Black Friday: Vom Börsencrash zum globalen Kaufrausch
28. November 2025
Es ist kurz vor Mitternacht. Vor den gläsernen Türen eines Elektronikmarktes stehen Dutzende Menschen in der Kälte. Smartphones leuchten auf, ein Countdown läuft. Hinter den Türen warten Paletten mit Fernsehern, Tablets und Spielekonsolen - draußen wächst die Spannung. Als die Türen endlich aufgleiten, brandet Jubel auf, die Menschen stürmen in den Markt, Einkaufswagen krachen gegeneinander, bald herrscht Chaos, dichtes Gedränge in den Gängen und an den Kassen.
Der Black Fridayist angebrochen, der Tag, an dem Schnäppchenjägern versprochen wird, alles günstiger zu bekommen - auch Dinge, die sie gar nicht brauchen. Und damit man auch sicher kein Supersonderangebot verpasst, dehnt der Handel diesen Tag inzwischen auf eine ganze "Black Week" aus. Doch dieses Rabattfest hat eine lange, dunkle Geschichte: Der Begriff "Black Friday" stammt ursprünglich aus der Finanzwelt.
Der Black Friday in der Börsengeschichte
Der erste "Schwarze Freitag" an der New Yorker Börse war der 24. September 1869. Zwei Spekulanten - Jay Gould und James Fisk - versuchten damals, den Goldmarkt zu manipulieren, um die Preise in die Höhe zu treiben. Als die US-Regierung eingriff und große Goldreserven auf den Markt warf, brachen die Preise abrupt ein. Tausende Anleger verloren ihr Vermögen, der Aktienmarkt stürzte ab - und der Tag ging als "Black Friday" in die Finanzgeschichte ein.
Der - zumindest in Europa - berühmtere "Black Friday" - ist eigentlich ein Donnerstag: Jener Tag, an dem mit dem Börsenkrach in New York 1929 die Weltwirtschaftskrise ausgelöst wurde. Das mehrtägige Drama an der Wall Street begann am Donnerstag, dem 24. Oktober 1929. In den USA ist dieser Tag, an dem massenhafte Panikverkäufe die Aktienkurse einbrechen ließen, als "Black Thursday" in die Geschichte eingegangen - in Europa war es zu dem Zeitpunkt bereits Freitag, daher gilt der Tag hier als "Schwarzer Freitag". Am darauffolgenden Montag erholten sich die Kurse ein wenig, um am nächsten Tag, dem "Black Tuesday" - endgültig ins Bodenlose zu stürzen.
Das war der Tag des kompletten Zusammenbruchs. Über 16 Millionen Aktien wechselten panisch den Besitzer - ein historischer Rekord. Die US-Börse implodierte endgültig, Millionen Menschen verloren ihre Ersparnisse.
1950er Jahre: Black Friday neu besetzt
Keine drei Jahrzehnte später erhielt der Begriff eine völlig neue Bedeutung: In den 1950er-Jahren begannen amerikanische Händler, den Freitag nach Thanksgiving als Auftakt für das Weihnachtsgeschäft zu bewerben. Das sorgte für überfüllte Städte - und dies ganz besonders in der Stadt Philadelphia: Denn traditionell fand dort am selben Wochenende das Army Navy Footballspiel statt - und so standen die Menschen im Stau, auf den Straßen herrschte Chaos - so massiv, dass die Polizei diesen Freitag zwischen Thanksgiving und Football "Black Friday" taufte.
Die Händler fanden den Ansturm natürlich großartig, denn sie machten hohe Umsätze. Sie begannen mit Sonderangeboten und Rabattaktionen zu werben, um das Weihnachtsgeschäft anzukurbeln. Es funktionierte: Aus einem "schwarzen" Tag voller Stress und Chaos wurde ein "goldener" für die Kassen.
Endlich "schwarze Zahlen"
In den 1980er-Jahren verbreitete sich die Erklärung, der Tag heiße "Black Friday", weil an diesem Datum die Händler endlich "schwarze Zahlen" schrieben - also Gewinne machten (auf Englisch sagt man "in the black"). Zwar war das eine nachträgliche Erfindung des Marketings, doch sie passte perfekt in die Erzählung vom positiven Konsumwunder.
Seit den 2000er Jahren sind die großen Online-Händler mit einem eigenen Tag, dem Cyber Monday, dabei. Es ist der Montag nach dem Black Friday und war einst dazu gedacht, den noch schwächelnden Online-Handel zu beflügeln. Doch längst startet auch dieser seine Rabattschlacht in der Woche vor Thanksgiving und macht damit den Black Friday zum globalen Verkaufsereignis.
Schon lange hat der Konsumrausch auch Europa erreicht: Laut Handelsverband Deutschland (HDE) gaben die Deutschen 2024 rund 5,9 Milliarden Euro rund um den Black Friday aus. 2020 waren es noch 3,8 Milliarden. Kaum ein Land hat den US-Import so bereitwillig übernommen.
Konsumrausch mit Schattenseiten
Doch die Rabattschlacht hat eine dunkle Kehrseite. Umweltorganisationen sprechen von "Konsumterror", Soziologen vom "Black Hole of Friday" - einem Tag, der die Schattenseiten der weltweiten Überproduktion von Waren sichtbar macht. Billigprodukte, Wegwerfmentalität und Schnelllieferungen belasten Umwelt und Lieferketten massiv.
Seit Jahren schlagen Umweltorganisationen Alarm und kritisieren einen enormen Anstieg an Treibhausgasemissionen, Ressourcenverschwendung und extrem hohes Müllaufkommen. "Greenpeace" nennt den Black Friday einen "schwarzen Tag für die Umwelt", die Deutsche Umwelthilfe fordert auf ihrer Homepage, Online-Marktplätze müssten für illegale Importprodukte haftbar gemacht und die massenhafte Vernichtung von Retouren müsse durch eine Rechtsverordnung verboten werden.
Gleichzeitig befeuert der Black Friday gezielt psychologische Kaufmechanismen: durch künstliche Verknappung ("Nur noch 2 Stunden verfügbar!"), Zeitdruck und die Illusion des einmaligen Schnäppchens.
Studien der Wirtschaftshochschule IE Business School bestätigen, dass Rabatte kurzfristig Glücksgefühle auslösen - langfristig aber zu Impulskäufen und Überschuldung führen können.
Eine Befragung des britischen Magazins "Sun" unter 2000 Erwachsenen ergab, dass 40 Prozent der Käuferinnen und Käufer ihre Black-Friday-Einkäufe später bereuen, 27 Prozent gaben zu, Dinge gekauft zu haben, die sie nie benutzt hätten.
Gegenbewegungen und neue Ideen
Als Antwort auf den Konsumexzess entstanden Gegenbewegungen wie der "Kauf-Nix-Tag", der bewusst am selben Datum stattfindet, oder der "Green Friday", bei dem nachhaltige Marken zu Spenden aufrufen, anstatt die Kunden mit Rabatten zu locken. Immer mehr Händler beteiligen sich an diesen Alternativen: Modefirmen spenden ihre Einnahmen an Umweltprojekte, Buchhandlungen verzichten demonstrativ auf Rabatte, und einige Onlineshops schalten ihre Seiten für 24 Stunden einfach ab.