Bulgariens Türken zwischen Trauma und gelebter Nachbarschaft
21. Februar 2026
Die Banja-Baschi-Moschee in Bulgariens Hauptstadt Sofia ist eines der ältesten muslimschen Gotteshäuser Europas. Erbaut im 16. Jahrhundert erinnert sie an fast 500 Jahre osmanischer Herrschaft über das überwiegend christlich-orthodoxe Land.
Heute lebt in Bulgarien die größte türkische Bevölkerungsgruppe auf dem Balkan. Nach dem neuesten Zensus von 2021 machen die ethnischen Türken etwa 500.000 Einwohner oder rund acht Prozent der 6,5 Millionen Bewohner des EU-Landes im Südosten Europas aus.
Die meisten von ihnen sind Nachfahren türkischer Siedler, die mit der osmanischen Eroberung im 14. und 15. Jahrhundert nach Bulgarien gekommen sind. Die Siedlungsgebiete dieser überwiegend sunnitisch-muslimischen Gemeinschaft liegen hauptsächlich in den südlichen und nordöstlichen Provinzen des Landes.
Die Angehörigen der Minderheit sprechen bis heute Türkisch, anders als die "Pomaken" genannten bulgarisch sprechenden Muslime, die vermutlich auf vom orthodoxen Christentum zum Islam Konvertierte zurückgehen.
Gelebte Nachbarschaft
Auch unter den rund 750.000 bulgarischen Roma gibt es Muslime und seit der Migrationskrise 2015 sind weitere Muslime aus dem Nahen Osten und Afghanistan zugewandert. Nach einer Befragung von 2017 durch die Politikwissenschaftlerin Evgenia Ivanova von der Neuen Bulgarischen Universität in Sofia bezeichnen sich rund 89 Prozent der bulgarischen Muslime als religiös.
"Religiosität ist jedoch in Bulgarien insgesamt relativ gering ausgeprägt", sagt Marina Liakova, Soziologin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, gegenüber der Deutschen Welle. Sie hat zum Thema Migration und Religion in Bulgarien geforscht.
"Sowohl bei Christen als auch bei Muslimen handelt es sich mehr um eine kulturelle Religiosität", so Liakova weiter. Die meisten Muslime hielten zwar den Fastenmonat Ramadan ein - aber jeden Freitag in die Moschee zu gehen, sei eher unüblich. Frauen mit Kopftuch fände man unter den bulgarischen Musliminnen selten.
"Christen und Muslime haben sich während der 500 Jahre dauernden osmanischen Herrschaft kulturell, sprachlich und kulinarisch beeinflusst", sagt Liakova. "Im Alltag gibt es so etwas wie Nachbarschaft und ein freundschaftliches Miteinander." Allerdings gebe es auch negative Einstellungen zum Islam angesichts der neuen Migration aus Syrien und Afghanistan - und weil er an die osmanische Fremdherrschaft erinnert.
Ethnische Säuberung
Politisch wirken die Folgen der kommunistischen Herrschaft in Bulgarien bis heute nach. In den Jahren 1984 und 1985 hatte Diktator Todor Schiwkow die türkischen Bulgaren gezwungen, ihre Namen abzulegen und stattdessen bulgarische Namen anzunehmen.
Ziel dieser offiziell als "Wiedergeburtsprozess" bezeichneten Kampagne war es, die ethnische Identität der türkischen Bevölkerung zu zerstören. Nach Protesten wurden 1989 mehr als 360.000 türkische Bulgaren in die Türkei abgeschoben - damals die umfassendste ethnische Säuberung in Europa nach 1945. Im kommunistischen Bulgarien wurde das "die große Exkursion" genannt. Die Armee riegelte ganze Dörfer ab und rückte dort ein. Nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen wurden zwischen einigen hundert und 2500 bulgarische Türken ermordet.
Heute garantiert die Verfassung von 1991 zwar die Rechte aller ethnischen und religiösen Gruppen im Land. Die orthodoxe Kirche genießt jedoch als "traditionelle Religion" eine privilegierte Stellung. Zwangsassimilierung und ethnische Säuberungen bleiben heikle Themen.
