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Live-Kunst in Pandemie-Zeiten

24. März 2021

Berliner Kulturhäuser stemmen sich gegen den Dauer-Lockdown und öffnen testweise ihre Pforten. Aber wie geht das - mitten in der dritten Corona-Welle?

Dirigent I Kirill Petrenko
Kirill Petrenko beim Dirigieren der Berliner Philharmoniker 2019Bild: Emmanuele Contini/NurPhoto/picture alliance

Als die Berliner Philharmoniker am 20. März erstmals seit mehr als einem Jahr wieder vor großem Publikum spielen durften, war die Freude groß - bei Chefdirigent Kirill Petrenko und seinem Orchester ebenso wie bei den 1000 zugelassenen Zuschauern, die den Musikern frenetisch applaudierten. Endlich ein Schritt in Richtung Normalität, den nach dem langen Lockdown so viele sehnsüchtig herbeisehnen. Ganz begeistert twitterte Hornistin Sarah Willis ihre Freude darüber in die Welt hinaus und bekam prompt ein Antwort mit Herz von der Pariser Philharmonie, die auch schon seit gefühlten Ewigkeiten geschlossen ist.

Aber wie ist das möglich - ein Konzert mitten in Seuchenzeiten, in denen die britische Mutante die Inzidenzzahlen in Deutschland wieder in die Höhe treibt? So viele Leute auf einen Haufen, wo man sich überall im Land derzeit mit maximal zwei, drei Leuten außerhalb des eigenen Haushalts treffen darf? Der Versuch: sich mit ausgeklügelten Hygienekonzepten und bester Belüftung im Saal gegen die Krise zu stellen. Nur wer neben der Eintrittskarte ein negatives Testergebnis in der Tasche hatte, durfte hinein. Und testen lassen konnte man sich direkt am Einlass. "1000 Menschen, 1000 Testungen, alle negativ", freute sich Andrea Zietzschmann, die Intendantin der Berliner Philharmoniker.

Raus auf der Lockdown-Schleife

Das Konzert war Teil eines Pilotversuchs, Live-Kunst unter Pandemie-Bedingungen möglich zu machen. Denn seit Beginn der Pandemie dürfen kulturelle Einrichtungen je nach Corona-Inzidenzzahl öffnen oder schließen. Im Sommer 2020 sah es nach Entspannung aus, im November wurde wieder dicht gemacht, Anfang März 2021 kam der Beschluss, dass Museen, Zoos und Geschäfte - unter Auflagen - wieder öffnen dürfen. Dann ordnete die Regierung am 22. März wegen der alarmierenden Zahl der Neuansteckungen mit dem Coronavirus eine "Osterruhe" an, in der im Land alles schließen soll - um sie zwei Tage später nach massiver Kritik wieder zu kippen.

Einlass beim Berliner Ensemble: endlich wieder ins Theater! Bild: Annegret Hilse/Reuters/dpa/picture alliance

"Wenn wir irgendwie aus dieser Schleife des Auf/Zu, Auf/Zu rauskommen wollen, muss ich doch ein Gefühl dafür entwickeln, wie ich Normalität absichern kann", sagt Berlins Bürgermeister Michael Müller bei einer Pressekonferenz am 23. März. Impfen sei der Königsweg; aber bekanntlich hapert es ja in Deutschland daran, da es nicht genug Vakzine gibt. Insofern setzt man aufs Testen - auch beim Berliner Pilotprojekt, an dem neben der Philharmonie auch die Volksbühne und die Deutsche Oper beteiligt sind. Den Anfang hatte das Berliner Ensemble gemacht; 350 Zuschauer waren zugelassen, die Karten waren - genau wie bei  allen anderen acht Live-Veranstaltungen - in Windeseile ausverkauft.

Warum die Kultur und nicht die Gastronomie? 

