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Politik

"Granaten flogen in unseren Hof"

Konstantin Goncharov
8. April 2022

Nach dem Massaker in Butscha versuchen die Überlebenden ins Leben zurückzufinden. Doch daran ist nicht zu denken. Weite Teile der Stadt sind gesperrt: Überall lauert der Tod. Von Konstantin Goncharov, Butscha.

Ukraine-Krieg Butscha | Ein ukrainischer Soldat inmitten zerstörter Panzer und Ruinen, die mit Flatterband abgesperrt sind
Inmitten der Zerstörung bedrohen Minen das Leben von Soldaten, Helfern und ÜberlebendenBild: Felipe Dana/AP/dpa/picture alliance

Rund zwei Stunden braucht der Kleinbus mit Journalisten für die Fahrt von Kiew in den Vorort Butscha. Vor der russischen Invasion war die Strecke per Auto in 15 bis 20 Minuten zu schaffen, aber jetzt sind viele Straßen zerstört. Auf dem Weg sind viele ausgebrannte und zerschossene Fahrzeuge zu sehen, auch solche, auf denen "Kinder" geschrieben steht. Ganze Kolonnen zerstörter Militärfahrzeuge und Panzer stehen am Straßenrand.

Vor dem Krieg unterschieden sich die Vororte, insbesondere die im Nordwesten, kaum von der Hauptstadt Kiew. In Butscha ließ es sich gut leben. Viele Kiewer schickten ihre Kinder in den Sommerferien dorthin - zur Erholung. Im Keller eines der Erholungsheime, erfahren die Journalisten, wurden fünf ermordete Männern gefunden - unbewaffnet, mit gefesselten Händen.

Leichen mit Schusswunden

Nach der massiven Bombardierung, den erbitterten Kämpfen und mehr als einem Monat russischer Besatzung sind von vielen Gebäude in Butscha nur noch Ruinen übrig. Der Kleinbus bringt die Journalisten zu einem der Orte, an denen Zivilisten getötet wurden. Im Hof ​​eines Hauses liegen sechs Leichen, die verkohlten Körper sind schwer zu identifizieren.

Viele Straßen in und um Kiew sind unpassierbarBild: Presidential Office of Ukraine/SVEN SIMON/picture alliance

Der Polizeichef der Region Kiew, Andrij Nebytow, der die Journalisten begleitet, sagt, Ermittler hätten festgestellt, es handele sich um vier Frauen und zwei Männer. "Möglicherweise ist ein Kind darunter, denn eine der Leichen ist klein. Eine der Frauenleichen weist eine Schusswunde auf", so Nebytow. Ihm zufolge muss die genaue Todesursache von Experten noch geklärt werden. "Da es hier keine Zerstörungen durch Artillerie gibt, muss man davon ausgehen, dass diese Menschen erschossen wurden und dass man die Leichen verbrennen wollte", fügt er hinzu.

Große Teile der Stadt sind vermint

Auch der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj begleitet die Gruppe. Derzeit werde ganz Butscha nach Leichen durchsucht, sagt er. Laut Angaben von Polizei, Rettungskräften und Anwohnern würden in Wohnungen noch Dutzende Tote liegen, die durch Beschuss umkamen. Dutzende Tote würden auch in Wäldern liegen, die noch nicht betreten werden dürften, solange sie nicht von Minen geräumt seien. "Diejenigen, die all das verübt haben, besitzen weder Kultur noch Menschlichkeit", so Monastyrskyj.

Auf dem Asphalt sind Minen zu erkennen, woanders liegen die Todesfallen im VerborgenenBild: Mykhaylo Palinchak/ZUMA Press/IMAGO

Dem Innenminister zufolge werden jeden Tag "Tausende Sprengkörper gefunden", darunter Granaten, Reste von Sprengstoff und Minenfallen. Beispielsweise hätten die russischen Militärs Minen in Häusern zurückgelassen, wo sie Fotos von ukrainischen Soldaten oder staatliche Symbole der Ukraine gesehen hätten. Daher, so Monastyrskyj, dürften die Bewohner erst nach Räumung der Minen in ihre Stadt zurückkehren. Auch die Journalisten wies er ausdrücklich auf die Gefahr durch Minen hin. Man solle sich daher nur auf asphaltierten Straßen bewegen.

Mehr als einen Monat lang im Keller

Dennoch kehrt seit der Befreiung von den russischen Truppen langsam wieder Leben in die Stadt zurück. Während sie in der Nähe eines zerstörten Supermarkts stehen und auf humanitäre Hilfe warten, die Freiwillige und Soldaten in die Stadt bringen, erzählen einige Bewohner, was sie durchgemacht haben.

Wladyslawa, ihr Ehemann Oleksandr und ihre beiden Kinder waren seit Beginn der Kämpfe in der Stadt. "Granaten flogen in unseren und in die benachbarten Höfe. Wir spürten die Wucht der Einschläge. Fenster und Türen flogen heraus, das Dach stürzte ein. Wir wussten, wir sind in großer Gefahr", erzählt Wladyslawa. Dann habe sie russische Panzer gesehen, die in alle Richtungen feuern. Maschinengewehre seien zu hören gewesen.

Leichen in Butscha werden zur forensischen Untersuchung gebrachtBild: Jamie Wiseman/Daily Mail/Solo Syndication/dmg media Licensing/picture alliance

"Wir mussten fliehen - nur wohin? Geschosse flogen und pfiffen überall. Gegenüber unserem Haus steht ein Kindergarten. Wir rannten dorthin. Ich wusste, dass es dort einen Keller gibt. Fast die gesamten Tage der Besatzung saßen wir in diesem Keller, aber er ist nicht dafür geeignet, dass sich Menschen dort lange aufhalten, denn er ist feucht und kalt", sagt die Frau. Der Hausmeister habe aber Kinderbetten hinabgetragen, so hätten wenigsten die Kinder nicht auf dem Boden schlafen müssen.

Die Bewohner von Butscha berichten, sie hätten keinerlei Informationen über das Geschehen gehabt. Ohne Strom hätten die Handys irgendwann nicht mehr funktioniert, berichtet Wladyslawa. "Wir wussten auch nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war. Es wurde ständig geschossen, ständig gekämpft."

"Kekse waren unsere einzige Rettung"

Ihr Hauptquartier hatten die russischen Militärs, wie Augenzeugen berichten, in einer Schule in der Woksalna-Straße aufgeschlagen. In derselben Straße wohnt die 72-jährige Larysa Sawenko: "Während der Kämpfe stand die ganze Straße in Flammen." Noch immer steht dort eine Kolonne verbrannter Militärfahrzeuge. "Am 27. Februar gab es fürchterliche Kämpfe. Wir schliefen in der Scheune, als plötzlich die Granaten flogen." Die Russen hätten ständig von anderen Orten aus gefeuerten und einfach alles zerstört.

Die Woksalna-Straße in Butscha nach den KämpfenBild: Carol Guzy/ZUMA Wire/IMAGO

Larysa sagt, während der Besatzung habe sie einmal am Tag gegessen. "Kekse waren unsere einzige Rettung", erzählt sie. Frisches Brot habe es erst nach der Befreiung der Stadt gegeben. "Uns kommen jetzt noch Tränen, wenn wir Brot sehen", sagt die 72-Jährige.

Das Trauma raubt den Schlaf

Die 58-jährige Natalia berichtet, nachdem am 27. Februar der Strom ausgefallen sei, habe sie draußen über einer Feuerstelle kochen müssen. "Wir haben Suppe gegessen, manchmal sogar unter Beschuss", erinnert sie sich. Sie erzählt, die russischen Soldaten hätten aus Häusern Möbel und Dinge für ihre Frauen herausgetragen und mitgenommen. "Die Menschen hier haben das alles gesehen. Eines Tages kamen zehn Mann zu uns, schauten sich alle Räume, die Scheune und den Keller an. Sie sagten nicht, was sie suchten, aber sie schauten in jeden Spalt."

Lebensmittelpakete werden in Butscha derzeit von Freiwilligen verteiltBild: Ronaldo Schemidt/AFP

In der Nacht vom 30. auf den 31. März dann, der Nacht, in der die russischen Truppen aus Butscha abgezogen wurden, habe sie durchgehend ganze laufende Motoren gehört, erzählt Natalia: "Wir wussten nicht, was uns erwartet. Wir waren in dieser Nacht sehr besorgt, mehr als in all denen, als es Beschuss gab. Wir wollten erst gar nicht glauben, dass sie weg waren. Wir glaubten es erst, als wir unsere Soldaten und unsere Polizei sahen." Doch auch jetzt, Tage nach der Befreiung der Stadt sei sie unruhig: "Wir wachen nachts auf und lauschen. Wenn es ruhig ist, trauen wir uns weiter zu schlafen."

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

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