Booker Prize 2025 für David Szalay: ein "düsteres" Buch
11. November 2025
Im Zentrum des Romans steht István - ein Ungar, der nach dem Beitritt seines Landes zur EU (2004) nach Großbritannien geht. Die Geschichte begleitet ihn durch sein Leben und eine Reihe von Ereignissen, die sich seiner Kontrolle entziehen - inklusive sozialem Aufstieg und späterem Abstieg. Aufgewachsen in einem ärmlichen Viertel in Ungarn, zieht István nach einem Gefängnisaufenthalt und seiner Zeit beim Militär nach London. Hier wagt er einen Neustart, der zunächst scheinbar gelingt. Doch seine Biografie holt ihn ein, unverarbeitete Traumata haben Spuren hinterlassen. István spricht nicht viel. Sich selbst ein Fremder, ist für ihn meistens alles "okay".
Die Jury des Booker Prizes lobt den Roman als "einzigartig" und "außergewöhnlich". Sie hätten noch nichts Vergleichbares gelesen. "Es ist in vielerlei Hinsicht ein düsteres Buch, aber es macht Freude, es zu lesen", sagte der Jury-Vorsitzende Roddy Doyle, der 1993 selbst den Booker Prize bekommen hatte. Es sei als "Meditation über gesellschaftliche Schichten, Macht, Intimität, Migration und Männlichkeit" das fesselnde Porträt eines Mannes und seiner prägenden Erfahrungen, "die ein ganzes Leben lang nachwirken können", heißt es in einer Erklärung der Organisatoren.
"Flesh" (deutscher Titel: "Was nicht gesagt werden kann") ist David Szalays sechster Roman. Danach gefragt, was der Ausgangspunkt für seinen Roman sei, sagte der Autor im Vorfeld in einem Interview mit dem Booker Prize-Gremium: "Flesh hat sich gewissermaßen entwickelt. Ich wusste, dass ich ein Buch mit einem ungarischen und einem englischen Ende schreiben wollte, da ich zu dieser Zeit sehr stark zwischen beiden Ländern lebte und das Gefühl hatte, dass sich dies in meiner Themenwahl widerspiegeln sollte." Es sollte ein Roman über das heutige Europa und seine kulturellen wie wirtschaftlichen Unterschiede sein. Außerdem habe er darüber schreiben wollen, "wie es ist, ein lebender Körper in der Welt zu sein - was auch immer uns trennt, das haben wir alle gemeinsam".
Zum zweiten Mal auf der Shortlist
Szalay hat sich mit "Flesh" gegen fünf weitere Autorinnen und Autoren durchgesetzt, darunter auch die indische Schriftstellerin Kiran Desai, der es 2006 gelungen war, die begehrte Auszeichnung zu bekommen - für ihr Buch "The Inheritance of Loss".
153 Bücher standen in diesem Jahr zur Auswahl. Eingereicht werden konnten auf Englisch geschriebene Romane, die zwischen dem 1. Oktober 2024 und dem 30. September 2025 in Großbritannien und/oder Irland veröffentlicht wurden. Die Nationalität der Autorinnen und Autoren spielt keine Rolle.
David Szalay wurde als Sohn einer kanadischen Mutter und eines ungarischen Vaters in Kanada geboren. Er wuchs in Großbritannien auf und lebt derzeit in Wien in Österreich. Es ist nicht das erste Mal, dass er auf der Shortlist des Booker Prizes stand: 2016 war er unter der letzten sechs - mit seinem Roman "All That Man Is" (auf Deutsch "Was ein Mann ist").
Sprungbrett für die Bestsellerliste
Der Booker Prize ist einer der prestigeträchtigsten Preise im englischsprachigen Raum. Er ist mit 50.000 Pfund (knapp 58.000 Euro) dotiert und bietet den Ausgezeichneten eine weltweit sichtbare Plattform, um ihr Werk zu präsentieren - was in der Regel zu einem enormen Anstieg an Buchverkäufen führt. Im Live-Chat der Veranstaltung verfolgten - und kommentierten - Nutzende aus aller Welt die Preisverleihung.
Mit auf der Shortliste standen in diesem Jahr: Andrew Miller mit "The Land in Winter," Kiran Desai mit "The Loneliness of Sonia and Sunny", Susan Choi mit "Flashlight", Katie Kitamura mit "Audition" und Ben Markovits mit "The Rest of Our Lives".
Im letzten Jahr ging der Preis an die britische Schriftstellerin Samantha Harvey für ihren Kurzroman "Orbital", in dem sechs Astronautinnen und Astronauten auf der Internationalen Raumstation über die Erde nachdenken. Bereits kurz nach der Auszeichnung stand das Buch auf Platz eins der UK‑Bestsellerliste.