"Blue Dot Fever": Konzerte boomen - Absagen auch
16. Juli 2026
Seit einiger Zeit kursiert der Begriff "Blue Dot Fever" durch die Medienlandschaft. Mit "Blue Dots" sind die blauen Punkte in Saalplan-Grafiken der Tickethändler gemeint, die anzeigen, wie viele Plätze noch frei sind. Sind kurz vor einem Konzert noch viele von ihnen zu sehen, ist das für Künstler und Veranstaltende eine ziemlich schlechte Nachricht.
Doch genau das passiert inzwischen immer häufiger. Konzerte oder Tourneen müssen abgesagt werden, weil die Kosten ohne die entsprechende Anzahl an Ticketverkäufen schlichtweg zu hoch sind. Düstere Aussichten für die Konzertlandschaft?
Die "Ökonomie der Superstars"
Schaut man sich die Tourneen der ganz Großen an, zeigt sich ein anderes Bild. Megastars wie Beyoncé, Oasis oder Coldplay füllen weiterhin riesige Stadien. Beyoncé führt das Ranking der erfolgreichsten Musiktourneen 2025 laut den offiziellen Pollstar-Charts mit einem Umsatz von mehr als 400 Millionen US-Dollar an. Die "Oasis Live ’25"-Tour war einer der größten Ticketerfolge der vergangenen Jahre. Und auch Coldplay bleibt ein Publikumsmagnet: Viele Konzerte der laufenden "Music of the Spheres"-Tour waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Von Krise keine Spur.
Eines jedoch haben alle Konzerte gemeinsam: Die Kosten sind gestiegen, sagt Johannes Everke vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft im Interview mit der DW. "Durch Personalkostensteigerungen, durch Technikkostensteigerungen, Energie und all das, was die Inflation dann auch noch mitbringt, haben wir viel höhere Produktionskosten als noch 2019." Dadurch werden auch die Tickets teurer; die finanzielle Hürde für die Fans wird größer.
Die Auswirkungen bekommen aber eben nicht alle gleichermaßen zu spüren. Das bestätigt auch Stephan Thanscheidt von FKP Scorpio, einer der größten Konzert- und Festivalveranstalter in Europa. "Hier kommen mehrere Faktoren zusammen: Zum einen haben Megastars eine hohe Zahl an Superfans, die Liveshows ihrer Idole um keinen Preis verpassen möchten. Außerdem entscheiden sich viele Menschen im Zweifel eher für ein als Happening wahrgenommenes Großkonzert als für mehrere kleinere Shows, wenn sie ihr Geld zusammenhalten müssen."
Der verstorbene US-Ökonom Alan B. Krueger beschrieb dieses Phänomen als "Ökonomie der Superstars", in der wenige Superstars den Großteil der Einnahmen erzielen.
Was ist mit den Stars von morgen?
Für Johannes Everke ist der Live-Musik-Markt ein in sich funktionierendes Ökosystem, das jetzt unter Druck sei. Mit dem Geld, das sich bei Großkonzerten verdienen lässt, finanzieren die Veranstaltenden in der Regel die kleineren und unbekannteren Acts. Dieser "Circle of Life" aber sei in Gefahr, wenn die Margen geringer würden. Sensationelle Ticketverkäufe bei Mega-Events bedeuteten zwar einen hohen Umsatz, aufgrund von gestiegenen Kosten aber nicht automatisch einen hohen Gewinn für die Veranstaltenden, da die Ticketpreise weniger gestiegen seien als die Produktionskosten, so Everke.
"Circle of Life bedeutet, man begleitet kleine Bands eine ganze Weile, bis die dann so groß sind, dass sie anfangen wirklich Geld zu verdienen. Und mit dem, was man da verdient, geht man wieder in die 'Produktentwicklung' und investiert wieder in Kleine."
Prominentes Beispiel ist Ed Sheeran, der unter anderem von FKP Scorpio über Jahre hinweg begleitet und aufgebaut wurde. "Viele unserer heutigen Erfolge haben als absolute Herzensangelegenheiten begonnen, und nicht immer war klar, ob sie auch ökonomisch erfolgreich sein würden", bestätigt Stephan Thanscheidt. "Ohne die Querfinanzierung von neuen Ideen oder Artists, an die wir glauben, würde es nicht gehen: Unsere heutigen Erfolge ermöglichen die von morgen."
Konzerte sind keine Promo-Touren mehr
Ein weiterer Faktor, der das Ganze erschwert, ist die veränderte wirtschaftliche Bedeutung von Konzerten. Früher dienten Tourneen auch dazu, neue Alben zu bewerben, sagt Verbands-Geschäftsführer Johannes Everke. "Und dann hat man Konzerte gespielt, und selbst wenn man dabei draufgezahlt hat, hat man das Geld über das Album wieder eingespielt. Dementsprechend haben sich dann auch zum Teil Labels an den Konzerttouren finanziell beteiligt." Im Zeitalter des Streamings, das deutlich geringere Erträge bietet, gebe es das nicht mehr.
Etwa die Hälfte der Einkommen von Künstlerinnen und Künstlern komme mittlerweile aus dem Live-Geschäft, so Everke. Entsprechend groß sei der Druck, mit Tourneen auch wirtschaftlichen Erfolg zu erzielen. Hinzu komme, dass viele etablierte Acts ihre Karriere heute deutlich länger fortführten. "Die spielen alle unendlich viele Konzerte, weil sie eben nicht mehr von den Plattenverkäufen leben können", sagt Everke. Das sorge für ein dichtes Angebot und verschärfe den Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums.
Residencies als punktuelle Verschärfer
Einige Megastars sind inzwischen dazu übergegangen, nicht mehr ausschließlich von Stadt zu Stadt zu touren, sondern stattdessen sogenannte "Residencies" aufzubauen. Dabei handelt es sich um Konzertreihen, bei denen Künstlerinnen und Künstler über einen längeren Zeitraum an einem festen Veranstaltungsort auftreten.
Ein prominentes Beispiel ist Shakira, die im Herbst 2026 insgesamt zwölf Konzerte in Madrid spielen wird. Die Nachfrage ist so groß, dass mehrfach Zusatztermine angekündigt wurden. Die Auftritte finden in einem eigens dafür errichteten "Estadio Shakira" statt. Auch Harry Styles setzt auf das Modell. Im Juni spielte er im Rahmen seiner "Together, Together"-Tour zwölf Konzerte im Londoner Wembley-Stadion.
Johannes Everke sieht darin allerdings kein Zukunftsmodell für den gesamten Markt. Nur sehr wenige Künstlerinnen und Künstler seien in der Lage, Fans aus ganz Europa oder sogar aus anderen Kontinenten anzuziehen. Für das Publikum seien solche Konzerterlebnisse zwar attraktiv, durch Anreise und Übernachtung aber häufig auch deutlich teurer. Das könne sich wiederum auf den übrigen Konzertmarkt auswirken. "Wenn Sie für eine Konzertreise viel Geld investiert haben, dann wird es Ihnen schwerer fallen, am Dienstagabend in die kleine Clubshow zu gehen."
Solidarität ist gefragt - Beispiel Großbritannien
Was aber passiert nun mit dem Nachwuchs, der eines Tages die Stadien füllen soll, wenn das Ökosystem des Live-Musik-Marktes außer Balance gerät? Johannes Everke ist trotz allem optimistisch. Live-Musik-Events an sich seien gefragt wie nie zuvor. Der Markt wächst. In Deutschland beispielsweise besuchten nach Angaben der GEMA im Jahr 2024 rund 70 Millionen Besucherinnen und Besucher Konzerte der Unterhaltungsmusik (vor allem Pop und Rock) – das sind mehr als vor der Corona-Pandemie.
Zwar werden – so Everkes Vermutung – auch in Zukunft ein paar wenige Superstars den Löwenanteil des Gesamtumsatzes des Marktes auf sich vereinen. Dann aber werde es "auch schnell in die Breite gehen". Er ist sich sicher, "dass Menschen auch immer etwas Neues hören wollen und auch immer suchen werden nach neuer Musik, nach neuen Trends."
Wichtig aber sei natürlich, die kleineren Veranstaltungen weiterhin zu unterstützen. "Das sind halt Dinge, um die wir uns kümmern müssen. Das müssen wir schützen." Als positives Beispiel nennt er das britische LIVE Trust-Modell: Bei vielen großen Konzerten und Tourneen wird freiwillig ein Pfund pro Ticket in einen Fonds eingezahlt, der die Grassroots-Musikszene und kleine Spielstätten unterstützt. Auch Harry Styles habe sich mit seiner Londoner Residency daran beteiligt. "Das ist ein fantastisches Zeichen von Solidarität in der Branche", findet Everke.
Die vielen "Blue Dots" sind also kein Zeichen für nachlassendes Interesse an Live-Musik, sondern zeigen einen Markt im Wandel. Die Herausforderung besteht nun darin, jene kleinen Bühnen und Künstler zu erhalten, ohne die es die Stadionstars von morgen nicht geben wird.