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FilmEuropa

Berlinale 2024: Warum der Ehrenbär-Gewinner polarisiert

Elizabeth Grenier
19. Februar 2024

Der Filmemacher Martin Scorsese wurde auf der diesjährigen Berlinale mit dem Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Er hat Meisterwerke geschaffen, aber auch für viel Aufregung gesorgt.

Martin Scorsese lächelt  im Mai 2007 in Cannes in die Kamera.
Der legendäre Regisseur Martin Scorsese hat schon so manche Kontroverse ausgelöstBild: Getty Images/AFP/F. Dufour

Martin Scorsese ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten Regisseure und Produzenten Hollywoods. Seine Sammlung an Preisen und Auszeichnungen kann sich wahrlich sehen lassen. Am 20. Februar 2024 kam eine weitere Ehrung hinzu: Der 81-Jährige erhielt den Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk.

Seit 1967 hat er bei 26 Spielfilmen und vielen weiteren Dokumentarfilmen Regie geführt. Sein neuestes Werk, "Killers of the Flower Moon", handelt von der systematischen Ermordung amerikanischer Ureinwohner des Osage-Stamms in den 1920er-Jahren. Die Täter: weiße Siedler, die das ölreiche Land erobern wollten. Der Film basiert auf historischen Tatsachen und ist für zehn Oscars nominiert, darunter eine für Lily Gladstone, die damit als erste amerikanische Ureinwohnerin für einen Academy Award in der Kategorie Beste Schauspielerin nominiert wurde.

Während der Film von vielen Seiten gelobt wurde, gehen die Meinungen innerhalb der indigenen Gemeinschaft auseinander: "Das Hauptproblem ist, dass wir diese Art von Geschichten hauptsächlich aus der Perspektive der weißen Kolonisatoren erzählen", sagte etwa Jeremy Charles, ein Cherokee-Filmemacher, der New York Times.

Leonardo DiCaprio und Lily Gladstone in "Killers of the Flower Moon"Bild: Melinda Sue Gordon/dpa/picture alliance

Es ist nicht das erste Mal, dass Scorsese für einen seiner Filme kritisiert wird. Lange bevor in der Filmbranche Forderungen nach mehr Diversität und Geschlechtergerechtigkeit laut wurden, polarisierten seine Werke.

Hier sind fünf Kontroversen, die zum Vermächtnis des Regisseurs Martin Scorsese gehören.

1. Der Vorwurf der Gewaltverherrlichung

Schon früh in seiner Karriere entwickelte der Regisseur seine typischen Themen wie Machogehabe und Machtausübung. Die Gewalt in "Taxi Driver" (1976) und die Besetzung einer Kinderprostituierten mit der damals zwölfjährigen Jodie Foster machten das mit der Goldenen Palme ausgezeichnete Meisterwerk zu einem umstrittenen Film.

Angeblich war "Taxi Driver" einer der Auslöser für die wahnhafte Besessenheit eines Mannes namens John Hinckley Jr., der 1981 versuchte, Präsident Ronald Reagan zu ermorden, weil er, wie er sagte, "Jodie Foster beeindrucken wollte".

Manche Kritiker Scorseses meinen, der Regisseur müsse das Verhalten seiner Protagonisten in seinen Filmen direkter verurteilen. Doch Scorsese findet solche moralischen Haltungen "mehr als langweilig", wie er kürzlich in einem Interview mit Timothee Chalamet für die Zeitschrift GQ sagte. Er bezog sich dabei auf die Reaktionen auf "The Wolf of Wall Street" (2013). Auch dieser Film stand im Verdacht, "psychopathisches Verhalten zu verherrlichen".

Der junge Robert de Niro im Film "Taxi Driver"Bild: akg-images/picture alliance

2. Scorsese und die katholische Kirche - eine komplizierte Beziehung

Bevor er seine Leidenschaft für das Kino entdeckte, wollte Scorsese Priester werden. Er ist bis heute ein bekennender Katholik.

Viele seiner Filme drehen sich um Glaubensfragen. Doch mit dem Film "Die letzte Versuchung Christi" (1988) verärgerte er konservative Katholiken.

Der Film enthält eine halluzinatorische Sequenz, in der Jesus (gespielt von Willem Dafoe) Sex mit Maria Magdalena hat. Die Vorführungen wurden von Protesten begleitet. Der Film wurde in verschiedenen Ländern verboten, darunter auch in Argentinien, dem Geburtsland von Papst Franziskus.

Inzwischen scheint das Verhältnis zwischen dem Vatikan und dem provokanten Regisseur wieder aufgetaut zu sein. Nach einer Vorführung seines Films "Silence" (2016) über die Verfolgung von Jesuitenchristen im Japan des 17. Jahrhunderts hatte Scorsese sein erstes Treffen mit dem Papst. Anfang dieses Jahres kündigte der Regisseur an, dass er einen weiteren Film über Christus drehen wolle. Dieser soll auf dem Roman "Das Leben Jesu" basieren.

Willem Dafoe in der Rolle des Jesus, der zwischen den Versuchungen irdischer Vergnügungen und dem Willen Gottes hin- und hergerissen istBild: United Archives/picture-alliance

3. Streit mit Marvel-Fans

In einem Interview mit dem Empire-Magazin aus dem Jahr 2019 erklärte Scorsese, die Marvel-Superheldenfilme seien für ihn kein Kino. Er verglich sie mit "Themenparks" und argumentierte, dass ihnen die emotionale und psychologische Tiefe fehle, die er mit echtem Kino verbinde.

Regisseure und Stars des Marvel Cinematic Universe wurden aufgefordert, auf seine Äußerungen zu reagieren. Das Thema hat sich zu einem Streit zwischen ihm und den Fans der Superhelden-Blockbuster entwickelt. Ausgang offen.

4. Scorseses teure Partnerschaft mit Netflix

Obwohl er einst die Meinung vertrat, dass Streaming-Dienste das Kino "entwerteten", tat er sich dann doch für "The Irishman" (2019), seinen Film mit Robert De Niro, Al Pacino und Joe Pesci in den Hauptrollen, eng mit Streaming-Anbieter Netflix zusammen.

Der Filmemacher erklärte, niemand sonst in Hollywood sei bereit gewesen, für die Produktion zu zahlen, in der eine bahnbrechende - und teure - "De-Aging"-Technologie zum Einsatz kam. Das Budget belief sich auf 250 Millionen Dollar. Dem Hollywood Reporter zufolge überdenkt Netflix derzeit sein Vorgehen. Die "Ära der teuren Eitelkeiten", die Scorsese die Produktion dieses Films ermöglichte, sei "wahrscheinlich vorbei".

Weil "The Irishman" Jahrzehnte umspannt, wurden die Schauspieler Al Pacino, Joe Pesci und Robert De Niro in bestimmten Szenen jünger dargestelltBild: Netflix/dpa/picture alliance

5. Die fehlenden Frauenfiguren

Diese Debatte hat Scorsese während seiner gesamten Karriere begleitet, wurde aber nach der Veröffentlichung von "The Irishman" neu entfacht: In dem dreieinhalbstündigen Film sagen Frauenfiguren nur ein paar wenige Sätze.

Ein Blick in seine Filmografie zeigt jedoch, dass der Filmemacher auch Werke mit starken weiblichen Hauptfiguren inszeniert und nuanciertere Darstellungen von Frauen gedreht hat, darunter "Alice Doesn't Live Here Anymore" (1974) und "The Age of Innocence" (1993) oder seine aktuelle Netflix-Serie über die New Yorker Ikone Fran Lebowitz.

"Alice Doesn't Live Here Anymore" zeigt Ellen Burstyn in der Rolle einer Witwe auf der Suche nach einem besseren LebenBild: Mary Evans/IMAGO

Scorsese beschreibt seine Arbeit als eine Erkundung der Menschheit, die wenig mit der Geschlechtertrennung zu tun habe, wie er kürzlich in einem Interview mit der britischen Tageszeitung The Guardian sagte: "Ich versuche herauszufinden, wer wir als menschliches Wesen sind, als Organismus, woraus unsere Herzen gemacht sind."

Aus dem Englischen adaptiert von Rayna Breuer.