75 Jahre BKA: Schwergewicht im Kampf gegen Kriminalität
14. März 2026
Transparenz und Selbstkritik waren beim Bundeskriminalamt (BKA) lange Zeit ein Tabu. Erst 2007 wurde damit begonnen, die eigene Geschichte wissenschaftlich durchleuchten zu lassen. Wer dieser Tage die Homepage der Behörde besucht, kann anlässlich des 75-jährigen Jubiläums Sätze wie diesen lesen: "Bis in die späten 1960er-Jahre prägten vor allem Führungskräfte das Amt, die im Nationalsozialismus sozialisiert worden waren. Erst mit dem Generationswechsel ab 1969 setzte ein grundlegender Wandel ein."
Nazis prägten den Aufbau der deutschen Sicherheitsbehörden
Das am 15. März 1951 gegründete BKA mit seinem Hauptsitz in Wiesbaden im Bundesland Hessen war kein Einzelfall. Ob Justiz, Militär, Verfassungsschutz oder Bundesnachrichtendienst (BND) – alle für die nationale Sicherheit zuständigen Behörden, Ministerien und Streitkräfte waren von ehemaligen Nazis durchsetzt.
Für den Aufbau des Bundeskriminalamtes waren fast ausnahmslos frühere Mitglieder der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und der sogenannten Schutzstaffel (SS) verantwortlich. Die SS war für Adolf Hitler neben der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) das wichtigste Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument.
Ein Dreivierteljahrhundert nach der Gründung geht das Bundeskriminalamt offen mit seiner Vergangenheit um und gibt sich selbstbewusst: "Der Schutz der Demokratie ist eine zentrale Aufgabe der Polizei. In Zeiten von hybriden Bedrohungen passt das BKA seine Bekämpfungsstrategien an, reagiert flexibel und bündelt Kompetenzen."
Terrorismus, Extremismus, Cybercrime
Im föderal strukturierten Deutschland koordiniert das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit 16 Landeskriminalämtern sämtliche Phänomene, die die Sicherheit Deutschlands bedrohen: politischer und religiöser Extremismus, Drogenhandel, internationaler Terrorismus, Cybercrime. Auch für den Schutz gefährdeter Personen ist das BKA zuständig – vom Bundeskanzler über den Bundespräsidenten bis hin zu Staatsgästen.
Eine Zäsur war der 1968 beginnende Linksterrorismus. Die Rote Armee Fraktion (RAF) entführte und ermordete bis in die 1990er Jahre zahlreiche Repräsentanten des öffentlichen Lebens. Opfer waren oft hochrangige Manager aus der Wirtschaft wie der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Hanns Martin Schleyer.
Das BKA bekommt immer mehr Geld und Personal
Die Politik reagierte auf die zunehmende Bedrohung mit einem massiven Ausbau des Bundeskriminalamtes, das aktuell über einen Etat von 1,24 Milliarden Euro verfügt. Das Personal vervierfachte sich im Zeitraum von 1970 bis zur Jahrtausendwende fast – von rund 1200 auf mehr als 4500. In den folgenden 25 Jahren ging es weiter steil nach oben auf knapp 9400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ausschlaggebend dafür waren die islamistischen Terror-Anschläge vom 11. September 2001 in den USA.
Deutschland stärkt seitdem kontinuierlich alle Sicherheitsbehörden. Eine zentrale Rolle spielt dabei das 2004 in Berlin installierte Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum (GTAZ). Das BKA sitzt dort an einem Tisch mit Fachleuten aus Landeskriminalämtern, der für Grenzsicherung zuständigen Bundespolizei, des Zollkriminalamtes, der Geheimdienste sowie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Spionage, Sabotage, Rechtsextremismus
Auch die Generalbundesanwaltschaft (GBA) hat einen Platz im GTAZ. Sie kann das BKA jederzeit mit Ermittlungen beauftragen. Dabei geht es überwiegend um den Verdacht auf Terrorismus, Spionage und Sabotage. Häufig münden BKA-Erkenntnisse in Anklagen und Verurteilungen. Ein international aufsehenerregender Fall war der Mord an einem Georgier, der 2019 mitten in Berlin erschossen wurde. Nach Überzeugung des Gerichts hatte der zu lebenslanger Haft verurteilte Täter im staatlichen Auftrag Russlands gehandelt.
Ein weiterer Schwerpunkt des Bundeskriminalamtes liegt auf der Bekämpfung des Rechtsextremismus. Als sich im Jahr 2011 die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) selbst enttarnte, übernahm das BKA die Ermittlungen zu der lange im Dunkeln liegenden Mordserie. Ihr waren neun Männer mit migrantischen Wurzeln und eine Polizistin zum Opfer gefallen.
Der NSU und "staatliches Totalversagen"
Dass der NSU 13 Jahre unentdeckt mordend durchs Land ziehen konnte, war nach Einschätzung eines Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags "staatliches Totalversagen". Der Vorwurf traf vor allem Sicherheitsbehörden, auch das BKA. Eine Folge waren strukturelle Veränderungen, die 2012 zur Gründung des Gemeinsamen Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrums (GTEZ) führten. Die Namensähnlichkeit mit dem GTAZ ist kein Zufall, denn in beiden Zentren arbeiten Polizei und Geheimdienste eng zusammen.
Auch international vernetzt sich das BKA immer stärker. Besonders eng ist die Kooperation mit der Polizeibehörde der Europäischen Union (EU), kurz Europol. Arbeitsschwerpunkte sind der Kampf gegen Terrorismus, organisierte Kriminalität (OK), Kindesmissbrauch sowie Internet- und Schleuserkriminalität. Die weltweite Zusammenarbeit spiegelt sich auch darin wider, dass in mehr als 50 Ländern sogenannte Verbindungsbeamte zum Einsatz kommen. In der Regel sind sie organisatorisch in die deutschen Auslandsbotschaften integriert.
Künstliche Intelligenz (KI) auch beim BKA auf dem Vormarsch
Zum 75-jährigen Jubiläum blickt das BKA auf eine wechselvolle Geschichte zurück und sieht sich in der digitalen Gegenwart stärker herausgefordert denn je. Bei einem Festakt in Wiesbaden versprach Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), das BKA und die anderen Sicherheitsbehörden weiter zu stärken. "Innere Sicherheit und äußere Sicherheit sind nicht mehr voneinander zu trennen", begründete der Christdemokrat die Aufrüstung auch im technologischen Bereich.
Kriminelle im In- und Ausland werden auch mit Hilfe Künstlicher Intelligenz (KI) immer professioneller. Deshalb fordert BKA-Präsident Holger Münch schon länger mehr Befugnisse. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) will ihm diesen Wunsch erfüllen und den Einsatz der umstrittenen US-amerikanischen Überwachungssoftware "Palantir" ermöglichen.
Die Linke warnt vor Massenüberwachung
Geplant ist auch der Einsatz eines KI-gestützten Programms zur biometrischen Gesichtserkennung. Die oppositionelle Fraktion der Linken im Bundestag warnt vor Massenüberwachung: "Diese Art der digitalen Aufrüstung ist mit dem europäischen Recht kaum vereinbar und gefährdet die Freiheit aller", kritisiert die innenpolitische Sprecherin Clara Bünger.
Klagen gegen das BKA hat es schon mehrmals gegeben. Das Bundesverfassungsgericht urteilte zuletzt im Jahr 2024, dass die Überwachung von Kontaktpersonen Verdächtiger teilweise verfassungswidrig ist. Das BKA-Gesetz wurde inzwischen reformiert, um die Grundrechte potenziell Betroffener besser schützen zu können.