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Brexit: Nichts Genaues weiß man nicht

Andreas Becker24. Juni 2016

Die Länder der EU sind zusammengenommen Großbritanniens wichtigster Handelspartner. Trotzdem ist völlig offen, was ein Austritt des Landes aus dem Binnenmarkt für die Wirtschaft bedeuten wird.

Brexit Symbolbild EU Flagge Union Jack Europäische Union
Bild: Imago

Es gibt wirklich keinen Mangel an Studien über die Folgen eines Austritts der Briten aus der Europäischen Union. Befürworter und Gegner hatten massenweise Papiere produziert, um ihre jeweilige Position zu untermauern.

Die meisten Studien kamen zu dem Schluss, dass ein Austritt mit beträchtlichen Kosten verbunden sein wird, vor allem für die Briten selbst. Schließlich gehen knapp die Hälfte ihrer Güterexporte in die Länder der EU, etwas mehr als die Hälfte der Importe kommen von dort.

Durch einen Austritt könnte Großbritanniens Wirtschaftsleistung um bis zu 14 Prozent schrumpfen, so eine Untersuchung der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung; das wären mehr als 300 Milliarden Euro.

Ende offen

Doch so sehr sich Ökonomen und Statistiker auch bemühen - wirklich belastbar sind ihre Zahlen nicht. Sicher ist nur, dass sich die Wirtschaftsbeziehungen Großbritanniens zur EU durch einen Austritt ändern werden und dadurch erst einmal Kosten und Unsicherheit entstehen.

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Wie genau sich aber die Wirtschaftsbeziehungen durch einen Austritt ändern, ist völlig offen. Die Details müssen erst mühsam zwischen Großbritannien und der EU ausgehandelt werden, so schreibt es Artikel 50 des EU-Vertrags vor.

Jahrelange Unsicherheit

Und das kann dauern. Artikel 50 sieht eine Frist von zwei Jahren vor, die aber vom Europäischen Rat verlängert werden kann. Die britische Beratungsfirma Global Counsel erwartet, dass die Phase der Unsicherheit "zehn Jahre oder länger" dauern könnte.

Alles hängt vom Ausgang dieser Verhandlungen ab - und hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. So tritt das Worst-Case-Szenario in der oben erwähnten Studie der Bertelsmann-Stiftung nur ein, wenn Großbritannien weitgehend "isoliert" wird und seine Innovationskraft und sein Finanzsektor geschwächt werden. Bei freundlicheren Annahmen sieht die Sache schon anders aus: Statt 300 Milliarden würde der Brexit nur noch 14 Milliarden Euro kosten, so die Autoren.

"Natürlich haben die Briten ein Interesse, die Verhandlungen so zu führen, dass ihre Firmen den Zugang zum Binnenmarkt nicht völlig verlieren. Gleichzeitig hat die EU ein Interesse, dass die Firmen in der EU nicht den Zugang zum britischen Markt verlieren", sagt der Ökonom Rolf Weder von der Universität Basel zur DW. "Ich erwarte daher, dass man eine Art Freihandelsabkommen anstrebt."

Wichtiger Finanzplatz

Im Außenhandel mit der EU haben die Briten seit Jahrzehnten ein Defizit, sie importieren also deutlich mehr Waren, als sie in die EU verkaufen. Stärker als in der Güterproduktion sind die Briten bei Dienstleistungen, vor allem dank der Londoner City, einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Im Handel mit Dienstleistungen erwirtschaftet das Land regelmäßig einen Überschuss, der allerdings nicht ausreicht, um das Defizit aus dem Warenhandel auszugleichen.

Im Moment profitieren die britischen Banken und Versicherungen davon, Teil des Binnenmarkts zu sein und ihre Produkte überall in der EU anbieten zu können. Würde das Land die EU verlassen, käme es sehr darauf an, welche Regeln es für seinen Finanzsektor aushandeln kann.

"Die EU wird sehr aufpassen, Großbritannien nicht zu gut zu behandeln", sagt Weder von der Uni Basel. Schließlich verliert die EU durch den Brexit ja einen Beitragszahler. Es sei daher kaum anzunehmen, dass die Briten mit großen Zugeständnissen belohnt werden.

Vorbild Schweiz?

Als ein mögliches Modell für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU wird oft die Schweiz angeführt. Das Alpenland ist nicht Mitglied der EU, hat aber beim Warenhandel große Freiheiten. Doch den Schweizern ist es nicht gelungen, sich mit der EU auch auf freie Dienstleistungen zu einigen. Sollte es den Briten ebenso ergehen, "gäbe es wirtschaftliche Kosten für den britischen Finanzsektor, die heute bereits in der Schweiz anfallen, weil die Schweiz eben nicht so gut integriert ist", so Weder.

Eine Gefahr, dass der Finanzplatz London ernsthaft Schaden nimmt, besteht nach Ansicht der Beratungsfirma Global Counsel trotzdem nicht. "Es ist nicht anzunehmen, dass London als das führende Finanzzentrum Europas abgelöst wird", heißt es in einer Studie. Die Standortvorteile und etablierten Netzwerke in der City seien andernorts "nur schwer zu kopieren".

Parallel zu den Verhandlungen mit der EU kommt auf die Briten noch weitere Arbeit zu. So müssen sie nach dem Austritt zahlreiche Abkommen mit Drittstaaten ändern oder neu aushandeln. Dabei wird die Position der Briten allerdings schwächer sein, weil sie nicht mehr als Teil der EU, sondern allein auftreten.

Mehr Alternativen?

Wozu also all die Arbeit, warum das Risiko hoher Kosten und jahrelanger Unsicherheit auf sich nehmen? Rolf Weder von der Uni Basel glaubt, es sei beim Referendum gar nicht in erster Linie um die Wirtschaft, sondern um die Idee eines anderen Europas gegangen. "Ich bin der Meinung, dass weniger Europa am Schluss mehr Europa sein könnte. Die Vielfalt in Europa wird unterstützt, wenn man weniger harmonisiert, weniger Integration anstrebt und größere Unterschiede zulässt."

Ein Austritt der Briten könnte laut Weder das Ende der Alternativlosigkeit sein, auf die in Europa so oft verwiesen wurde - bei der Bankenrettung, der Schuldenkrise, der Austeritätspolitik und dem Drama in Griechenland.

Die Briten könnten mit der Schweiz und anderen ein Gegenmodell ausprobieren, etwa im Rahmen der Europäischen Freihandelszone EFTA: Möglichst freier Handel, aber über Arbeitsmarkt, Zuwanderung oder Sozialleistungen bestimmen die Nationalstaaten selbst.

Selbst die Befürworter einer stärkeren europäischen Integration sind Weder zufolge ohne die Briten besser dran. "Wenn nach den Briten vielleicht noch zwei bis drei andere Länder austreten, wäre die EU ja homogener. Die verbleibenden Mitglieder könnten dann das Experiment wagen und einen Bundesstaat schaffen", glaubt er. "Aber es wäre dann eben nicht die einzige Form des Zusammenlebens in Europa, und die Bürger können zwischen diesen Alternativen wählen."

Es gibt wirklich keinen Mangel an Studien über die möglichen Folgen eines Austritts der Briten aus der Europäischen Union (EU). Befürworter und Gegner haben massenweise Papiere produziert, um ihre jeweilige Position zu untermauern.

Die meisten Studien kommen zu dem Schluss, dass ein Austritt mit beträchtlichen Kosten verbunden wäre, vor allem für die Briten selbst. Schließlich gehen knapp die Hälfte ihrer Güterexporte in die Länder der EU, etwas mehr als die Hälfte der Importe kommen von dort.

Durch einen Austritt könnte Großbritanniens Wirtschaftsleistung um bis zu 14 Prozent schrumpfen, so eine Untersuchung der wirtschaftsnahen Bertelsmann-Stiftung; das wären mehr als 300 Milliarden Euro. Das Fazit der Autoren: "Ein Brexit sollte aus unserer Sicht vermieden werden."

Ende offen

Doch so sehr sich Ökonomen und Statistiker auch bemühen - wirklich belastbar sind ihre Zahlen nicht. Sicher ist nur, dass sich die Wirtschaftsbeziehungen Großbritanniens zur EU durch einen Austritt ändern würden und dadurch erst einmal Kosten und Unsicherheit entstehen.

"Deshalb wurde auf die Briten ein gewisser Druck ausgeübt, in dieser schwierigen Zeit nicht plötzlich auszutreten", sagt Rolf Weder, Professor für Wirtschaft und Europäische Integration an der Universität Basel in der Schweiz. "Aus kurzfristiger Sicht ist klar: Man sollte nie eine etablierte Zusammenarbeit in Frage stellen, denn das hat immer Kosten zur Folge."

Wie genau sich aber die Wirtschaftsbeziehungen durch einen Austritt ändern, ist völlig offen. Die Details müssten erst mühsam zwischen Großbritannien und der EU ausgehandelt werden, so schreibt es Artikel 50 des EU-Vertrags vor.

Jahrelange Unsicherheit

Und das kann dauern. Artikel 50 sieht eine Frist von zwei Jahren vor, die aber vom Europäischen Rat verlängert werden kann. Die britische Beratungsfirma Global Counsel erwartet, dass die Phase der Unsicherheit "zehn Jahre oder länger" dauern könnte.

Alles hinge also vom Ausgang dieser Verhandlungen ab - und hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. So tritt das Worst-Case-Szenario in der oben erwähnten Studie der Bertelsmann-Stiftung nur ein, wenn Großbritannien weitgehend "isoliert" wird und seine Innovationskraft und sein Finanzsektor geschwächt werden. Bei freundlicheren Annahmen sieht die Sache schon anders aus: Statt 300 Milliarden würde der Brexit nur noch 14 Milliarden Euro kosten, so die Autoren.