Zwar hat das Parlament in Sofia 2012 in einer wegweisenden Erklärung die Menschenrechtsverletzungen der Vergangenheit klar benannt, verurteilt und die Justiz zum Handeln aufgefordert. Doch danach ging es nicht weiter; kein einziger Täter wurde vor Gericht gestellt, geschweige denn verurteilt.
Traumatische Ereignisse
"Es gibt keine politische Bereitschaft für eine Aufarbeitung", sagt der Historiker und Südosteuropa-Experte Tomasz Kamusella von der University of St Andrews in Schottland im Gespräch mit der DW. "Denn viele, die heute in Bulgarien an der Macht sind, waren damals an den ethnischen Säuberungen beteiligt. Niemand möchte dieses Fass aufmachen."
Diktator Schiwkow werde auch heute noch als "großer europäischer Staatsmann" verehrt, es gebe in der politischen Elite wenig Bewusstsein für seine Rolle bei den Verbrechen gegen die Menschlichkeit. "Die Ereignisse sind traumatisch sowohl für die türkische Minderheit als auch für die bulgarische Gesellschaft insgesamt", sagt Marina Liakova. "Es wird kaum darüber gesprochen, auch in den Familien nicht. Nur wenige Journalisten und Wissenschaftler arbeiten an diesen Themen."
Bei den Säuberungsaktionen wurde auch Eigentum der türkischen Minderheit beschlagnahmt. Noch im Jahr 2023 hat der Großmufti der muslimischen Gemeinschaft in Bulgarien, Mustafa Hadji, laut Report on Religious Freedom vergeblich versucht, vor Gericht Moscheegebäude und Grundstücke zurückzufordern, die das kommunistische Regime enteignet hatte.
Es gibt auch keinen Druck von außen, weder von Seiten der Europäischen Union noch der Türkei in Richtung einer Aufarbeitung. "Bulgarien läuft unter dem Radar der Aufmerksamkeit", sagt Kamusella. Die Türkei nutzt ihren Einfluss vor allem, um den Islam im Land in ihrem Sinn zu prägen. Die Religionsbehörde Diyanet begnügt sich damit, neue Moscheebauten zu finanzieren und die Ausbildung der Imame nach ihren Lehrplänen zu regulieren.
Gespaltene politische Organisationen
Über die Partei Bewegung für Rechte und Freiheiten (DPS), der drittgrößten politischen Partei Bulgariens, war die türkische Minderheit lange an der politischen Willensbildung im Land beteiligt. Die DPS verstand sich als Sprachrohr der türkischen Gemeinschaft - ist jedoch "genauso Teil des von Korruption und Skandalen geschüttelten politischen Systems Bulgariens wie die anderen Parteien", sagt Historiker Tomasz Kamusella.
Die DPS hat sich durchaus etwa für bessere Infrastruktur in den Siedlungsgebieten der Minderheit eingesetzt - heikle Fragen jedoch stets gemieden: die schwierige Vergangenheit, Fragen der Identität, Einschränkungen bei der Genehmigung von Moscheebauten oder die Tatsache, dass die türkische Sprache im staatlichen Bildungssystem Bulgariens keine Unterrichtssprache ist.
Im Juli 2024 zerbrach die DPS. Der Oligarch und Medienunternehmer Deljan Peewski übernahm die Kontrolle und benannte die Partei in "DPS-Neuer Anfang" um, während der langjährige Vorsitzenden Ahmed Dogan die neue Partei Allianz für Rechte und Freiheiten gründete. Damals gab es auch Hinweise auf Wahlbetrug und Stimmenkauf durch Peewski, dem ersten ethnischen Bulgaren an der Spitze der DPS.
Die Liste der Vorwürfe gegen Peewski ist lang: Sie reicht von Bestechung und Einflussnahme, Veruntreuung von Geldern und mafiösen Kontakten bis zu Einschüchterung von Oppositionellen. Seit 2021 steht er unter US-Sanktionen. Die Anti-Regierungsproteste seit November 2025 richteten sich auch gegen Peewski, der zwar nicht an der Regierung von Premierminister Rossen Scheljaskow von der konservativen Partei GERB beteiligt war, diese aber im Parlament unterstützte.