1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Ungewisse Zukunft für die Berlinale

Elizabeth Grenier
26. Februar 2026

Nach einer Krisensitzung bleibt das Schicksal von Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle offen. Die diesjährigen Filmfestspiele waren überschattet von heftigen Kontroversen rund um den Nahost-Konflikt.

Eine Frau steht auf der Bühne an einem Podium und und spricht in ein Mikrofon.
Tricia Tuttle empfand die diesjährige Berlinale als "emotionale Herausforderung"Bild: Liesa Johannssen/REUTERS

Die Berlinale sorgt weiter für Schlagzeilen: Nach dem Eklat bei der Preisverleihung trat am Donnerstag der Aufsichtsrat der Filmfestspiele zu einer Sondersitzung zusammen. Einberufen hatte das Treffen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer; sein Büro erklärte anschließend: "Heute Morgen fand eine Aufsichtsratssitzung der KBB GmbH im Kanzleramt statt. Die Gespräche über die Ausrichtung der Berlinale werden in den kommenden Tagen zwischen der Intendantin, Tricia Tuttle, und dem Aufsichtsratsgremium fortgesetzt."

Zuvor hatte die deutsche Boulevardzeitung Bild berichtet, Weimer beabsichtige, Tuttle als Festivaldirektorin zu entlassen. Das Blatt meldete, Weimer und Tuttle seien übereingekommen, dass ein "Neustart" nötig sei.  

Ebenfalls erwähnt wurde ein Pressefoto vom 15. Februar, das Tuttles Glaubwürdigkeit angeblich beschädige. Auf dem Foto posiert die Festivaldirektorin gemeinsam mit dem Team des Films "Chronicles From the Siege" des palästinensisch-syrischen Regisseurs Abdallah Alkhatib. Während verschiedene Mitglieder des Filmteams ein Kufija-Tuch tragen und eine Person eine palästinensische Flagge hochhält, trägt Tuttle selbst keinerlei Symbole. 

Unterstützung für Tuttle aus Kunst und Belegschaft 

Im Vorfeld der Sitzung hatten zahlreiche Personen ihre Unterstützung für Tuttle öffentlich bekundet: Über 500 Berlinale-Beschäftigte unterzeichneten eine Erklärung gegen ihre mutmaßliche Absetzung. Zudem unterschrieben mehr als 700 deutsche und internationale Filmschaffende einen offenen Brief mit der Forderung, dass Tuttle nicht für die Gaza-bezogene Kontroverse verantwortlich gemacht werden dürfe. 

Die Berlinale: ein politisches Festival 

Die diesjährige Berlinale war die zweite unter der Leitung von Tricia Tuttle. Am Ende eines zehntägigen Festivals, das von einem Social-Media-Shitstorm rund um die Aussage von Jurypräsident Wim Wenders geprägt war, Filmemacher sollten sich "aus der Politik heraushalten", zeigten die Gewinnerfilme der Hauptpreise, Ilker Çataks "Yellow Letters" und Emin Alpers "Salvation", dass die Berlinale neben Cannes und Venedig weiterhin das politischste der drei großen europäischen Filmfestivals bleibt.

Trotz der in einem offenen Brief an das Festival formulierten Vorwürfe der "Zensur" gegen Künstler, die sich zu Gaza äußern, nutzten auch in diesem Jahr verschiedene Preisträger ihre Dankesreden, um politische Statements zu diesem Thema abzugeben.

Völkermord-Vorwurf: Minister verlässt den Saal

Ein Preisträger kritisierte die deutsche Regierung besonders deutlich. Der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib, der für seinen Film "Chronicles From the Siege" den Preis für das beste Debüt erhielt, sagte, man habe ihn als Geflüchteten in Deutschland davor gewarnt, in seiner Rede "rote Linien" zu überschreiten. Dennoch sagte er - nach dem Wortlaut des Simultanübersetzers: "Sie machen mit beim Genozid Israels in Gaza. Und ich glaube, dass sie intelligent genug sind, um diese Wahrheit zu erkennen. Aber sie wählen, dass es ihnen nicht wichtig ist."

Der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah AlkhatibBild: Ronny Hartmann/AFP

Bundesumweltminister Carsten Schneider, der als einziges Regierungsmitglied anwesend war, verließ während Alkhatibs Rede den Saal. Später erklärte er, diese Äußerungen seien "inakzeptabel".

Wolfram Weimer, Beauftragter der Bundesregierung für Kultur, wies den Vorwurf zurück, Deutschland sei Partner eines Völkermords im Gazastreifen: "Diese Falschbehauptungen sind bösartig und vergiften die politische Debatte. Sie zerstören die Würdigungen der Filmkunst auf der Berlinale", sagte er dem "Tagesspiegel".

Deutschland gilt als einer der engsten Unterstützer Israels und ist Israels zweitgrößter Waffenlieferant - vor allem wegen seiner historischen Verantwortung für den Holocaust. Diese politische Haltung wird als "Staatsräson" bezeichnet.

Menschenrechtsexperten und Wissenschaftler der Vereinten Nationen sehen Anzeichen für einen Völkermord Israels im Gazastreifen. Israel weist dies entschieden zurück und bezeichnet sein Handeln als Selbstverteidigung nach den Terrorangriffen der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023.

Festivaldirektorin: "Wir bekommen keine Anweisungen"

Der deutsche Staat finanziert rund 40 Prozent der Berlinale. Angesichts erheblicher Kürzungen im Kulturhaushalt steht das Festival unter Druck, die staatliche Unterstützung weiterhin zu sichern.

