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Botho Strauß' neues Stück

28. September 2001

Botho Strauß’ neues Stück weist ihn wieder als Analytiker und wachen Zeit-Beobachter aus: "Der Narr und seine Frau heut abend in Pancomedia"

Bild: Schauspielhaus Bochum
 

Uraufführungen von Botho Strauß sind immer etwas Besonderes, wird er doch so heiß diskutiert wie kein zweiter Dramatiker in Deutschland. Diesmal hat sich das Schauspielhaus Bochum mit seinem neuen Intendanten Matthias Hartmann den neuen Strauß gesichert. "Der Narr und seine Frau heut abend in Pancomedia" verspricht ein Stück über das Leben als Theater zu werden: Eine Perspektive, aus der Botho Strauß früher schon seine brillanten und viel gerühmten Diagnosen über die deutsche Gesellschaft gewann. Doch in den letzten Jahren begab er sich auf das Terrain der Mythologie und des Moralisierens - Anlass für Theaterfachleute, den "Abschied von Botho Strauß" zu verkünden. Voreilig, wie es scheint, denn nun ist er wieder da - mit einem Stück, das ihn wieder als Analytiker und wachen Zeit-Beobachter ausweist.

Das jüngste Stück von Botho Strauß mit dem Titel "Der Narr und seine Frau heute Abend in Pancomedia" ist am Samstag bei seiner Uraufführung im Schauspiel Bochum vom Publikum gefeiert worden. Intendant Matthias Hartmann setzte das vierstündige poetische Gesellschaftspanorama des Dramatikers in eindrucksvolle Szenen um. Am Ende gab es gut zehn Minuten lang Beifall für alle Beteiligten.

Verschwenderisch wie nie zuvor entwirft Strauß in seinem neuen Werk ein Tableau zeitgenössischer Figuren, die sich in dem Hotel "Confidence" treffen. Da sind vertrackte Paare und Frischverliebte, Nachtportiers und Handlungsreisende, falsche Liftboys und echte Unternehmer. Das riesige rote Foyer, in dem die Begegnungen wie Momentaufnahmen ablaufen, erinnert in seiner Form an ein altes Kino. Neben den beeindruckend agierenden Schauspielern begeisterten das Publikum das Bühnenbild von Erich Wonder und skurrile Kostüme von Su Bühler.

Das Foyer des Hotels wandelt sich in Sekunden zum Restaurant, in dem ein Engel-Transvestit mit einem Riesenohr als Mikrofon die Gäste an den Tischen belauscht. Mittendrin als Hauptfiguren die von Dörte Lyssewski gespielte junge Autorin und ihr umtriebiger Verleger, ein Frauenverführer und glückloser Geschäftsmann, gespielt von Tobias Moretti. Um seinen Kleinverlag über Wasser zu halten, verdingt er sich als Begutachter des "ersten Eindrucks" bei einem Casting, das mit seinen exhibitionistischen Verrenkungen der Interessentinnen zu den schönsten Szenen des Abends zählt.

Als eine Art Chronik bundesdeutscher Gegenwart thematisiert Strauß in "Pancomedia" die Vergreisung der Gesellschaft, Sex-Besessenheit, Wunderpillen, Machtstreben, Erfolgshörigkeit, Gewalt, Einsamkeit, Sehnsüchte - und immer wieder das liebe Geld. Der Kleinverleger prostituiert sich für sein Mini-Unternehmen, ohne es retten zu können. Der Großverleger, der ihn schluckt, wird am Ende von einem noch weit größeren Verlag gekauft. Der reiche Schwager des Kleinverlegers bringt es schließlich auf den Punkt:

"Kunst, Sport, Bildung, das Spirituelle - Praktisch alles wird heute unter geldverdienendem Gesichtspunkt gesehen. Es ist vollkommen zwecklos, einer solchen Bande von Geldverdienern den Ernst deutscher Schicksale nahe zubringen."

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