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Brasiliens Sojaindustrie gibt Startschuss für Abholzung

Tim Schauenberg
23. Februar 2026

Fast 20 Jahre lang garantierten die größten Produzenten, dass Sojaprodukte nicht von gerodeten Flächen im Regenwald stammten. Doch jetzt droht deutlich mehr Entwaldung im Amazonas. Denn viele Firmen kippen den Schutz.

Brasilien Xingu-Indigenengebiet. Die Grenze zwischen dem grünen üppigen Regenwald der von den indigenen Xingu gehegt wird und dem nackten Boden des angrenzenden Farmlands verläuft schnurgrade durchs Bild.
Ohne Moratorium fürchten Umweltschützer, dass die Rodungen im Amazonas-Regenwald zunehmen werden.Bild: Gustavo Basso/DW

Zahlreiche Unternehmen der Sojaindustrie in Brasilien kehren dem Waldschutz den Rücken und steigen aus dem sogenannten Soja-Moratorium aus. 

Damit könnte eine neue Welle der Abholzung des Amazonasregenwaldes befeuert werden, das befürchten Umweltschützer. 

Konkret verlässt der brasilianische Branchenverband ABIOVE das Moratorium. Zu seinen Mitgliedern zählen die globalen Agrarfirmen Cofco International, Bunge, Amaggi und JBS.

Ohne wirtschaftliche Notwendigkeit würden sich diese Unternehmen "klare und nachvollziehbare Regeln für kurzfristige wirtschaftliche Vorteile aufzugeben und damit die Tür für die Waldzerstörung wieder zu öffnen", heißt es in einem Statement mehrerer brasilianischer Umweltorganisationen, die maßgeblich an der Überwachung der Vereinbarung beteiligt waren. 

Riesige Mengen Wald werden abgeholzt, um Sojabohnen für die Tierindustrie anzubauen.Bild: Sonja Jordan/imageBROKER/picture alliance

Welche Folgen das Ende des Soja-Moratoriums hat 

Ein Ende des Moratoriums könnte die Entwaldung im Amazonasgebiet bis 2045 um bis zu 30 Prozent erhöhen, das zeigt eine vorläufige Studie des brasilianischen Amazonas-Institut für Umweltforschung (IPAM).

ABIOVE erklärte in einem Statement an DW, dass man sich weiter an den brasilianischen Waldkodex als ökologischen und sozialen Standard halten werde. 

Der Rückzug aus dem Moratorium diene auch dazu, den Export von brasilianischem Soja und seinen Nebenprodukten langfristig abzusichern.

Laut der Nichtregierungsorganisation WWF werden 80 Prozent des weltweit produzierten Sojas an Nutztiere verfüttert.

Der grösste Teil der weltweit angebauten Sojabohnen wird an Nutztiere wie Rinder verfüttert. Bild: Eraldo Peres/AP Photo/picture alliance

Weniger Fleischkonsum trägt somit zum Schutz der Wälder bei.

Dort wo kontrolliert wurde, hat das Moratorium funktioniert

Unter Experten galt die Vereinbarung bisher als effektiver Schutz gegen Waldrodung. Der Amazonasregenwald ist eines der artenreichsten Gebiete der Erde. Als Kohlenstoffsenke spielt er eine wichtige Rolle für die Regulierung der globalen Temperaturen.  

Auf Druck von Umweltverbänden und internationalen Abnehmern wurde das Moratorium 2006 als freiwillige Selbstverpflichtung eingeführt.  Große Sojahändler einigten sich auf ein Verbot des Einkaufs von Produkten, due auf gerodeten Flächen im Amazonasgebiet angebaut wurden.

In den überwachten Gebieten sank laut IPAM die Abholzungsrate während des Moratoriums um rund 70 Prozent.

Doch insgesamt hat sich im Amazonasgebiet seit 2008 laut Greenpeace die Fläche für den Sojaanbau um 7,28 Millionen Hektar mehr als verdreifacht. Das konnte das Moratorium nicht verhindern. 

Eduardo Vanin analysiert den brasilianischen Sojamarkt bei der Finanzplattform Marex. Durch den Rückzug aus dem Abkommen wird sich nach seiner Einschätzung die Anbaufläche allein im Amazonas-Bundesstaat Mato Grosso um 150.000 Hektar vergrößern.

