Blondine, Mythos, Rebellin: 100 Jahre Marilyn Monroe
29. Mai 2026
Mit dieser Szene schuf Marilyn Monroe wohl einen der berühmtesten Momente der Filmgeschichte: das weiße Kleid über dem U-Bahn-Schacht, rote Lippen, platinblondes Haar, Hollywood-Glamour. Kaum eine Frau des 20. Jahrhunderts wurde so sehr zur Ikone stilisiert – und gleichzeitig so stark auf ihr Äußeres reduziert.
Auch in jener Septembernacht 1954, als in New York die legendäre Filmszene aus der Komödie "Das verflixte 7. Jahr" gedreht wurde: Hunderte Fotografen und Schaulustige sahen zu, wie Marilyn immer wieder über dem Lüftungsschacht posierte, das Kleid hochwirbelte und sie versuchte, dabei nicht zu viel preiszugeben und trotzdem so zu wirken, als habe sie gerade den Spaß ihres Lebens. Ironischerweise musste genau diese Szene später nachgedreht werden, weil die Tonaufnahmen aufgrund des Lärms unbrauchbar waren.
100 Jahre nach ihrer Geburt und mehr als 60 Jahre nach ihrem Tod erscheint Marilyn Monroe heute in einem anderen Licht. Längst gilt sie nicht mehr nur als Sexsymbol der 1950er Jahre, sondern auch als frühe Figur weiblicher Selbstbestimmung in einer von Männern dominierten Filmindustrie - widersprüchlich, verletzlich, klug und ihrer Zeit oft voraus.
Aus Norma Jean wird Marilyn Monroe
Geboren wurde sie am 1. Juni 1926 als Norma Jeane Mortenson in Los Angeles. Ihre Kindheit war geprägt von Pflegefamilien, Heimen und Unsicherheit. Früh lernte sie, dass Frauen in Hollywood vor allem nach ihrem Aussehen beurteilt wurden.
Ihre Karriere begann als Model, ehe sie von den Filmstudios entdeckt wurde. Aus Norma Jeane wurde "Marilyn Monroe" – ein Name, der wie eine Kunstfigur klang und genau das auch sein sollte. Hollywood formte sie zur verführerischen Blondine: sinnlich, verspielt, scheinbar naiv. Filme wie "Blondinen bevorzugt" oder die beiden Billy Wilder-Filme "Das verflixte 7. Jahr" und "Manche mögen's heiß" machten sie weltberühmt.
Literatur, Politik und Kunst
Doch hinter der öffentlichen Figur steckte eine Frau, die ernst genommen werden wollte – als Schauspielerin und als Mensch. Während die Studios sie auf stereotype Rollen festlegten, arbeitete Monroe intensiv an ihrer Schauspielausbildung, las Weltliteratur und interessierte sich für Politik, Kunst und Psychoanalyse.
Die Fotografin Eve Arnold hielt 1955 einen Moment fest, der dieses andere Bild von Monroe zeigt: Auf einem Spielplatz sitzt sie vertieft in James Joyces "Ulysses". In ihrem Fotoband "The Retrospect" erinnerte sich Arnold später daran, Monroe habe den Roman immer im Auto liegen gehabt und sich Passagen laut vorgelesen, weil sie den Klang des Textes liebte – auch wenn sie ihn schwierig fand.
Bis heute wird unter dem Foto behauptet, Monroe habe mit dem Buch nur für die Kamera posiert. Doch sie selbst widersprach immer wieder diesem Klischee und sagte mehrfach, Menschen hätten oft lieber eine Figur aus ihr gemacht, als sich dafür zu interessieren, wer sie wirklich war.
Selbstbewusst gegen die Unterhaltungsindustrie
Heute sehen viele Feministinnen in Monroe deshalb eine Frau, die früh gegen die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie kämpfte. Sie verstand genau, wie sehr ihr Körper und ihre Ausstrahlung vermarktet wurden – und nutzte dieses Bild zugleich strategisch für ihren eigenen Aufstieg. Monroe war also nicht nur Opfer eines sexistischen Systems, sondern versuchte auch, dessen Regeln für sich zu nutzen.
Ein wichtiger Schritt war die Gründung ihrer eigenen Produktionsfirma Ende 1954. Für eine Schauspielerin war das damals höchst ungewöhnlich. Monroe wollte mehr Kontrolle über ihre Rollen, bessere Verträge und ernsthaftere Stoffe. Sie setzte höhere Gagen durch, widersprach Produzenten öffentlich und verweigerte Rollen, die ihr nicht gefielen. In einer Zeit, in der Studios ihre Stars fast vollständig kontrollierten, war das bemerkenswert selbstbewusst.
"Instabil und unprofessionell"
Gleichzeitig blieb Monroe gefangen in den Widersprüchen ihrer Zeit. Die Öffentlichkeit feierte ihre Weiblichkeit und erotische Ausstrahlung, dieselben Eigenschaften wurden später jedoch gegen sie verwendet. Medien beschrieben sie oft als instabil, schwierig oder unprofessionell – Begriffe, die bis heute auffallend häufig starke und mutige Frauen treffen, die sich Erwartungen widersetzen.
Auch ihr Privatleben wurde zur Projektionsfläche. Die Ehen mit Baseballstar Joe DiMaggio und Dramatiker Arthur Miller wurden ebenso öffentlich ausgeschlachtet wie ihre psychischen Krisen und ihre Medikamentenabhängigkeit.
Als Monroe 1962 im Alter von nur 36 Jahren starb, begann sofort die Mythenbildung. Bis heute ranken sich Verschwörungstheorien um ihren Tod. Besonders hartnäckig hält sich die Behauptung, sie sei wegen ihrer Kontakte zur Familie Kennedy zum Schweigen gebracht worden – Beweise dafür gibt es allerdings nicht.
#MeToo hat den Blick auf Monroe verändert
In den vergangenen Jahren hat sich der Blick auf Monroe erneut verändert. Die #MeToo-Debatte und Diskussionen über Machtmissbrauch in Hollywood haben dazu beigetragen, ihre Geschichte neu zu lesen. Viele erkennen heute, wie stark sie unter einem Studiosystem litt, das Frauen gleichzeitig idealisierte und kontrollierte.
Auch das Biopic "Blonde" (2022) griff diese Perspektive auf. Der Film mit Ana de Armas zeigte Monroe vor allem als verletzliche, traumatisierte Frau. Während einige Kritiker darin eine schonungslose Abrechnung mit Hollywoods Frauenbild sahen, warfen andere dem Film vor, Monroe erneut auf Leid und Opferrollen zu reduzieren.
Marilyn Monroe musste früh die Kosten weiblicher Sichtbarkeit tragen. Sie war begehrt, aber selten respektiert. Berühmt, aber kaum geschützt. Intelligent und gebildet, aber auf die Rolle des ständig verfügbaren Sexsymbols reduziert.
Vielleicht liegt genau darin ihr feministisches Vermächtnis: Marilyn Monroe zeigte schon in den 1950er Jahren, wie kompliziert weibliche Selbstbestimmung in einer Welt sein kann, die Frauen zugleich bewundert und kontrolliert. Dass ihr Bild hundert Jahre nach ihrer Geburt noch immer weltberühmt ist, zeigt, wie stark sie die moderne Popkultur geprägt hat.