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"Breitscheidplatz 19/12": Das Versagen der Behörden

19. September 2026

Zehn Jahre nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt untersucht eine Fernsehserie die institutionellen Versäumnisse, die letztendlich die Tat ermöglicht haben.

Ein Mann in schwarzem Pullover steht vor einem Whiteboard, auf dem Fotos von Männern und Landkarten angebracht sind. Viele sind mit roten Fäden miteinander verbunden.
Die Miniserie "Blindspot Berlin" feierte ihre Premiere auf dem Toronto FilmfestivalBild: Hubert Mican Jagd/NEUESUPER

"Breitscheidplatz 19/12" (internationaler Titel: "Blindspot Berlin") feierte Weltpremiere auf dem Toronto International Film Festival. Die Serie beleuchtet die einjährigen polizeilichen Ermittlungen, die nicht verhindern konnten, dass Anis Amri - ein Tunesier, dessen Asylanträge abgelehnt worden waren und der den deutschen Sicherheitsbehörden bereits bekannt war - am 19. Dezember 2016 mit einem entführten Lkw durch einen belebten Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz raste. Es war der bislang schwerste dschihadistische Anschlag auf deutschem Boden.

Zwölf Menschen kamen an dem Tag ums Leben, inklusive Lukasz Urban, der polnische LKW-Fahrer, den Amri erschossen hatte, bevor er dessen Fahrzeug entführte. Dutzende weitere wurden verletzt; ein 13. Opfer starb 2021 an den Spätfolgen der beim Anschlag erlittenen Verletzungen. Amri floh vom Tatort und durchquerte Europa, bevor er vier Tage später bei einer routinemäßigen Ausweiskontrolle in der Nähe von Mailand von der italienischen Polizei erschossen wurde.

Diesen LKW steuerte der Attentäter in die Menge auf dem BreitscheidplatzBild: picture-alliance/dpa/M. Kappeler

"Was hinter den Kulissen dieses Anschlags geschah, ist in vielerlei Hinsicht ebenso beunruhigend", sagt David Nawrath, Regisseur von "Breitscheidplatz 19/12". Es sei "ein Bild von überforderten Institutionen, systemischem Versagen und einer erschreckenden Blindheit gegenüber der Bedrohung, die sich direkt vor unseren Augen entwickelte."

Im Inneren des Salafistennetzwerks

Die Handlung setzt im Jahr vor dem Anschlag ein. Sie begleitet den Polizeiermittler Frank Laudin (Albrecht Schuch, bekannt aus "Systemsprenger" und "Im Westen nichts Neues") und die Arabisch-Übersetzerin Isra Al-Husseini (Bayan Layla) bei ihrem Versuch, in das salafistische Umfeld des Predigers Abu Walaa einzudringen. Der in Hildesheim ansässige Iraker rekrutierte nach Erkenntnissen der Behörden Anhänger für den "Islamischen Staat" (IS). Frank rekrutiert Murat (Tamer Trasoglu), der als verdeckter Informant sein Leben riskiert. Innerhalb des Netzwerks stoßen sie auf Amri: unberechenbar und immer gefährlicher werdend.

Doch trotz wiederholter Warnungen nehmen ihre Vorgesetzten die Bedrohung nicht ernst. Sie schließen Amri als möglichen Terroristen aus, unter anderem weil er auch als Drogendealer tätig ist - was die Behörden als unvereinbar mit dem Dasein als radikaler Islamist ansehen.

Fiktion auf Basis parlamentarischer Untersuchungen

Die Autoren und das Produktionsteam der Serie haben sich bei "Breitscheidplatz 19/12" eng an die Fakten des Amri-Falls sowie an die jahrelangen parlamentarischen Untersuchungen zu den institutionellen Versäumnissen gehalten. Die Hauptfiguren der Serie - Frank, Isra und Murat - sind allerdings fiktiv.

Weihnachtsmärkte: Sicherheit kostet

03:24

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"Wir haben versucht, uns so nah wie möglich an das zu halten, was über den Anschlag und die Hintergründe bekannt ist", erklärte Produzent Simon Amberger gegenüber der DW. "Es gibt noch vieles, was nicht bekannt und nur Spekulation ist. Dort haben wir versucht, die Dinge offen zu lassen."

Grenzpolizei verbot Amri Ausreise aus Deutschland

Die Fakten des Falles sprechen bereits für sich. Der parlamentarische Untersuchungsausschuss stellte fest, dass die Kriminalpolizei, die gegen Amri und andere Verdächtige ermittelte, stark unterbesetzt war, dass Justiz- und Sicherheitsbehörden den Informationsaustausch nicht koordinierten und dass Beamte schwerwiegende Fehleinschätzungen begingen. Amris Asylanträge wurden abgelehnt, doch er wurde nie abgeschoben.

Irgendwann artete die Bürokratie in eine Farce aus. Amri versuchte im Juli 2016 Deutschland zu verlassen, wurde jedoch an der Grenze aufgehalten, weil er keine gültigen Ausweispapiere bei sich hatte.

Letzter Teil einer Anschlagsserie

Den Produzenten war von Anfang an bewusst, dass die Geschichte über Deutschland hinausging. Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz war der letzte einer Reihe islamistischer Terroranschläge in Europa. Zu ihnen gehörten die Anschläge in Paris vom November 2015, darunter das Massaker im Bataclan, die Selbstmordanschläge am Brüsseler Flughafen und in der Metrostation Maelbeek im März 2016 sowie der Lkw-Anschlag in Nizza im Juli 2016.

Fahrzeugsperren, eine Woche nach dem Anschlag auf den BreitscheidplatzBild: Jochen Tack/picture alliance

Zehn Jahre später ist Bedrohungslage weiterhin hoch. Am 25. Juli 2026 fuhr ein Mann mit einem Lieferwagen in die Menschenmenge bei den Feierlichkeiten zum Christopher-Street-Day in Berlin. Eine Person kam ums Leben, Dutzende wurden verletzt.

Der Anschlag auf dem Breitscheidplatz hallt bis heute nach, da er die Frage aufwirft, "wie weit eine freie demokratische Gesellschaft zu gehen bereit ist und wie viel von ihrer Freiheit sie für die Sicherheit zu opfern bereit ist", so Produzent Amberger.

Angst vor politischer Instrumentalisierung

Er ist sich jedoch bewusst, dass eine Geschichte über islamistischen Extremismus und das Versagen des deutschen Staates, seine Bürger zu schützen, heute anders ankommt - vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlen, bei denen die rechtspopulistische und in Teilen als rechtsextrem eingestufte Partei AfD einen starken Zuwachs an Unterstützung verzeichnen konnte.

"Es besteht die Gefahr, dass diese Geschichte, diese Serie, missbraucht werden könnte, um eine vereinfachende, populistische politische Agenda zu unterstützen", räumt Amberger ein. "Aber so einfach ist es nicht. [In der Serie] zeigen wir, wie Extremismus in marginalisierten Gruppen entsteht, die sich isoliert, unsichtbar und machtlos fühlen. Die Lösung lautet nicht 'Stoppt die Einwanderung'."

"Breitscheidplatz 19/12" feiert im Oktober in der ARD Premiere; auch ein internationaler Vertrieb ist geplant.

Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel

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