Merz und die Welt: Streit, Nähe, neue Allianzen
16. Juni 2026
US-Präsident Donald Trump, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und der britische Premierminister Keir Starmer: Sie sind wichtige außenpolitische Partner von Bundeskanzler Friedrich Merz. Doch die einzelnen Beziehungen haben sich sehr unterschiedlich entwickelt, die einen viel besser, andere schlechter als erwartet.
Emmanuel Macron: Sie finden einfach nicht zusammen
Mit FCAS ist Anfang Juni ein deutsch-französisches Prestigeprojekt gescheitert. Nach neun Jahren des Verhandelns haben Frankreich und Deutschland ihre Versuche, ein gemeinsames Kampfflugzeug als Nachfolger des Eurofighters zu bauen, beendet.
"Symbolisch unterstreicht das Scheitern, dass die deutsch-französische Kooperation und der politische Wille zur stärkeren verteidigungspolitischen Integration der zwei größten Militärmächte Europas gescheitert ist", meint Linn Selle von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik gegenüber der DW. "Das ist ein sehr schlechtes Zeichen für europäische Zusammenarbeit."
Merz hatte sich als Oppositionsführer beklagt, sein Vorgänger, SPD-Kanzler Olaf Scholz, habe das Verhältnis zu Frankreich schleifen lassen, er werde es wiederbeleben. Doch viel ist aus seinem Anspruch nicht geworden, so Selle: "Bundeskanzler Merz ist sehr engagiert auf EU-Ebene und im deutsch-französischen Verhältnis gestartet. Mittlerweile haben sich die deutsch-französischen Beziehungen aber stark abgekühlt."
In der Handels- und Finanzpolitik und bei den Planungen zum EU-Haushalt liegen ihre Vorstellungen oft weit auseinander. Selbst das Ende des FCAS-Projekts haben beide nicht gemeinsam verkündet, sondern Berlin hat Paris damit überrascht.
Giorgia Meloni: die rechte Pragmatikerin
Auch das könnte ein Symbol sein, ein gegenteiliges: Nach dem Scheitern von FCAS warb Lorenzo Mariani, der Chef des italienischen Rüstungskonzerns Leonardo, um die Deutschen. Sie könnten "ein besonders wertvoller Partner" für das alternative britisch-italienisch-japanische Kampfflugzeugprojekt GCAP sein.
Das Verhältnis zu Italien steht bei deutschen Politikern im Schatten der Beziehungen mit Frankreich. Das hatte in den letzten Jahren auch politische Gründe: Als 2022 Giorgia Meloni Chefin einer Rechtskoalition in Rom wurde, ging die damalige SPD-geführte Bundesregierung auf Distanz. Melonis Partei Fratelli d'Italia (Brüder Italiens) wird in Deutschland mal als rechtsextrem, mal als postfaschistisch, mindestens als rechtsnational bezeichnet. Die Partei galt - und gilt vielerorts noch - als das Pendant zur AfD in Deutschland: eine Kraft, mit der die meisten Parteien der Mitte nichts zu tun haben wollten.
Doch spätestens mit der Kanzlerschaft von Friedrich Merz seit Mai 2025 hat sich das geändert. Weniger, weil Merz Melonis politische Positionen teilt, sondern weil sie sich als pragmatische Vermittlerin erwiesen hat. Das kam im Zollstreit zwischen der EU und den USA zum Tragen und ebenso im Konflikt um Trumps Grönland-Ambitionen.
Abgesehen von Lösungsansätzen für die Krise mit Trump scheint die Regierungen in Berlin und Rom aber mehr zu verbinden. So wollen sie gemeinsam für mehr Wettbewerb und weniger Bürokratie in der EU sorgen. Dass Merz und Meloni hier zusammenfinden, ist für Linn Selle kein Zufall: "Italien und Deutschland sind sich wirtschaftlich und politisch sehr ähnlich: verhältnismäßig viel Industrie, eine Wirtschaftsstruktur, die geprägt ist durch KMUs (kleine und mittlere Unternehmen) und ein föderales Regierungssystem. Das prägt den Blick auf die Welt und schafft Nähe."
