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Buchenwald: Gedenken an die Nazi-Gräuel und eine große Rede

13. April 2026

Das KZ Buchenwald war eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden. Vor 81 Jahren wurde es befreit. Ein Gedenken mit bewegenden Worten - und Protesten.

im Bildzentrum Alojzy Maciak (98) aus Polen, einer der beiden überlebenden Häftlinge des KZ Buchenwald, die zur Gedenkfeier kamen. Daneben zwei jüngere Begleiter. Im Hintergrund des Bildes, das außerhalb des eigentlichen Lagers entstand, erkennt man ein Verwaltungsgebäude
Alojzy Maciak (98) aus Polen, einer der beiden überlebenden Häftlinge des KZ Buchenwald, mit zwei Begleitern, die ihn stützen Bild: Bodo Schackow/dpa/picture alliance

Hape Kerkeling erzählt von seinem Großvater, von Hermann Kerkeling. "Er war kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat. Ein Zimmermann aus Recklinghausen, der zupacken konnte."

Hape Kerkeling - diesen Namen kennt fast jeder in Deutschland. Der 61-Jährige ist Komiker, Autor, Fernsehmoderator, Schauspieler. In vielen Rollen unterhält er die Republik. Derzeit laufen in deutschen Kinos zwei Filme mit ihm in der Hauptrolle. Sein 2006 erschienenes Buch "Ich bin dann mal weg" über die Reise auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela wurde unter anderem ins Englische und Spanische, Polnische und Japanische übersetzt.

Aber an diesem kühlen April-Sonntag ist Kerkeling in keiner seiner Rollen. Er steht auf dem Appellplatz des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald auf dem Ettersberg bei Weimar, im Herzen von Thüringen. Er steht und spricht dort "nicht als öffentliche Person, sondern als Enkel eines Überlebenden".

Opa Hermann, der Zimmermann, Katholik und Kommunist, überlebte dieses Lager, in dem bis zum April 1945 rund 56000 Häftlinge getötet wurden oder starben, durch Folter oder Mord, an Erschöpfung, aus Verzweiflung. Der Opa, so der Enkel, "hatte unmittelbar nach der von den Nationalsozialisten so genannten Machtergreifung im Jahre 1933 Flugblätter gegen Hitler verteilt". Es kostete ihm zwölf Jahre seines Lebens.

Buchenwald, die Hölle

Buchenwald – das war in der Nazi-Zeit die Hölle, eine der Höllen dieser Jahre. Von 1937 bis 1945 sperrten die Nazis in Buchenwald Menschen ein. Politische Gegner, Kommunisten, Homosexuelle, ausländische Gefangene, Juden, Roma und Sinti, Zeugen Jehovas, missliebige Kirchenvertreter. Im System Buchenwald, zu dem das KZ auf dem Ettersberg und mehr als 50 kleine Außenlager - zumeist an Stätten kriegswichtiger Produktion - zählten, litten über 250.000 Häftlinge.

Als am 11. April 1945 die ersten Panzer der US-Armee an das KZ heranrückten, erhoben sich die widerständisch gut organisierten Häftlinge und setzten noch Dutzende Soldaten der fliehenden SS-Truppen fest. So ist beim Gedenken auch von der "Befreiung und Selbstbefreiung" die Rede.

Zum 81. Jahrestag der Befreiung kamen noch zwei ehemalige Insassen: Alojzy Maciak (98) aus Polen und Andrej Moiseenko (99) aus Belarus. Hochbetagte Herren, noch mit der Kappe der Häftlingszeit. Mehrere andere Überlebende konnten wegen der Einstellung der Flugverbindungen nicht aus Israel anreisen.

Beim 70. Jahrestag der Befreiung 2015 nahmen noch rund 80 Überlebende teil. 2025, beim 80. Jahrestag, waren es 15. Nun zwei. Das Wort ergriffen sie nicht mehr. Wohl zum ersten Mal überhaupt sprach kein Überlebender mehr.

Die Gedenkfeier in Buchenwald war in diesem Jahr in mehrfacher Weise überschattet. Der Leiter der Gedenkstätte, Jens-Christian Wagner, beschreibt es bei seiner Begrüßung in bitteren Worten: "Je weniger Überlebende des NS-Terrors es gibt, die sich wehren könnten, desto mehr werden die Gedenkstätten und die Erinnerungskultur zur Bühne aktueller politischer Auseinandersetzungen mit partikularen Zielsetzungen und Selbstdarstellungsversuchen missbraucht."

Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald - ein Ort der MahnungBild: Strack

So griffen, klagt Wagner, Rechtsextreme die Erinnerungskultur an und diffamierten sie als "Schuld­kult". "Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb", sagt er, würden sie von bis zu 40 Prozent der Menschen in Thüringen gewählt. In keinem anderen Bundesland Deutschlands ist die in Teilen rechtsextreme "Alternative für Deutschland" so stark wie in dieser Region.

Aber Wagner beklagt auch, wie sehr die Konflikte im Nahen Osten das Gedenken überschatteten. "Linksautoritäre und teils auch antisemitische Gruppierungen" hätten diesen Tag "für aktuelle politische Zwecke kapern wollen". So hatte eine "Initiative Kufiyas" an diesem Sonntag in Buchenwald eine Mahnwache für die Opfer in Gaza abhalten wollen. Tage vorher gab es ein gerichtliches Verbot dieser Aktion.