Landesweit rechnet er zwar mit keinem großen Sprung bei der Entwaldung. Doch "wird es das Ende des Moratoriums einfacher machen, abzuholzen oder neues Land zu nutzen." 

Der Sojakonsum in China trägt am meisten zur Entwaldung bei. Darauf folgt der brasilianische Binnenmarkt sowie die Importe der Europäischen Union (EU).

Wíe Brasilien zur Soja-Supermacht aufgestiegen ist 

Der internationale Sojamarkt hat sich in letzten Jahrzehnten stark verändert. Brasilien ist inzwischen mit einem Marktanteil von 40 Prozent der größte Sojaproduzenten weltweit. Auf Platz zwei folgen die USA. Das war nicht immer so.

Noch Anfang der 2000er Jahre importierte China, der größte Sojakonsument der Welt, den größten Teil seines Sojas aus den USA. Nur ein Drittel kam aus Brasilien. 

Heute importiert China 70 Prozent der Sojabohnen aus Brasilien, nur noch 21% kommen aus den USA. Und der Trend wird sich fortsetzten, sagt Eduardo Vanin, Rohstoffanalyst der Finanzplattform Marex:  

"Durch die Abkehr vom Moratorium wird sich die Abhängigkeit von China vergrößern."

Seit 2012 setzten chinesische Einkäufer laut dem Branchenverband US-Amerikanischer Sojabauern immer weniger auf die USA.  

Damals vernichtete eine Dürre große Teile der US-Ernten, Brasilien sprang ein und deckte den Bedarf. Seit dem Handelsstreit im Jahr 2018 zwischen den USA und China und erneut 2025 hat sich der Trend verstärkt.

Anders als in den USA stehe in Brasilien sehr viel Land zur Verfügung, sagt Joana Colussi vom Institut für Agrarökonomie der Purdue University in den USA. Das führt beim Anbau zu geringeren Kosten pro Hektar.

Brasilien profitiere derzeit von einem Rohstoff-Boom, seit der COVID Pandemie und dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die Nachfrage gestiegen.

Colussi denkt jedoch nicht, dass es durch ein Ende des Abkommens zu einem neuen Soja-Boom kommen wird. Denn der Großteil der Sojexpansion werde in anderen Regionen Brasilien stattfinden, nicht direkt im Regenwald-Gebiet.

Außerdem würden durch die Ausweitung der Anbaufläche das Angebot steigen und die Preise sinken. "Wenn der Preis weiter sinkt, haben die Produzenten möglicherweise keinen Anreiz mehr, ihre Anbauflächen zu vergrößern, da die Produktionskosten weiterhin hoch sind", so Colussi. 

Supermarktketten für mehr Waldschutz 

Das Ende des Moratoriums kommt zu einem Zeitpunkt, wo in Europa vor allem die Nachfrage für Rindfleisch steigen könnte.  

Brasilien ist der weltgrösste Soja-Produzent, die meisten Sojabohnen importiert China.Bild: Ivan Bueno/APPA

Durch das kürzlich beschlossene Mercosur-Freihandelsabkommen zwischen der EU und Ländern in Südamerika werden weniger Zölle auf Importe fällig. Doch Soja ist bereits zollfrei, eine höhere Nachfrage aus Europa wird deswegen nicht erwartet.

Aus Europa kamen zuletzt Signale, die weniger Druck bei der Erhaltung des Amazonasregenwalds in Brasilien bedeuten. Brasilien ist der größte Soja-Lieferant der EU-Staaten.

Die EU hatte erst Ende des vergangenen Jahres eine Verordnung verschoben, die sich die Waldrodung für eine Reihe von importierten Produkten untersagt. Auch das EU-Lieferkettengesetzt wurde aufgeweicht.

Dennoch würden für Europa höhere Standards gelten, so Vanin. Und brasilianische Exporteure nach Europa werden in Zukunft Nachteile haben. Denn für sie wird es Zukunft schwieriger nachzuweisen, dass sie ohne neue Abholzung produzieren.

Als Reaktion auf das Ende der Selbstverpflichtung kündigten bereits 14 europäische Großkunden wie etwa die Supermarktketten Lidl und Aldi an, keine brasilianischen Sojaprodukte mehr zu kaufen, falls die Lieferketten nicht nachvollziehbar sind.

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