Beruf und Berufung
5. Dezember 2013
Aus allen Ecken dringen laute Geräusche an die Ohren von Gerd Liesegang, doch er fühlt sich trotzdem wohl. In riesigen Hallen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) werden die U-Bahn-Waggons der Hauptstadt gewartet. Seit mehr als vierzig Jahren ist Liesegang für die BVG tätig, lange als Schlosser, inzwischen in der Fortbildung. Länger ist er nur dem Fußball treu geblieben, sagt er auf einem Rundgang durch die Werkstätten. "Pro Jahr stehen mir dreißig Urlaubstage zu, zwanzig davon gehen fürs Ehrenamt drauf." Beruf und Berufung: untrennbar verbunden.
Mit zwölf Jahren hatte sich Liesegang in einem Kreuzberger Verein eingeschrieben. Er wurde Jugendbetreuer, Trainer, Bezugsperson. Seit 2004 ist er Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes. Er hat Projekte gegen Gewalt und Diskriminierung auf den Weg gebracht, die in ganz Deutschland kopiert wurden, dafür ist Liesegang mehrfach ausgezeichnet worden, auch mit dem Bundesverdienstkreuz. Doch er weiß, dass diese Zeremonien mit seinem Alltag wenig zu tun haben. "Ich muss immer wieder einen Spagat schaffen, schließlich dürfen wir Ehrenamtler unsere Jobs nicht schleifen lassen."
"Der DFB hat sich vom Ehrenamt entfernt"
Die Zivilgesellschaft wird von 580.000 Vereinen getragen, sieben Mal so viele wie vor fünfzig Jahren, mehr 90.000 Vereine sind es im Sport. "In ländlichen Regionen ist die Einbindung des Ehrenamtes noch stärker ausgeprägt als in urbanen Räumen", sagt Sebastian Braun, Direktor des Instituts für Sportwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin. In vielen Forschungen hat Braun das Bürgerschaftliche Engagement untersucht.
Jeden Tag steht Liesegang um vier Uhr auf, damit er nach Dienstende ab 14 Uhr Fußballtermine wahrnehmen kann. Doch oft wird er von Lokalpolitikern am Vormittag zu Versammlungen gebeten, die den Fußball betreffen. "Leider gibt es nicht überall Verständnis für unsere Probleme." Er schließt den Deutschen Fußball-Bund, seinen Dachverband, in die Kritik ein. Früher seien Termine in der DFB-Zentrale in Frankfurt für ehrenamtliche Vertreter leichter erreichbar gewesen. "Inzwischen hat sich der DFB vom Ehrenamt ein bisschen entfernt", sagt Liesegang. "Die Profis zählen immer mehr."
Vereine sorgen sich um Existenz
Die meisten Vereine - relativ zur Einwohnerzahl - gibt es im Saarland, die wenigsten in Hamburg. Das geht aus einer Studie hervor, die vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft erhoben wurde. Vereine für Bildung oder soziale Dienste haben in den vergangenen zehn Jahren eine Gründungswelle erlebt. Im Sport verläuft die Zahl der Neugründungen auf bescheidenem Niveau. Die Vereine haben es schwer ihre Posten zu besetzen. Das geht aus dem Sportentwicklungsbericht hervor, der vom Deutschen Olympischen Sportbund, dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft und der Sporthochschule Köln herausgegeben wird.
Neun Prozent der Vereine nehmen dieses Problem als existenzbedrohend wahr. "Viele Vereine setzen noch immer auf die so genannte Ochsentour: Sie favorisieren traditionelle Bindungen, also einmal auf Schalke, immer auf Schalke", berichtet der Sportsoziologe Sebastian Braun. "Doch angesichts zunehmender Mobilität wollen sich viele Menschen nicht mehr auf eine Organisation konzentrieren. Sie engagieren sich für bestimmte Projekte, die befristet sind." Auch der demografische Wandel spiegelt sich im Ehrenamt: Nur langsam wächst die Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund, die sich über Training und Wettkampf hinaus in ihren Vereinen engagieren. Der stärkste Zuwachs von Ehrenamtlichen ist bei Menschen zu erkennen, die älter als 65 Jahre sind.
Netzwerk zwischen Vereinen, Schulen und Universitäten
Wie soll der Sport darauf reagieren? Immer mehr Vereine und Verbände bringen Konzepte im "Freiwilligenengagement" auf den Weg, auch im Profisport. In Berlin verkörpert Tobias Leuckefeld die junge Generation des Ehrenamtes. An der Humboldt-Universität schließt der 27-Jährige bald sein Lehramtsstudium ab. Er ist seit vier Jahren als Trainer aktiv, zunächst bei einem Kiezverein, seit kurzem als Assistent der unter Elfjährigen von Hertha BSC. Er betreut im Umfeld des Bundesligisten Feriencamps und soziale Projekte von Kindern und Jugendlichen. Und er unterstützt Sportlehrer an einer Grundschule. Der Titel des Projekts: "Profivereine machen Schule."
Leuckefeld hat wenig Freizeit, er möchte wie viele seiner Kommilitonen von seinem Ehrenamt profitieren. "Durch diese Tätigkeiten kann ich wichtige Erfahrungen sammeln, irgendwann stehe ich als Lehrer allein in einer Klasse." Etwa 70 Prozent der Jugendteams im Fußball werden von Betreuern gestützt, die keine Qualifizierung dafür haben. Langsam wächst das Netzwerk zwischen Vereinen, Schulen, Universitäten. Doch auch das belegen Studien: Junge Menschen, die sich für ein Ehrenamt entscheiden, bleiben dem Sport oft bis ins hohe Alter verbunden. Leuckefeld hat nichts dagegen.