Festivaldirektorin Tricia Tuttle betont jedoch, dass dies die inhaltliche Freiheit des Festivals nicht einschränke: "Es gibt eine strategische Aufsicht, in dem Sinne, dass ich über finanzielle Fragen berichte", sagte sie der DW. "Aber was wir tun, was wir sagen, liegt vollständig bei uns. Wir bekommen keine Schreiben. Wir bekommen keinerlei Anweisungen."

In dem offenen Brief an die Berlinale wird argumentiert, das Festival habe sich in der Vergangenheit politisch positioniert - etwa gegen den russischen Angriffskrieg in der Ukraine oder zur Unterstützung iranischer Proteste - nicht jedoch offiziell zur Situation in Gaza.

Tuttle begründet dies damit, dass dieses Thema "sehr polarisierend" sei. "In jedem Gespräch muss man die Komplexität der Situation berücksichtigen."

Druck von mehreren Seiten

Die Berlinale wird auch von israelischen Behörden und Kulturkommentatoren genau beobachtet.

Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, lobte Schneider für sein Zeichen, die Gala zu verlassen: "Respekt für Minister Schneider und seine moralische Klarheit", sagte er der "Bild". Die Berlinale riskiere ihren guten Ruf, wenn sie "eine Plattform für Israel-Hasser" werde.

Ein Blogger der "Times of Israel" schrieb, "Deutschlands kulturelle Elite spielt mit dem Feuer", während ein Kommentator der "Jüdischen Allgemeinen" Alkhatibs Rede als "Hetze" bezeichnete.

Auf der anderen Seite setzte auch die Kampagne, die von der Berlinale eine offizielle Stellungnahme zu Gaza fordert, Filmschaffende unter Druck. Während der Pressekonferenzen wurden sie immer wieder nach ihren politischen Positionen gefragt.

Dies führte nicht nur zu Wenders' umstrittenem Ausspruch "Haltet euch aus der Politik raus“, sondern auch dazu, dass vielen anderen Fragen gestellt wurden, die nichts mit ihren Filmen zu tun hatten.

"Das tut den Filmen nicht gut, wenn am Ende nur noch über Kontroversen geschrieben wird und nicht über die Filme", sagte Tuttle. Die aufgeladenen Fragen schadeten nicht nur dem Festival, sondern auch den eingeladenen Künstlern: "Menschen werden gezwungen zu sprechen. Wenn sie nicht sprechen, gilt das als Affront. Wenn sie sprechen und nicht sagen, was der Fragesteller hören will, ist das ebenfalls ein Affront. Und wenn sie das Falsche sagen, ist das ein riesiges Problem."

Der viral verbreitete Wenders-Clip führte außerdem dazu, dass die indische Autorin Arundhati Roy das Festival boykottierte. Sie sagte, die Forderung, Filmschaffende sollten sich aus der Politik heraushalten, sei "ein Versuch, eine Debatte über ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Verstummen zu bringen - und das während es sich in Echtzeit vor unseren Augen abspielt und Künstler, Schriftsteller und Filmemacher alles in ihrer Macht Stehende tun sollten, um es zu verhindern."

Jurypräsident Wim WendersBild: Axel Schmidt/REUTERS

"Künstlerinnen und Künstler sind frei, ihr Recht auf Meinungsfreiheit so auszuüben, wie sie es selbst entscheiden", sagte Tricia Tuttle mit Blick auf den Aufruhr in den sozialen Medien. Von ihnen "sollte nicht erwartet werden, dass sie sich zu allen übergeordneten Debatten über frühere oder aktuelle Praktiken eines Festivals äußern, auf die sie keinen Einfluss haben."

Goldener Bär für "Yellow Letters"

Ilker Çatak, dessen Film "Yellow Letters" den Goldenen Bären gewann, hielt eine der eindrucksvollsten Reden des Abends. Der Fokus solle nicht auf Social-Media-Zitaten liegen, die Filmschaffende gegeneinander ausspielen, sagte er: "Wir sind keine Feinde. Wir sind Verbündete." Die eigentliche Bedrohung seien "Autokraten, rechte Parteien und die Nihilisten unserer Zeit. Lasst uns nicht gegeneinander kämpfen. Lasst uns gegen sie kämpfen."

Ilker Çatak nimmt den Goldenen Bären für "Gelbe Briefe" entgegenBild: Ebrahim Noroozi/AP Photo/picture alliance

"Yellow Letters" erzählt von zwei Künstlern, die wegen ihrer politischen Ansichten ihre Stellen an einem staatlichen Theater verlieren. Der türkischsprachige Film nutzte Berlin und Hamburg als Kulisse für Ankara und Istanbul. Das politische Drama bleibt bewusst vage: Die Namen der Politiker werden nicht genannt, ebenso wenig wird detailliert erklärt, was genau zu dem Arbeitsverbot führte.

Einige Kritiker fanden diese Unbestimmtheit problematisch, andere sahen gerade darin eine Stärke - vor allem, weil der Film in Deutschland gedreht wurde. Das erinnere daran, dass Zensur von Künstlern überall geschehen könne, nicht nur in der Türkei.

Während die Berlinale durch die polarisierten Debatten unserer Zeit navigiert, bleibt die Hoffnung, dass sie ihrem Anspruch treu bleibt, vielfältigen - auch kontroversen - künstlerischen Stimmen Raum zu geben.

Aus dem Englischen übersetzt von Silke Wünsch

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen
Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen