Biennale 2026 in Venedig: Kontroversen und Highlights
21. April 2026
Die Biennale in Venedig, eine der bedeutendsten internationalen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, vertritt seit jeher die Auffassung, dass Kunst über die Politik hinausgeht. Da die Veranstaltung jedoch auch als "Olympische Spiele der Kunstwelt" bezeichnet wird - mit nationalen Pavillons, die als offizielle, staatlich geförderte Plattformen zur Präsentation zeitgenössischer Kunst dienen -, drängt sich die globale Politik unweigerlich in die Diskussion.
Posthume Ausstellung von Koyo Kouoh
An der diesjährigen Veranstaltung, die vom 9. Mai bis zum 22. November stattfindet, nehmen 100 Nationen teil, wobei sieben Länder zum ersten Mal dabei sind: Guinea, Äquatorialguinea, Nauru, Katar, Sierra Leone, Somalia und Vietnam.
Die nationalen Beiträge ergänzen die internationale Hauptausstellung der Biennale mit dem Titel "In Minor Keys" (dt. "in Moll"). Sie wurde von der aus Kamerun stammenden künstlerischen Leiterin Koyo Kouoh konzipiert, die im Mai 2025 im Alter von 57 Jahren an Krebs verstarb.
Kouoh, die erste afrikanische Frau, die mit der Kuratierung dieser renommierten Ausstellung betraut wurde, hatte ihr Projekt bereits vollständig ausgearbeitet. Nach ihrem plötzlichen Tod beschloss die Biennale, die Ausstellung mit 111 eingeladenen Teilnehmenden posthum umzusetzen.
"In Minor Keys" widmet sich marginalisierten und oft überhörten Stimmen. In ihrem Konzept beschrieb Kouoh eine heilende Form des Widerstands, die dazu aufruft, inmitten der gegenwärtigen Weltlage aufmerksam zuzuhören.
"Die Moll-Tonarten lehnen orchestrale Bombastik und militärische Stechschrittmärsche ab und erwachen in den leisen Tönen, den tiefen Frequenzen, dem Summen und dem Trost der Poesie zum Leben", schrieb Kouoh in ihrem Einführungstext zur Ausstellung. "Auch wenn diese Klänge oft in der beunruhigenden Kakophonie des gegenwärtigen Chaos untergehen, das die Welt erschüttert, geht die Musik weiter."
EU droht mit Streichung von Geldern
Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 hatten sich die Künstler und Kuratoren des Landes freiwillig von der Veranstaltung zurückgezogen. Nun hat die Rückkehr Russlands zur Ausstellung zu Spannungen zwischen italienischen Institutionen und der EU geführt; selbst innerhalb der rechtsextremen Regierung Italiens herrscht in dieser Frage tiefe Uneinigkeit.
Währenddessen hat die EU-Kommission ein Verfahren eingeleitet, um die Biennale-Stiftung von der Wiederzulassung Russlands abzuhalten. Andernfalls drohe eine Einstellung der Förderung mit rund zwei Millionen Euro bis 2028. In einem Schreiben an die Stiftung heißt es, der Rückzug müsse innerhalb von 30 Tagen geschehen. Die Biennale erklärte, man habe nach geltenden nationalen und internationalen Vorschriften gehandelt und keine Regel verletzt.
Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni erklärte, ihre Regierung lehne die Anwesenheit Moskaus auf der Biennale ab. Vizeministerpräsident Matteo Salvini indes bezeichnete die Drohungen der EU, die Finanzmittel zu kürzen, als "vulgäre Erpressung" gegenüber "einer der bedeutendsten und freiheitlichsten kulturellen Einrichtungen der Welt".
Pietrangelo Buttafuoco, Präsident der Biennale-Stiftung, besteht darauf, die Biennale "für alle offen zu halten". "Ich schließe niemanden aus", sagte er der italienischen Zeitung La Repubblica. "Russland, Iran und Israel werden dabei sein. Die Ukraine und Belarus werden dabei sein. Alle."
Die Kuratorin des russischen Pavillons, Anastasia Karneeva, ist die Tochter von Nikolai Volobuev, einem ehemaligen General des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) - und derzeitig stellvertretender Generaldirektor des staatlichen Rüstungskonzerns Rostec.
Nadeschda Tolokonnikowa, Mitglied der Punkgruppe Pussy Riot, verurteilt die russische Schau: "Die Teilnahme an der Biennale mit einem unpolitischen Programm ist ein Versuch, den Ruf aufzupolieren und die Welt die Opfer des russischen Terrors vergessen zu lassen", sagte sie gegenüber der DW.
Die italienische Regierung sollte die Vertreter von Putins Russland aus dem Pavillon entfernen, schlug Tolokonnikova vor, "und stattdessen sollten die Werke russischer politischer Gefangener präsentiert werden, die jetzt in den Strafkolonien verrotten, weil sie sich gegen Russlands verbrecherischen Krieg in der Ukraine geäußert haben".
Die legendäre feministische Künstlerinnengruppe wird zur Biennale reisen, um dort eine Protestperformance aufzuführen.
Nach Kontroverse: Südafrikas Pavillon bleibt leer
Die südafrikanische Künstlerin Gabrielle Goliath war ausgewählt worden, ihr Heimatland auf der Kunstbiennale von Venedig zu vertreten. Ihr Performance‑Projekt sollte eine Hommage an die palästinensische Dichterin Hiba Abu Nada enthalten, die im Oktober 2023 bei einem israelischen Luftangriff in Gaza ums Leben kam.
Südafrikas Kulturminister Gayton McKenzie forderte jedoch mehrere Änderungen an dem Werk, das er als "hochgradig polarisierend" bezeichnete. Nachdem Goliath sich weigerte, diese vorzunehmen, wurde ihre Ausstellung kurzfristig abgesagt. Südafrika nominierte keinen Ersatz; der nationale Pavillon bleibt daher leer.
Eine Videoinstallation von Goliaths Projekt wird nun an einem anderen Ort in Venedig gezeigt, der nicht zur Biennale gehört. Goliath hat Klage gegen den Kulturminister ihres Landes eingereicht.
Australien mit Rückzieher vom Rückzieher
Auch Australien sah sich heftigen Reaktionen aus der Kunstszene ausgesetzt, nachdem es das beauftragte Duo, den Künstler Khaled Sabsabi und den Kurator Michael Dagostino, aus politischen Gründen fallen gelassen hatte.
Rechte Politiker hatten den im Libanon geborenen Sabsabi, der im Alter von 12 Jahren nach Australien gezogen war, des Antisemitismus bezichtigt. Sein Werk befasst sich häufig mit seinen traumatischen Erfahrungen im Bürgerkrieg sowie mit der Identität arabischer Einwanderer und Islamfeindlichkeit.
Nach Boykottaufrufen und Rücktrittsforderungen sowie einer unabhängigen Überprüfung durch eine externe Stelle wurde die umstrittene Entscheidung jedoch wieder rückgängig gemacht.
Offener Brief gegen Israel
Fast 200 Künstlerinnen, Kuratoren und Mitarbeitende, die an der Biennale von Venedig 2026 teilnehmen, haben einen von der "Art Not Genocide Alliance" (ANGA) initiierten offenen Brief unterzeichnet, in dem sie fordern, Israel von der Ausstellung auszuschließen.
Ein zweiter Brief, unterzeichnet von mehr als 70 Künstlerinnen und Künstlern, die an der Hauptausstellung teilnehmen, fordert ebenfalls den Ausschluss Israels, erweitert diesen Aufruf jedoch auf alle "derzeitigen Regime, die Kriegsverbrechen begehen", darunter Russland und die USA.
Der in Rumänien geborene Bildhauer Belu-Simion Fainaru, der in Haifa lebt und für Israel den Pavillon bespielt, plant dennoch, an der internationalen Kunstausstellung teilzunehmen. "Als Künstler unterstütze ich keine Kulturboykotte", erklärte Fainaru in einer Stellungnahme. "Ich glaube an Dialog und Austausch, besonders in schwierigen Zeiten."
Bei der vorigen Biennale im Jahr 2024 schloss die Künstlerin Ruth Patir ihre Ausstellung im israelischen Pavillon am Eröffnungstag für die Öffentlichkeit und erklärte, sie werde diesen erst wieder öffnen, wenn ein Waffenstillstand in Gaza zustande gekommen sei.
Eine palästinensischen Nationalpavillon gab es bislang auf der Biennale nicht, da nur Länder teilnehmen dürfen, die von Italien offiziell anerkannt sind. Eine Begleitausstellung mit dem Titel "Gaza - No Words" wird während der gesamten Dauer der Biennale in Venedig zu sehen sein.
Deutscher Pavillon mit Arbeiten von verstorbener Henrike Neumann
Weniger umstritten ist die deutsche Ausstellung mit dem Titel "Ruin", die von Forschungen zur DDR und zur Transformationszeit nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 inspiriert ist.
Die deutsche Installationskünstlerin Henrike Naumann, die im Februar im Alter von 41 Jahren an Krebs verstorben ist, hatte ihren Beitrag zur deutschen Ausstellung vor ihrem Tod bereits fertiggestellt. "Ruin" wird auch Werke des in Vietnam geborenen Berliner Künstlers Sung Tieu zeigen.
Der Vatikan hat für seine Ausstellung ein Staraufgebot aus 24 Künstlern beauftragt, darunter Brian Eno, Patti Smith, FKA Twigs und viele weitere. Die Reihe von Klanginstallationen mit dem Titel "The Ear is the Eye of the Soul" ("Das Ohr ist das Auge der Seele") ist inspiriert von Hildegard von Bingen. Die deutsche Benediktineräbtissin wirkte im 12. Jahrhundert und gilt als Vorreiterin in den Bereichen Wissenschaft, Ökologie, Musik und feministische Theologie.
Adpation aus dem Englischen: Katharina Abel