Einige hätten ihn gefragt: "Bürgermeister, du redest darüber, dass die Zahlen hochgehen und Dinge wieder eingeschränkt werden sollen und gleichzeitig werden Modellprojekte ermöglicht. Wie kommt das?", sagt Michael Müller und gibt gleich die Antwort: Es sei ein Versuch zu erproben, wie es endlich wieder weitergehen könne. Ein Modellprojekt mit Öffnungsszenarien, das neben der Kultur auch auf andere Branchen wie zum Beispiel die arg gebeutelte Gastronomie oder Hotellerie ausgeweitet werden soll, die seit Monaten keine Gäste mehr empfangen dürfen. 

Dass das Testen in der Charité (Berliner Krankenhaus, Anm. d. Red.)  gut laufe, überrasche keinen, so Müller, aber in der Philharmonie habe das eben auch geklappt. "Wir halten fest an unserem Modellprojekt, man muss Erfahrungen sammeln."

In der Philharmonie war für die Besucher extra ein Testzentrum eingerichtet worden Bild: Stephan Rabold/dpa/picture alliance

Aus dem Berliner Senat kommt Rückenwind. "Testprojekte sind laut einer Klausel ausdrücklich erlaubt", sagt Pressesprecher Daniel Bartsch der DW. Und wenn Termine wegen Regierungsbeschlüssen wie der "Osterruhe fürs ganze Land" verschoben werden müssten, dann würden sie eben zeitnah nachgeholt. "Es ergibt ja keinen Sinn, wenn die Regierung einen kompletten gesellschaftlichen Stillstand beschließt und in dieser Zeit dann die Pilotveranstaltungen stattfinden." Aber", und das betont er ausdrücklich, "es ist wirklich nur ein Pausieren!"

Ein Projekt zum Nachahmen?

Die Staatsoper unter den Linden hatte sich schon auf eine Verschiebung der Aufführung von Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" um ein paar Tage eingestellt, als die "Osterruhe" wieder zurückgenommen wurde. Das ewige Hin und Her von verordnetem und zurückgezogenem Shutdown zerrt an den Nerven. "Wir haben ja keine große Wahl", sagt Pressesprecherin Victoria Dietrich der DW. "Wir müssen jetzt sehen, wie wir gemeinsam eine Entscheidung treffen."

Sicherheitsabstand und negative Corona-Tests: Bedingung für das Live-Konzert Bild: Stephan Rabold/dpa/picture alliance

Bei den Berliner Philharmonikern ist man jedenfalls froh, dass alles so gut gelaufen ist. Im April, wenn alle Live-Veranstaltungen des Pilotprojekts über die Bühne gegangen sind, soll in Zusammenarbeit mit Medizinern und Hygienikern die Auswertung des Pilotprojektes erfolgen, so Intendantin Zietzschmann. "Wir brauchen eine gesunde Balance aus Sicherheit und der Ermöglichung von Dingen für die Gesellschaft."

Ob das in ganz Deutschland mit Spannung beobachtete Berliner Pilotprojekt weiterlaufen oder bundesweit sogar zum Standard erhoben werden kann, bleibt abzuwarten. Aber immerhin ist es ein Anfang, die von allen schmerzlich vermisste Live-Kunst wieder möglich zu machen.

Aktualisierung vom 26.03.: Eines der ersten Ergebnisse des Pilotprojekts ist, dass bei Kulturveranstaltungen mit Coronatests pro
Ticket Kosten von etwa 20 Euro anfallen. 

Aus Sicht von Andrea Zietzschmann, Intendantin der Stiftung Berliner
Philharmoniker, kann das Pilotprojekt "eine Perspektive schaffen,
dass wir einen kreativen, konstruktiven und verantwortungsbewussten
Umgang finden, mit der Pandemie wieder Kultur veranstalten zu
können". Das Projekt habe "nicht nur große Bedeutung für Berlin,
sondern auch für die ganze Kulturlandschaft". (Quelle: dpa)

 

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