst.
Bild: picture alliance/Arco Images GmbH
Kunstflieger Fledermaus
Gotham mag das Zuhause von Batman sein, aber Berlin ist die Stadt der Fledermäuse. Einer ihrer Lieblingstreffpunkte ist die Zitadelle im Bezirk Spandau, wo tausende ein riesiges Überwinterungsquartier unter Beschlag nehmen. Du kannst sie aber auch bei ihren Sturzflügen im Zentrum der Stadt beobachten - Gebäude fungieren dann als künstliche Felswände.
Bild: picture-alliance/dpa/S. Thomas
Süße Häschen
Egal ob es gerade ein heißer Sommertag oder eine verschneite Winternacht ist, wenn du genau hinguckst, siehst du die süßesten Berliner von allen: Häschen! Hasen lieben es in Parks, wie dem Kleistpark, herumzulungern, oder hoppeln plötzlich aus einem Busch hervor. Ich habe sogar einmal einen Fuchs umgeben von einer Hasenfamilie mitten in Berlin gesehen. Vielleicht sollte ich weniger feiern gehen.
Bild: NABU/Jens Scharon
Der Seltenste von allen
Die größte Sensation unter Berlin wilden Tieren ist zugleich der seltenste: der Seeadler. Laut Koch kehrte der erste Seeadler 2002 nach Berlin zurück - nach fast einem Jahrhundert. Er ist der größte Raubvogel, den Berlin zu bieten hat. Das nächste Mal, wenn du einen großen braunen Vogel mit einer großen Spannweite und einem gelben Schnabel in Berlin umherfliegen siehst, mach ein Foto!
Bild: picture-alliance/dpa
Der Mitbewohner
Der bekannteste Falke in Berlin ist der Turmfalke. Sie leben gerne hoch über uns, dort wo es frische Luft gibt - und genug Platz, so wie in Wandöffnungen oder Erkern. Turmfalken sind heute durch den Naturschutzbund (NABU) geschützt, der in ganz Berlin Nistkästen an Schulen, Kirchen und Industriegebäuden installiert hat - und sie damit zu Bewohnern von Apartments macht wie die meisten Berliner.
Bild: Imago/McPhoto/blickwinkel
Der freche Berliner Spatz
Berlin ist die Stadt mit der größten Zahl - und Vielfalt - an Vögeln in ganz Deutschland. Dazu gehören Singvögel genauso wie Raubvögel, und sogar große Möwen. Der niedlichste ist aber der kecke Berliner Spatz, der dir mit Freude aus der Hand frisst. Während die Population der Spatzen in anderen deutschen Städten wie Hamburg abnimmt, blüht sie in Berlin regelrecht auf.
Bild: NABU/Nikolai Kraneis
Tierisch gute Party mit der Nachteule
Eines der eigentümlichsten wilden Tiere Berlins ist die Nachteule, oder das Partytier. Ihr Lebensraum sind die Bezirke Neukölln, Friedrichshain und Kreuzberg. Die Spezies lässt sich gut an den mit Glitzer bedeckten Körpern, an der Vorliebe für Club Mate und ihrer Faszination für elektronische Beats erkennen. In den frühen Morgenstunden kannst du die Partytiere schlafend in der U-Bahn vorfinden.