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Brasiliens Katholiken verlassen die Kirche

Jan D. Walter3. August 2012

Das Land mit den meisten Christen weltweit verzeichnet einen deutlich spürbaren Schwund an Katholiken. Stattdessen erleben die Pfingstkirchen, die den Menschen Wohlstand versprechen, großen Zulauf.

Thousands of people march during the Jesus Parade in downtown Sao Paulo July 14, 2012. The parade unites Christians and Evangelical churches in a public expression of faith, praising and worshipping Jesus Christ. REUTERS/Paulo Whitaker (BRAZIL - Tags: RELIGION SOCIETY)
Bild: REUTERS

Ein Samstag im Juli in São Paulo: Die geschäftige Finanzmetropole ist Schauplatz eines der wohl größten christlichen Ereignisse aller Zeiten. Die brasilianischen Medien berichten von 1,2 Millionen Menschen laut Polizei, fünf Millionen sind es laut Veranstalter.

So weit so gut – Brasilianer sind gläubig und feiern gerne auf der Straße. Das mag ein nicht ganz unzutreffendes Klischee sein. Doch diesmal es sind keine Katholiken, die zum "Marsch für Jesus“ die Straßen bevölkern, sondern Protestanten, genauer: Angehörige von Pfingstkirchen.

Seit den Siebziger Jahren geht der Anteil an Katholiken in Brasiliens Bevölkerung offiziell im Schnitt um etwa ein Prozent pro Jahr zurück. "Zunächst war es ein relativer Rückgang, doch nun ist auch die absolute Mitgliederzahl gefallen", konstatiert der Franziskaner-Pater Osmar Gogolok, Leiter des Instituts für Brasilienkunde in Mettingen.

125 Millionen Menschen bekannten sich dem brasilianischen Statistikinstitut IBGE zufolge im Jahr 2000 zum römisch-katholischen Glauben . 2010 waren es noch 123,5 Millionen - bei insgesamt rund 192 Millionen Einwohnern. Der Anteil von Gläubigen an der Bevölkerung fiel in dieser Zeit von 73 auf 63 Prozent.

Kein Mangel an Spiritualität

Anders als in Deutschland hat der Anteil der Atheisten und Agnostiker allerdings kaum zugenommen. Offiziell bezeichnen sich zwar acht Prozent der Brasilianer als religionslos, doch Professor Edin Abumanssur von der Universität PUC São Paulo meint: "Die meisten von ihnen befinden sich in einer Übergangsphase von der einen zur anderen Glaubensgemeinschaft." Tatsächlich liege der Anteil der Religionslosen eher bei ein bis zwei Prozent, so der Soziologe. Diesen Eindruck bestätigt auch Marcelo Néri von der Getúlio-Vargas-Stiftung in Rio de Janeiro, der mit seiner "Neuen Karte der Religionen" bereits 2009 eine detaillierte Studie zur Glaubensstruktur Brasiliens vorgelegt hat: "Wir haben für unsere Forschung viel ausführlicher mit den Menschen gesprochen als das IBGE. Dabei ist klar geworden, dass sich viele, die sich aktuell keiner Religionsgemeinschaft zugehörig fühlten, dennoch als gläubig bezeichneten."

Prominentes Beispiel: Weltfußballer Kaká ist Mitglied der Freikirche „Wiedergeburt in Christus“.Bild: AP

Protestantismus und Wohlstand

Eine Erklärung für diese Entwicklung fällt Pater Gogolok schwer. Er ärgert sich über das kirchennahe Statistikinstitut Ceris (Centro de Estatística Religiosa e Investigações Sociais), dass lieber 5000 neue katholische Priester in den letzten zehn Jahren feiere, als nach Gründen für die Abkehr so vieler vom Glauben zu suchen. Der wachsende Wunsch nach Konsum sei ein wichtiger Grund, meint Gogolok: "Man geht nun lieber ins Shopping-Center als in die Kirche – oder sogar in Kirchen, die Konsum versprechen." So wie die Pfingstkirchen.

Warum aber haben die Pfingstkirchen einen so großen Zulauf? Rüdiger Zoller, Auslandswissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg, sieht das so: "Mit Sicherheit trägt das Wohlstandsversprechen zur Attraktivität der Pfingstbewegung bei. Und das Motto 'Selbstdisziplin statt Beichte' wirkt sich mit Sicherheit auch auf den wirtschaftlichen Erfolg vieler Menschen aus". Zoller spricht von einer Art selbsterfüllender Prophezeiung: Die Gläubigen spendeten Geld, fänden über die Gemeinschaft tatsächlich häufig zurück ins Erwerbsleben, würden fleißiger und schließlich wohlhabender. Und mit den Gläubigen prosperierten auch die Kirchen.

Politischer Einfluss

Die Spenden verwenden die Kirchen zum einen für soziale Projekte. Sie nutzen ihre Macht aber auch, um die Politik zu beeinflussen. Denn ihre Präsenz in den Medien ist enorm. Die meisten neu-pfingstlichen Kirche haben einen eigenen Fernsehsender.

Der Fernsehsender "Rede Record" gehört zur "Universalkirche vom Reich Gottes“ (IURD) und ist einer der größten des Landes. "Anthony Garotinho, ehemaliger Radiomoderator und Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, erhielt mithilfe des Netzwerks aus protestantischen Rundfunk- und Fernsehstationen bei der Präsidentschaftswahl 17 Prozent", sagt Rüdiger Zoller. Der evangelikalen Parlamentsgruppe gehören aktuell 63 der 513 brasilianischen Abgeordneten an. Fischereiminister Marcelo Crivella ist Neffe des Gründers der Universalkirche. Die IURD ist heute in rund 200 Ländern vertreten.

Eine Kirche der „Universalkirche vom Reich Gottes“ (IURD)Bild: picture-alliance/Godong

Ware Religion

Abumanssur findet für die soziale Dimension des Phänomens noch eine ganz andere, viel nüchternere Erklärung: "Wenn eine Organisation ihr Monopol verliert, ist es normal, dass alternative Anbieter auftreten und Zulauf verzeichnen."

Neben Medienpräsenz und Wohlstandshoffnung sieht er einen weiteren Wettbewerbsvorteil der evangelikalen Kirchen darin, dass die Pfingstkirchen weniger akademisch seien – auch im Vergleich zu den alten evangelischen Glaubensgemeinschaften wie Lutheranern und Presbyterianern. Das mache sie auf der einen Seite mobiler bei der Mission, denn um Prediger zu werden, müsse man nicht studiert haben.

Das entspreche auch dem Hang zur Einfachheit im Glauben, der sich aber auch bei den Katholiken zeige: "Sie verehren Volksheilige, die von Rom gar nicht anerkannt sind", so Abumanssur. Hinzu komme, dass das angebotene "Gesamtpaket“ bei Freikirchen meist kleiner und geradezu personalisierter sei. Die dezentral organisierte Kirche 'Assembléia de Deus' etwa, der die Hälfte aller Pfingstler angehört, richte sich jeweils auf die lokalen Bedürfnisse der Gemeinde. Andere richten sich an ganz bestimmte Bevölkerungsgruppen, sodass einige anbieten, homosexuelle Paare zu verheiraten. Nicht zuletzt versprechen die Pfingstkirchen das Heil auf Erden, und nicht erst nach dem Tod.

Trotz allem Zuwachs, dessen sich die Pfingstkirchen erfreuen, stellt Rüdiger Zoller noch einmal klar: "Der Katholizismus ist immer noch die dominierende Konfession. Und das wird sich so schnell auch nicht ändern.“