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Gesellschaft

Bleiben Afrikas Frauen auf der Strecke?

Antonio Cascais
15. Juni 2020

Während der Corona-Pandemie zeigen sich auch in Afrika gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern besonders deutlich. Viele Frauen wollen Benachteiligung nicht hinnehmen und setzen sich füreinander ein.

Nigeria Coronavirus
Bild: picture-alliance/dpa/S. Alamba

Dass wegen der Corona-Pandemie nicht schon ganze Gesellschaften eingestürzt sind, ist wohl dem Einsatz der Frauen zu verdanken: Sie pflegen freiwillig und oft unbezahlt kranke Angehörige, kümmern sich um Kinder und Alte. Die simbabwische Soziologin Martha Mutisi glaubt, dass afrikanische Gesellschaften häufig darauf zurückgreifen: "Frauen wurden schon immer in die Rolle der Betreuerinnen gedrängt. Sie kümmern sich selbstverständlich um kranke Angehörige oder übernehmen den Unterricht ihrer Kinder, wenn die Schule, etwa wegen einer Pandemie, ausfällt." Corona verlangt vielen Frauen das im besonderen Maße ab - und droht gleichzeitig, Bemühungen um Gleichberechtigung zunichte zu machen.

Mutisi hat das Frauenförderungsprogramm "Women, Peace and Security" (WPS) der New Yorker Universität Columbia mit konzipiert. Darüber sollen Frauenorganisationen in möglichst vielen Ländern Subsahara-Afrikas vernetzt und Plattformen geschaffen werden, die die Belange der Frauen in die staatlichen Instanzen und in die Medien transportieren sollen: "Wir wollen Frauen eine Stimme geben und ihre Beteiligung an den Regierungsentscheidungen stärken. Gerade in Krisensituationen, ist das wichtig - wie in Zeiten einer Pandemie, wie wir sie zurzeit erleben."

"Feminisierung der Armut"

In den vergangenen zwei Jahren hat Mutisi Frauen in zehn Ländern von Sudan bis Lesotho in Web-Seminaren erreicht. Das Ziel, Frauen stärker an der Bewältigung von Krisen zu beteiligen, sei durch die Corona-Pandemie noch drängender geworden, erläutert die Frauenrechtlerin: "Die Corona-Pandemie verschärft viele Risiken und Probleme, denen Frauen schon vorher ausgesetzt waren, zum Beispiel das Problem häuslicher Gewalt, oder auch das Problem der Armut."

Diese Frauen in Senegals Hauptstadt Dakar übernehmen den EinkaufBild: picture-alliance/AP Photo/S. Cherkaoui

"Nehmen wir mein Heimatland Simbabwe: Hier hat sich die wirtschaftliche Lage vieler Frauen durch die Corona-Pandemie erheblich verschärft", sagt Martha Mutisi. Schon vor der Corona-Krise habe das Land im südlichen Afrika mit großen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen gehabt. Durch die Pandemie seien gerade die wirtschaftlichen Probleme der Frauen noch deutlicher zutage getreten: "Wir sehen eine eindeutige Feminisierung der Armut. In diesem Moment sitzen Tausende simbabwische Frauen in ihren Wohnungen und hungern. Durch die Lockdown-Maßnahmen der Regierung stehen viele völlig mittellos da." Präsident Emmerson Mnangagwa hat Ende März einen weitreichenden Stillstand angeordnet, der auf unbestimmte Zeit gilt.

Auch die informellen Märkte sind weitgehend geschlossen - zum Leidwesen vieler Frauen, klagt Mutisi. Wie in vielen anderen Ländern Afrikas seien die Frauen in Simbabwe überproportional von Armut betroffen. Viele seien durch die Coronakrise von einem Zustand "akuter Armut" zu einem Zustand "absoluter Armut" übergegangen, sagt Mutisi.

Weniger Einkommen, mehr Risiken

Ähnlich die Lage im westafrikanischen Guinea-Bissau, das sich seit Jahren in einer politischen und wirtschaftlichen Dauerkrise befindet, zu der jetzt die Corona hinzugekommen ist: "Wir Frauen leiden ganz besonders an den Folgen der Pandemie", sagt Adama Djaló, Vorsitzende des Vereins "AMAE", der Vereinigung von "Frauen mit Erwerbseinkommen" in Guinea-Bissau. "Ein großer Teil der Verantwortung, auch der wirtschaftlichen Verantwortung, lastet auf unseren Schultern. Viele von uns haben kleine Geschäfte und tragen die Verantwortung für die Ernährung ganzer Familien. Viele von uns stehen früh morgens um sechs auf und kommen abends ohne einen Cent nach Hause, weil das wirtschaftliche Leben praktisch zum Stillstand gekommen ist."

Für viele Frauen, die auf dem Markt ihre Produkte verkaufen, brechen Einnahmen wegBild: picture-alliance/imageBROKER/G. Barbier

Präsident Umaro Sissoco Embaló hat den nationalen Notstand vorerst bis zum 25. Juni verlängert - und damit die Herausforderungen, vor denen viele Frauen im besonderen Maße stehen.

In ganz Afrika bringt der Lockdown darüber hinaus auch besondere Risiken für Frauen mit sich. Ausgangssperren trügen zu einem großen Anstieg der Fälle von häuslicher Gewalt bei, sagt Soziologin Mutisi: "Während der Corona-Krise verzeichnen wir einen Anstieg geschlechtsspezifischer Gewalt, die nicht nur erwachsene Frauen betrifft, sondern auch junge Mädchen. Frauen und Mädchen, die nicht aus ihren Wohnungen rausgehen dürfen, sind Tätern quasi ausgeliefert."

Corona: Rückschritt für Frauenbewegung?

"Ich befürchte, dass wir Frauen zurückgeworfen werden in unseren Bemühungen, unsere Interessen, zum Beispiel auf politischer und ökonomischer Ebene, geltend zu machen. Unser Kampf um Gleichberechtigung wird durch diese Pandemie erschwert", sagt Adama Djaló.

Die Frauen in Guinea-Bissau hätten in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen, mehr Einfluss auf politische Entscheidungen auszuüben. Aber diese Arbeit sei durch die Pandemie unterbrochen worden. In ihrem Land gebe es mehr als zwanzig unterschiedliche Ethnien mit völlig unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, betont die Vereinspräsidentin. Viele religiöse Gemeinschaften, gerade die muslimische, der sie selbst angehöre, würden von Männern beherrscht, die sehr rückständige Auffassungen von der Rolle der Frau in der Politik, im Berufsleben und in der Arbeitswelt vertreten. Frauen sollten zuhause bleiben, sich verhüllen, sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen, heiße es immer wieder. Diese reaktionären Sichtweisen scheinen gerade in Zeiten von Corona Auftrieb zu bekommen.

Diese obdachlose Frau in Johannesburg wird von einer Soldatin zu einer Unterkunft gebrachtBild: Getty Images/AFP/M. Spatari

Martha Mutisi formuliert es positiver: Diese Pandemie sei eine echte Herausforderung für die Frauenbewegung. Die Mobilisierungsfähigkeit der Frauen sei durch die Coronakrise eingeschränkt, aber: "Wir sehen auch Reaktionen, die Hoffnung machen: Wir sehen, dass Frauen ihre Stimmen erheben, wenn es zu Gewalt gegen Frauen oder minderjährigen Mädchen kommt." Letztens habe es während des Lockdowns sogar eine Demonstration im Südsudan gegeben. Die Teilnehmerinnen hätten natürlich Masken getragen.

Für die Frauenbewegung sei diese Pandemie eine große Herausforderung, aber die Frauen werde nicht aufgeben. "Sie werden weiterkämpfen, damit ihre Stimmen gehört werden", sagt Martha Mutisi.

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