1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Merz und Trump: Ein ständiges Auf und Ab

6. Mai 2026

Der jüngste Streit zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump um den Iran-Krieg könnte ernste Konsequenzen haben. Dabei hatten beide ein gutes Verhältnis aufgebaut - trotz Meinungsunterschieden.

Donald Trump hört Friedrich Merz aufmerksam zu
Ein offenes Ohr hat Bundeskanzler Friedrich Merz (rechts) im Moment nicht bei US-Präsident Donald Trump, die gute Stimmung wie bei Merz' Besuch im Weißen Haus kurz nach Beginn des Iran-Kriegs ist vorbeiBild: Guido Bergmann/BPA/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Friedrich Merz hatte sich einiges darauf eingebildet, ein gutes persönliches Verhältnis zu Donald Trump zu haben - als einer der wenigen europäischen Staats- und Regierungschefs. In seiner nun einjährigen Amtszeit besuchte Merz Trump dreimal das Weißen Haus. Die Begegnungen verliefen in herzlicher Atmosphäre, auch wenn Merz' innenpolitische Kritiker später sagten, der Kanzler habe sich beim Präsidenten angebiedert. Jedenfalls schien das transatlantische Verhältnis in turbulenten Zeiten stabilisiert.

Und dann: kritische Bemerkungen von Merz, die USA hätten keine klare Strategie im Iran-Krieg und der Iran habe die USA gedemütigt. Das löste einen wahren Wutausbruch bei Trump aus. Er konterte auf seiner Plattform Truth Social, Merz habe "keine Ahnung, wovon er spricht". Es sei "kein Wunder, dass es Deutschland so schlecht geht".

Militärische und wirtschaftliche Konsequenzen

Kurz danach kündigte Trump an, binnen eines Jahres würden 5000 amerikanische Soldaten aus Deutschland abgezogen. Später sagte er, die USA würden die Zahl "noch deutlich stärker reduzieren".

Auch die noch von Trumps Vorgänger Joe Biden zugesagten Tomahawk-Marschflugkörper zur Abwehr eines möglichen russischen Angriffs sollen vorerst nicht in Deutschland aufgestellt werden. Fachleute beurteilen dies gravierender als den Truppenabzug. "Hier entsteht eine wichtige Fähigkeitslücke mit Blick auf die Abschreckung Russlands, die mit europäischen Waffen erst später geschlossen werden kann", sagte der Experte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität München der Zeitung "Welt am Sonntag".

Wie viele US-Soldaten bleiben in Deutschland? Truppenübungsplatz Grafenwöhr in Bayern bei einer multinationalen Artillerieübung im Juli 2022Bild: Daniel Löb/dpa/picture alliance

Dazu kam noch die Ankündigung, die Zölle auf Importe von Autos aus der EU von 15 auf ​25 Prozent zu erhöhen. Der Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest warnte in der "Bild"-Zeitung bereits vor einer neuen Rezession. "Die Zollerhöhungen treffen die deutsche Autoindustrie in einer ohnehin schwierigen Lage."

Merz hat in der ARD-Sendung "Caren Miosga" Trumps angekündigten Truppenabbau heruntergespielt. Das sei nicht neu. Eine Verbindung zu seinem Streit mit Trump bestritt er: "Es gibt keinen Zusammenhang."

Henning Hoff von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik weist gegenüber der DW darauf hin, dass Trump während seiner ersten Präsidentschaft eine noch stärkere Reduzierung angedroht hatte: "Im Sommer 2020 war von 12.000 US-Soldaten die Rede, die aus Deutschland abgezogen werden sollten, auch damals als 'Strafe'. Nach Joe Bidens Wahlsieg kam es dann nicht dazu." Auch jetzt sei keineswegs sicher, ob Trump seine Ankündigung wahrmache, überraschend sei sie jedenfalls nicht. "So gesehen ist das Zerwürfnis nicht so gravierend."

Merz in Washington war nur ein Zwischenhoch

Das transatlantische Verhältnis hat seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump einige Höhen und noch mehr Tiefen erlebt.

Merz war noch nicht Kanzler, als Trump im Februar 2025 den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor der Weltöffentlichkeit demütigte. Merz sagte damals: "Spätestens seit den Äußerungen von Trump ist klar, dass diesem Teil der Amerikaner das Schicksal Europas weitgehend gleichgültig ist." Es sei nun seine oberste Priorität, Europa dabei zu helfen, "Schritt für Schritt Unabhängigkeit zu erreichen von den USA".

Negatives Schlüsselerlebnis auch für Friedrich Merz: Trump (rechts) liefert sich mit dem ukrainischen Präsidenten Selenskyj im Februar 2025 im Oval Office ein heftiges WortgefechtBild: Saul Loeb/AFP/Getty Images

Es ging im Laufe des Jahres weiter abwärts mit den Beziehungen. US-Einfuhrzölle auf Waren aus Europa treffen gerade die deutsche Wirtschaft mit ihrem hohen Exportanteil ganz besonders.