Dass Italien einmal für Deutschland eine Position wie Frankreich einnimmt, hält sie dennoch für unwahrscheinlich. Denn: "Die deutsch-französische Partnerschaft verfügt über eine institutionalisierte Nähe und eine Intensität des Austausches, die Deutschland mit keinem anderen Partner hat."
Donald Trump: keine Freundschaft trotz Schmeichelei
Friedrich Merz hat sich sehr viel Mühe mit Donald Trump gegeben. Ob es die US-Militäraktion in Venezuela, Trumps Grönland-Forderungen oder der von den USA und Israel begonnene Iran-Krieg war - jedesmal hat Merz mögliche Bedenken höchstens sehr zurückhaltend vorgebracht. Drei Besuche im Weißen Haus konnten nur unterstreichen, wie wichtig der deutsche Kanzler die Beziehungen zum amerikanischen Präsidenten nimmt.
Eine entscheidende Motivation dafür war Merz' Sorge einer Bedrohung aus Russland, sagte der Politikwissenschaftler Johannes Varwick von der Universität Halle kürzlich der DW, "dass Merz der Überzeugung ganz offenkundig ist, dass man die Amerikaner an Bord halten muss, um einer russischen Aggression vorzubeugen".
Doch dann kam Merz' Kritik an einer in seinen Augen fehlenden Strategie im Iran-Krieg und die Bemerkung, der Iran habe die USA gedemütigt. Trump war außer sich, ließ seine Wut auf seiner Plattform Truth Social an Merz persönlich heraus: "Kein Wunder, dass es Deutschland wirtschaftlich und anderweitig so schlecht geht."
Johannes Varwick zieht daraus für Merz den Schluss: "Sich an einen solchen Präsidenten in diesen wichtigen Fragen weiter zu binden ist, glaube ich, fahrlässig."
Merz hatte schon vor der jüngsten Einigung zwischen dem Iran und den USA zugesagt, nach einem Friedensschluss werde Deutschland bereit sein, sich an einer Marinemission zur Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen. Auch dann dürfte keinesfalls sicher sein, dass es Trump besänftigen wird.
Keir Starmer: Wiederannäherungsversuche an die EU
Die Briten sind seit Jahren raus aus der EU, auch zum Leidwesen von Friedrich Merz. Doch der Labour-Premier Keir Starmer versucht eine Wiederannäherung an die EU - und rennt damit beim deutschen Kanzler offene Türen ein.
Starmer und Merz stammen aus unterschiedlichen Parteienfamilien, Starmer aus der der SPD vergleichbaren Labour-Partei, Merz' CDU ist eher mit den britischen Konservativen vergleichbar. Trotzdem haben beide Regierungschefs ein vertrauensvolles und enges Arbeitsverhältnis aufgebaut, vor allem bei der Ukraine-Unterstützung.
Was verbindet die beiden? Linn Selle meint: "Starmer ist ebenso wie Merz ein Pragmatiker, beide eint die starke Unterstützung der Ukraine. Auch ist Merz stark angelsächsisch geprägt, hat den Brexit eng begleitet und möchte sicherlich auch politisch eine engere Bindung des Vereinigten Königreichs an die Europäische Union (auch mit Blick auf einen historischen engen Verbündeten, der das UK als EU-Mitglied für Deutschland war)."
Beide stehen allerdings auch unter enormem politischem Druck von rechts, Merz von der AfD, Starmer von Reform UK. In Großbritannien häufen sich Spekulationen, Starmer könne von einem innerparteilichen Rivalen abgelöst werden - wie es zeitweilig auch über Fredrich Merz verbreitet wurde.
Und noch etwas eint nicht nur den Konservativen Merz und den Labour-Politiker Starmer, sondern auch den Zentristen Macron, die Regierungschefs der drei wichtigsten europäischen Staaten: In allen drei Ländern liegen ihre Parteien in den Umfragen zum Teil deutlich hinter rechten Konkurrenzparteien zurück. In den USA und Italien sind solche Politiker bereits an der Macht. Im Umgang mit Trump und Meloni bekommt Merz bereits einen Eindruck davon, wie unterschiedlich sich dieser Trend politisch und stilistisch ausprägt – und was ihm davon künftig auch in Frankreich und Großbritannien begegnen könnte.