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Bonn: Grapscherei auf Flüchtlingsparty

Jan D. Walter10. Januar 2016

Mehrere Frauen sind auf einer Party der Organisation Refugees Welcome Bonn sexuell belästigt worden. Über den Vorfall Anfang November berichtete nun eine Lokalzeitung. Die DW sprach mit Organisatoren und Augenzeugen.

Menschenmenge auf der Tanzfläche einer Diskothek (Foto: DW)
Bild: DW

"Von uns wurde niemand angefasst, wohl aber aufdringlicher angetanzt, als es uns lieb gewesen wäre", sagt die 25-jährige Anna (Name von der Redaktion geändert), die gegen Mitternacht mit drei Freundinnen und einem Freund auf die Party kam. "Vielleicht hatten wir Glück, dass ein Freund bei uns stand." Sie habe aber auch beobachtet, wie andere Frauen noch heftiger bedrängt und auch angefasst wurden. "So etwas kommt immer mal vor, wenn man Abends ausgeht, aber bei weitem nicht in dem Maße", sagt die Augenzeugin. "Wir haben uns schon unwohl gefühlt."

Späte Aufmerksamkeit in den Medien

"Party Without Borders" - Party ohne Grenzen - hieß die Veranstaltung auf dem Club-Boot "Township" am 7. November 2015. Zwei Monate später widmete der Bonner "General-Anzeiger" (GA), die größte Lokalzeitung der Stadt, der Feier im Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht einen halbseitigen Artikel. Demnach fassten dort mehrere Männer Frauen gegen deren Willen an. Unter den Tätern waren laut dem Mit-Veranstalter Refugees Welcome Bonn e.V. (RWB) Deutsche und Nicht-Deutsche.

Gleich nach ihrer Ankunft sei der Gruppe um Anna aufgefallen, dass viele der Männer rund um die Tanzfläche im Innern des Schiffs stark alkoholisiert waren. Nach Angaben von RWB hätten sich dort bis zu 300 Gäste gleichzeitig befunden. Drei Viertel von ihnen - schätzt Anna - seien männlich und augenscheinlich Flüchtlinge gewesen.

Mehrfach riefen die Veranstalter per Mikrofon auf Deutsch, Englisch und Arabisch die Männer auf, die gebotene Distanz zu wahren. Einige seien sogar des Bootes verwiesen worden, heißt es in einer Stellungnahme von RWB. Jedoch heißt es auch: "Leider waren wir mit diesen Maßnahmen nicht erfolgreich."

Veröffentlichung verwundert Veranstalter

Die Stellungnahme hatte RWB bereits am 10. November - also drei Tage nach der Party - auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Darin beschreiben die ehrenamtlichen Mitarbeiter die Vorgänge, verurteilen die Übergriffe und entschuldigen sich bei den Betroffenen.

Erst nach der Kölner Silvesternacht - zwei Monate nach den Übergriffen - berichtet der "General-Anzeiger" darüberBild: DW/P. Böll

Dass die Tageszeitung die Geschichte jetzt - zwei Monate später - wieder aufgriff, hat die Organisatoren überrascht: "Insbesondere nachdem wir bereits im November ausführlich schriftlich auf die Fragen des General-Anzeigers geantwortet hatten, dieser allerdings davon absah, etwas davon zu drucken", schreibt Vorstands-Mitglied Sarah Puls auf Anfrage der DW.

Die Bonner Polizei hatte erst am Mittwoch (06.01.2016) durch die Anfrage des GA von den Vorfällen erfahren. Bis dahin hatte es lediglich eine Anzeige wegen des mutmaßlichen Diebstahls einer abgelegten Handtasche gegeben. Zwischen Erscheinen des Artikels in der Donnerstagsausgabe und Freitagnachmittag haben laut einer Polizei-Sprecherin zwei Frauen Anzeige wegen sexueller Belästigung, eine wegen sonstiger Belästigung erstatten. Hinweise auf zwei weitere Fälle lägen vor.

Drohanrufe nach Stellungnahme

Indes werden die Mitarbeiter von RWB wegen ihrer ehrenamtlichen Arbeit bedroht: Schon im November, berichtet Vorstands-Mitglied Puls, hätte es über Soziale Medien, E-Mail und sogar Telefon Drohnachrichten gegeben. In einem mittlerweile gelöschten Facebook-Eintrag habe ein User sich die Massenvergewaltigung der Organisatorinnen gewünscht, die er dann würde bejubeln können.

Das wiederhole sich nun: "Immer wieder rufen irgendwelche Nazis an, die sich als Journalisten ausgeben, um uns dann zu beschimpfen und uns mit ihren Vergewaltigungsfantasien zu kommen", berichtet RWB-Vorstand Puls. "Wir empfinden es als bezeichnend, dass man uns droht, die wir ja dasselbe Verhalten kritisiert haben, das diese Kommentatoren angeblich so besorgt."

Differenzierte Einordnung

Dass die Übergriffe auf der Party Anfang November in einem gewissen Zusammenhang mit dem kulturellen Hintergrund der Gäste stehen, wollen die RWB-Organisatoren in ihrer Stellungnahme nicht per se ausschließen.

Kommt leider auf vielen Partys immer wieder vor: sexuelle Belästigung (gestellte Szene)Bild: imago/Hoch Zwei Stock/Angerer

Sarah Puls will die Vorkommnisse auf keinen Fall verharmlosen, betont aber: "Sexuelle Übergriffe auf Frauen sind leider überall alltäglich." Einen Zusammenhang mit der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof sieht das RWB-Vorstands-Mitglied überhaupt nicht: "Es handelt sich um zwei völlig verschiedene Vorkommnisse."

Das sieht auch Augenzeugin Anna so: "Ich habe bei den Nachrichten aus Köln nicht eine Sekunde an diese Party denken müssen." Nicht nur das Ausmaß, sondern die ganze Situation sei überhaupt nicht vergleichbar: Dort ein öffentlicher Platz mit mehreren Tausend Menschen und Männer-Gruppen, die Frauen einkesselten. Hier eine Fete in studentischem Umfeld.

Suche nach Ursachen

"Da haben einige definitiv die Grenzen überschritten", sagt Anna, gibt aber zu bedenken, dass es auf einer Party ja durchaus auch ums Kennenlernen und Antanzen gehen könne. Nur mit dem Wie hätten einige Männer in jener Nacht mächtig daneben gelegen.

Auch sie kann sich vorstellen, dass dies etwas mit der Herkunft der Männer zu tun haben könnte. Allerdings könne man ihnen das nur schwer vorwerfen, wenn sie nicht mutwillig, sondern aus Unkenntnis so handelten. "Irgendwie war das ja auch zu ihrem eigenen Leidwesen", meint die Studentin.

In jedem Fall sieht sie auch andere Erklärungsansätze: "Vielleicht wäre das Klima insgesamt anders gewesen, wenn der Frauenanteil höher gewesen wäre." Dafür spricht die Erfahrung der Organisatoren von RWB: "Wir haben bereits mehrere Partys, auch in dieser Größenordnung veranstaltet, und es ist nie zu Übergriffen dieser Art gekommen", sagt Puls.

Die habe es auch auf der "Party Without Borders" nicht überall gegeben, erzählt Anna: "An Deck des Schiffs war eine ganz andere, völlig entspannte Stimmung. Die Leute standen in bunten Grüppchen, unterhielten sich in verschiedenen Sprachen. Das war sehr angenehm."

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