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PolitikGlobal

Mitleid für Bolsonaro? Nein danke!

Thomas Milz Rio de Janeiro
8. Juli 2020

Brasiliens Präsident Bolsonaro hat das Coronavirus. Geschieht ihm Recht, meinen viele Brasilianer, hatte der Rechtspopulist doch bisher wenig Mitleid mit den Opfern gezeigt. Politisch könnte ihm die Erkrankung nutzen.

Brasilien Corona-Pandemie | Brasilianerin hält Gesichtsmaske mit Bolsonaro-Abbild in die Kamera
Bild: DW/T. Milz

Auf den Straßen Rio de Janeiros herrschte am Dienstagnachmittag nahezu Einigkeit. "Jetzt bezahlt er für seine Sprüche", kommentierte ein rüstiger Rentner die Erkrankung des Präsidenten. Jetzt sei Jair Bolsonaro an der Reihe, "gut so". "Ich hoffe, er stirbt", rief eine vorbeieilende Krankenschwester. "Und ich hoffe, er leidet vorher genau so wie die Bevölkerung, die ohne Beatmungsgeräte und Medikamente dasteht. Sein Tod wäre mehr als gerecht, niemand auf diesem Planeten würde ihn vermissen. Tschüss, Bolsonaro."

Bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2018 hatten zwei Drittel der Bürger der Stadt Rio de Janeiro für Bolsonaro gestimmt. Jetzt, 7.055 Corona-Opfer (Stand 7. Juli) später, ist es schwierig jemanden zu finden, der den Präsidenten verteidigt. "Alles nur Marketing, ich traue ihm nicht mehr über den Weg", kommentierte Ricardo José da Silva die Meldung über die präsidentielle Erkrankung. Unfähig, zu regieren, habe Bolsonaro seine Erkrankung zur Ablenkung erfunden, glaubt er.

Von der "kleinen Grippe" zu 70.000 Opfern

Seit Beginn der Pandemie hatte Bolsonaro COVID-19 als "kleine Grippe" bezeichnet und sich geweigert, selber die Initiative im Kampf gegen das Virus zu ergreifen. Stattdessen sabotierte er die von Bürgermeistern und Gouverneuren erlassenen Maßnahmen.

Alles nur Marketing? José Ricardo da Silva glaubt nicht, dass Präsident Bolsonaro mit COVID-19 infiziert ist Bild: DW/T. Milz

Zwei Gesundheitsminister mussten im Streit über Corona-Regeln und die von Bolsonaro geforderte Zulassung der umstrittenen Malariamittel Hydroxychloroquin und Chloroquingehen. Während Bolsonaro das Mittel als "Geschenk Gottes" ansieht, warnen Gesundheitsbehörden weltweit vor der Anwendung.

Seit Wochen hat Brasilien schon keinen Gesundheitsminister mehr, ein in Gesundheitsfragen unerfahrener General führt das Ministerium ad interim. Angesichts von täglich bis zu 1.300 Corona-Toten empfinden viele Brasilianer dies als offene Kriegserklärung an die eigene Bevölkerung. Brasilien geht stramm auf die 70.000 Opfer-Marke zu, dazu kommen mehr als 1,6 Millionen Infizierte. Die Dunkelziffern seien aufgrund fehlender Testkapazitäten riesig, mutmaßen Forscher.

Auch der Messias vollbringt keine Wunder

Ende April hatte Bolsonaro das Erreichen der 5.000-Tote-Marke lakonisch kommentiert. "Na und? Was soll ich tun? Ich heiße zwar Messias, kann aber keine Wunder vollbringen." Es war ein Schlag ins Gesicht der Opfer und ihrer Angehörigen. Nun erntet der Präsident selber Hohn, Spott und Anfeindungen.

Zwar wünschten ihm selbst politische Erzfeinde wie São Paulos Gouverneur João Doria und die sonst ihm kritisch gesinnten Journalisten des TV-Senders Globo artig eine rasche Genesung. Doch für die Aufregung des Tages sorgte der Journalisten Hélio Schwartsman. "Warum ich hoffe, dass Bolsonaro stirbt", titelte er in der Zeitung "Folha de S. Paulo". "Der Präsident würde durch seinen Tod dem Land einen Dienst erweisen, den er im Leben nicht anbieten konnte", heißt es dort.

Genesungswünsche? Bolsonaro soll spüren, wie schlimm diese Krankheit ist, finden diese Jugendliche am Strand von RioBild: DW/T. Milz

Bolsonaros Sabotage erhöht Opferzahl

Schwartsman verweist auf Studien, nach denen durch Bolsonaros Sabotage der Corona-Massnahmen die Opferzahlen erhöht wurden. Ergo würde Bolsonaros eigener Tod viele Leben retten und wäre gleichzeitig eine globale Warnung an andere unverantwortliche Politiker. Bolsonaros Kommunikationsminister Fábio Faria verurteilte die journalistische Attacke am Dienstagabend scharf.

Doch auch in den sozialen Medien muss Bolsonaro einstecken. Nach Untersuchungen der Digital-Monitoring-Plattform Torabit seien am Dienstag 84 Prozent aller Tweets über Bolsonaro negativ gewesen. Die Hashtags #ForçaCovid und #ForçaCorona, in etwa „Sei stark, Corona", erreichten die Spitzenpositionen der globalen Twitter Trending Topics.

Dagegen konnte der Unterstützer-Hashtag #ForçaBolsonaro, also "Sei stark, Bolsonaro", nur kurzzeitig innerhalb Brasiliens die Spitzenposition einnehmen. Ein Bolsonaro-Fan bat um gemeinsame Gebete für den Präsidenten: "Die  Kraft der negativen Wünsche von Leuten, die Bolsonaro den Tod wünschen, wird nicht stärker sein als die Gebete von Millionen von Brasilianern, die zu ihrem Präsidenten stehen. Wir werden diese Welle des Hasses besiegen."

Bolsonaro könnte langfristig profitieren

Ganz so negativ sieht Oliver Stuenkel, Politikwissenschaftler der Universität Fundação Getúlio Vargas (FGV), Bolsonaros Situation im Gespräch mit der Deutschen Welle (DW) jedoch nicht. "Der Präsident geht natürlich davon aus, dass er nicht besonders krank werden wird. Und er wird versuchen, das zu nutzen, um zu zeigen, dass COVID-19 keine so große Gefahr für die brasilianischen Bürger darstellt."

Laut Stuenkel werde der Populist Bolsonaro auf das "Wundermittel" Chloroquin setzen. "Seht her, es ist alles völlig übertrieben. Wenn man nur Chloroquin nimmt, kann einem eigentlich nichts passieren." Tatsächlich veröffentlichte Bolsonaro am Dienstagnachmittag ein Video, in dem er eine Hydroxychloroquin-Tablette einnahm. "Ich fühle mich schon besser, es wirkt also", so der Präsident.

Am Strand von Rio de Janeiro hoffte man derweil auf das Gegenteil. "So sehr wie er sich wünscht, dass die Brasilianer sterben, wünsche ich es ihm", kommentierte der Jugendliche Rafael. "Zu sehen, dass mein Land in der Hand eines Psychopaten ist, macht mir Sorgen", so der junge Mann. Seine Begleiterinnen Marina und Tatiana stimmten dem zu. "Ich hoffe, dass er an der eigenen Haut spürt, wie schlimm diese kleine Grippe in Wahrheit sein kann."

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