"Natürlich haben die Briten ein Interesse, die Verhandlungen so zu führen, dass ihre Firmen den Zugang zum Binnenmarkt nicht völlig verlieren. Gleichzeitig hat die EU ein Interesse, dass die Firmen in der EU nicht den Zugang zum britischen Markt verlieren", sagt Ökonom Weder zur DW. "Ich erwarte daher, dass man eine Art Freihandelsabkommen anstrebt."

Wichtiger Finanzplatz

Im Außenhandel mit der EU haben die Briten seit Jahrzehnten ein Defizit, sie importieren also deutlich mehr Waren, als sie in die EU verkaufen. Stärker als in der Güterproduktion sind die Briten bei Dienstleistungen, vor allem dank der Londoner City, einem der wichtigsten Finanzplätze der Welt. Im Handel mit Dienstleistungen erwirtschaftet das Land regelmäßig einen Überschuss, der allerdings nicht ausreicht, um das Defizit aus dem Warenhandel auszugleichen.

Im Moment profitieren die britischen Banken und Versicherungen davon, Teil des Binnenmarkts zu sein und ihre Produkte überall in der EU anbieten zu können. Würde das Land die EU verlassen, käme es sehr darauf an, welche Regeln es für seinen Finanzsektor aushandeln kann.

"Die EU wird sehr aufpassen, Großbritannien nicht zu gut zu behandeln", sagt Weder von der Uni Basel. Schließlich würde die EU durch einen Brexit ja einen Beitragszahler verlieren. Es sei daher kaum anzunehmen, dass die Briten mit großen Zugeständnissen belohnt werden.

Vorbild Schweiz?

Als ein mögliches Modell für die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Großbritannien und der EU wird oft die Schweiz angeführt. Das Alpenland ist nicht Mitglied der EU, hat aber beim Warenhandel große Freiheiten. Doch den Schweizern ist es nicht gelungen, sich mit der EU auch auf freie Dienstleistungen zu einigen. Sollte es den Briten ebenso ergehen, "gäbe es wirtschaftliche Kosten für den britischen Finanzsektor, die heute bereits in der Schweiz anfallen, weil die Schweiz eben nicht so gut integriert ist", so Weder.

Eine Gefahr, dass der Finanzplatz London ernsthaft Schaden nimmt, besteht nach Ansicht der Beratungsfirma Global Counsel trotzdem nicht. "Es ist nicht anzunehmen, dass London als das führende Finanzzentrum Europas abgelöst wird", heißt es in einer Studie. Die Standortvorteile und etablierten Netzwerke in der City seien andernorts "nur schwer zu kopieren".

Parallel zu den Verhandlungen mit der EU käme auf die Briten noch weitere Arbeit zu. So müssten sie nach dem Austritt zahlreiche Abkommen mit Drittstaaten ändern oder neu aushandeln. Dabei wäre die Position der Briten allerdings schwächer, weil sie nicht mehr als Teil der EU, sondern allein auftreten.

Mehr Alternativen?

Wozu also all die Arbeit, warum das Risiko hoher Kosten und jahrelanger Unsicherheit auf sich nehmen? Beim Brexit-Referendum geht es gar nicht in erster Linie um die Wirtschaft, sondern um die Idee eines anderen Europas. "Ich bin der Meinung, dass weniger Europa am Schluss mehr Europa sein könnte", sagt Weder von der Uni Basel. "Die Vielfalt in Europa wird unterstützt, wenn man weniger harmonisiert, weniger Integration anstrebt und größere Unterschiede zulässt."

Ein Austritt der Briten könnte laut Weder das Ende der Alternativlosigkeit sein, auf die in Europa so oft verwiesen wurde - bei der Bankenrettung, der Schuldenkrise, der Austeritätspolitik und dem Drama in Griechenland.

Die Briten könnten mit der Schweiz und anderen ein Gegenmodell ausprobieren, etwa im Rahmen der Europäischen Freihandelszone EFTA: möglichst freier Handel, aber über Arbeitsmarkt, Zuwanderung oder Sozialleistungen bestimmen die Nationalstaaten selbst.

Selbst die Befürworter einer stärkeren europäischen Integration wären ohne die Briten besser dran. "Wenn nach den Briten vielleicht noch zwei, drei andere Länder austreten, wäre die EU ja homogener. Die verbleibenden Mitglieder könnten dann das Experiment wagen und einen Bundesstaat schaffen", glaubt Ökonom Weder. "Aber es wäre dann eben nicht die einzige Form des Zusammenlebens in Europa, und die Bürger können zwischen diesen Alternativen wählen."

Anm. d. Red: Dies ist die aktualisierte Fassung eines Berichts vom 16.06.2016.

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