Starke Polizeipräsenz

Doch die Furcht vor Protesten prägt den Tag. Rund um den Bahnhof Weimar stehen am Vormittag mehr als 15 Mannschaftswagen der Polizei. In Gruppen beäugen Sicherheitskräfte auf dem Bahnhofsvorplatz mögliche Gegendemonstranten und checken auch, wer in einen der Linienbusse zur Gedenkstätte einsteigt. Es kommt sogar vor, dass ein Polizeifahrzeug mit Blaulicht und Kelle einen der vollbesetzten Busse während der Fahrt stoppt, weil irgendetwas Verdacht erregt hat. Rund um die Gedenkstätte: immer wieder Polizeifahrzeuge.

Gedenkstätten-Leiter Wagner appelliert an "alle Anwesenden" deshalb "mit Nachdruck, unsere Gedenk­veranstaltung nicht zu stören". Es sind einige hundert, vielleicht tausend Menschen rund um das Rednerpult und das Zelt mit den offiziellen Gästen.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bei seiner GedenkredeBild: M. Gränzdörfer/Geisler-Fotopress/picture alliance

Und doch kommt es zu Störungen. Als Vertreter der Bundesregierung ist Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) nach Buchenwald gekommen. In seine Zuständigkeit fällt unter anderem die Förderung der Gedenkstätten zur Aufarbeitung der NS-Diktatur und des SED-Unrechts. Die Vorsitzenden von zwei Zusammenschlüssen von Angehörigen ehemaliger politischer Häftlinge des Lagers hatten sich gegen den Auftritt Weimers gewandt. Sie begründeten das damit, dass Weimer kürzlich unter Verweis auf "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse" drei linke Buchhandlungen bei einem Wettbewerb aus der Prämierung ausgeschlossen hatte. Derweil hatte sich Wagner für die Rede Weimers ausgesprochen.

Schon als Wagner den Staatsminister begrüßt, kommen aus der Menge nicht nur vereinzelt Buh-Rufe. Als Weimer dann ans Rednerpult tritt, hört man aus einem linken Block, über dem Fahnen der "Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes" (VVN) flattern, "Alerta antifascista"-Rufe und auch mal "Faschist"-Schreie.

Gedenken und Proteste bei der Feier in BuchenwaldBild: Christoph Strack/DW

Weimer redet rund zwölf Minuten. Er bittet früh darum, die "Würde des Ortes" zu wahren. Er wendet sich an die beiden Überlebenden. Er beklagt die "unerträgliche Entwicklung", dass es in Gedenkstätten immer mehr Störungen und Bedrohungen gebe. Die Gedenkstätte Buchenwald, sagt er, müsse mehr als zehn Prozent ihres Etats für Security und Sicherheitsmaßnahmen aufwenden. Fast während der gesamten zwölf Minuten singen oder grölen Störer "Vorwärts und nicht vergessen" oder auch "O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist", eine Passage aus dem im Lager 1938 entstandenen Buchenwald-Lied.

Später wird sich Jens-Christian Wagner vor Journalisten empört zeigen. Es sei "schäbig" und "unerträglich", zumal die Störer am lautesten gewesen seien, als sich Weimer an die Überlebenden gewandt habe. Es sei legitim, dass ein Vertreter der Bundesregierung bei diesem Anlass zu Wort komme. Und Wagner spricht von einem "falschen politischen Signal", einen Vertreter des demokratischen Lagers zu stören.

"Den Wahnsinn überlebt"

Minister Weimer endet mit einer Überleitung an Hape Kerkeling, seinem Dank an, wie er sagt, einen der geachtetsten Kulturschaffenden des Landes. Dessen Rede führt zurück in den Schrecken dieses Ortes: "Am 2. Juli 1942 wurde er zur Nummer 6117. … Hier in Buchenwald wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder." Die Vergegenwärtigung eines Großvaters durch seinen Enkel.

Da wurde konkret, was an diesem Ort zigtausendfach geschah, alles Leid und alle Unmenschlichkeit. Kerkeling schildert aus dem eigenen familiären Erleben auch das Schweigen des Großvaters, "bleiernes Schweigen. Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab." Der Kultur-Mensch wendet sich gegen das Vergessen, gegen Rechtspopulismus. Es wirkt wie eine Rede für die Schulbücher, wie da ein trauriger Enkel spricht.

Bald eine Schweigeminute. Dann das traditionelle Erinnern an den Schwur von Buchenwald, den Schwur der Überlebenden, den "Faschismus mit seinen Wurzeln" zu vernichten und eine "neue Welt des Friedens und der Freiheit" aufzubauen.

Gedenkkränze rund um die (rechts oben zu erkennende) Bodenplatte, die das zentrale Denkmal auf dem Appellplatz von Buchenwald istBild: Strack

Bald liegen 50 Gedenkkränze sortiert aufgereiht am historischen Ort, vom Kulturstaatsminister genauso wie von den Opferverbänden. Das offizielle Erinnern ist vorbei. Einzelne oder kleine Gruppen gehen noch durch das Gelände, legen hier oder da Rosen nieder, verharren für ein Gedenken an einzelne Opfergruppen. Und auch an diesem diesigen Sonntag geht der Blick weit ins Land. Kalt ist es auf dem Ettersberg. Kalt.

"15:15 Uhr" zeigt die alte Uhr im Turm über dem Eingangsgebäude des Lagers. Immer stehen die Zeiger auf 15:15 Uhr. Zu jener Uhrzeit wurde am 11. April 1945. das KZ befreit. Da war es vorbei mit der Hölle. Und doch hört es irgendwie nie auf.

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