Doch trotz aller Konflikte – oder gerade deswegen – reiste Merz Anfang Juni 2025 zu seinem Antrittsbesuch nach Washington. Das Treffen verlief besser als befürchtet, wohl auch, weil Merz sagen konnte, dass Deutschland inzwischen viel mehr für Verteidigung ausgibt, so wie Trump gefordert hatte.

Noch mehr Konflikte

Seit dem Jahreswechsel 2025/26 überschlagen sich die Ereignisse: In der neuen nationalen Sicherheitsstrategie von Ende 2025 warnt die US-Administration Europa vor der "zivilisatorischen Auslöschung" durch Migration. Die westliche Hemisphäre wird zum Einflussgebiet der USA erklärt.

Anfang des Jahres der Angriff von US-Spezialeinheiten auf Venezuela mit der Entführung von Präsident Nicolás Maduro. Der Bundeskanzler gibt sich vorsichtig und nennt die Rechtslage ausweichend "kompliziert", obwohl die Aktion klar völkerrechtswidrig ist.

Wenig später Trumps Drohung, die zu Dänemark gehörende Insel Grönland notfalls mit Gewalt in seine Gewalt zu bringen. Eine einheitliche europäische Haltung, dass das völlig inakzeptabel wäre, zumal bei einem NATO-Partner, wirkt offenbar: Trump lässt das Thema fallen und kommt seitdem nicht mehr darauf zurück.

Mehr Unabhängigkeit von den USA gefordert: (V.l.) Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der britische Premierminister Keir Starmer und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am 17. April bei einem Treffen in Paris zur Lage um die Straße von HormusBild: Simon Dawson/Avalon.red/IMAGO

Ein weiterer Besuch des Bundeskanzlers bei Trump im März 2026 kurz nach Beginn des Iran-Krieges verläuft noch einmal positiv. Damals sagt Merz noch vor seinem Abflug, er wolle Trump nicht über Fragen des Völkerrechts "belehren". Das kommt gut an. Trump nennt den Kanzler einen "Freund" und "ausgezeichneten Anführer". Auch hier gibt es Klagen aus Europa, dass sich Merz auf Kosten anderer bei Trump einschmeichele: Merz hatte Trump öffentlich zugestimmt, Spanien gebe zu wenig für Verteidigung aus.

Merz will die Wogen glätten, aber will das auch Trump?

Die Strategie des Bundeskanzlers gegenüber Trump schien lange zu sein, nur hin und wieder vorsichtig zu kritisieren, ansonsten aber zu versuchen, Trump an der Seite Deutschlands und Europas zu halten. Zu groß ist die militärische Abhängigkeit von Washington, auch bei der Ukraine-Unterstützung.

Nach dem jüngsten Streit gebe er die Arbeit am transatlantischen Verhältnis ​nicht auf, betonte Merz jetzt in der ARD-Sendung "Caren Miosga". "Ich gebe auch die Zusammenarbeit mit Donald Trump nicht auf." Er werde in diesem Jahr noch mehrere Gelegenheiten zum persönlichen Gespräch haben, etwa im Juni beim G7-Treffen in Frankreich oder im Juli beim NATO-Gipfel in der Türkei. Die Frage ist nur, ob auch Trump die Zusammenarbeit mit Friedrich Merz weiterhin will.

Will das Gespräch mit Donald Trump suchen: Friedrich Merz in der Sendung "Caren Miosga"Bild: Thomas Ernst/ARD/dts Nachrichtenagentur/IMAGO

Henning Hoff ist eher zuversichtlich. Einerseits gelte: "Die eigenen, seit einem Jahr laufenden Bemühungen um ein gutes Verhältnis zu Trump hat Merz selbst konterkariert." Doch der Kanzler könne jetzt das direkte Gespräch dem US-Präsidenten suchen, die Wogen glätten und "Angebote machen, wie Deutschland nach einem Kriegsende mithelfen könnte, die Situation am Golf zu stabilisieren und die Freiheit der Schifffahrt wiederherzustellen."

Die Entsendung der deutschen Minenjagdboot "Fulda", das jetzt Richtung Mittelmeer ausgelaufen ist, sei so ein Angebot. Ansonsten: "Wenn nicht bei Trump, so herrscht doch unter vielen republikanischen Kongressabgeordneten weiterhin die Einsicht vor, dass eine starke militärische US-Präsenz in Deutschland und Europa auch für die Vereinigten Staaten ein Pluspunkt ist. Ohne sie wären die USA auf längere Sicht keine Weltmacht mehr."

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen