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Politik

Bundeswehr stationiert Soldaten in Litauen

Monika Petruliene23. September 2016

Deutschland will Litauen im Rahmen des NATO-Einsatzes militärisch unterstützen. Für die Litauer ist das ein Zeichen von Loyalität und Sicherheit. Denn das Gefühl der Bedrohung durch Russland wächst in der Bevölkerung.

Militärübungen von NATO-Truppen in Litauen, Rukla (Foto: Budzeikaite)
Bild: I. Budzeikaite

Rukla ist eine Kleinstadt in Litauen. In dem Militärlager in Rukla leisten bisher litauische Soldaten ihren Wehrdienst. Im nächsten Jahr werden hier 500 Bundeswehrsoldaten stationiert. Sie sind Teil des tausend Mann starken NATO-Bataillons für Litauen, das im kommenden Jahr hier Einzug hält und das die Bundeswehr anführt. Dem Batallion gehören auch Soldaten aus den Benelux-Staaten, Frankreich, Kroatien und Norwegen an. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist heftig dafür kritisiert worden, dass sie die Bundeswehr hierher entsendet. Der Vorwurf: Das verstärke die Spannungen mit Russland. Unterdessen besuchte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im September Litauen und bestätigte, dass sie nicht nur Soldaten, sondern auch die nötige Ausrüstung schicken wird.

"Deutschland war mit Bewegungen seiner Truppen immer sehr vorsichtig - auch in den NATO-Partnerstaaten", sagt Linas Kojala, Leiter des Zentrums für Osteuropa-Studien in Vilnius. "Denn Berlin hat stets pragmatische Beziehungen zu Moskau gepflegt und betont, es wolle Russland nicht reizen." Dass die NATO ihre Präsenz im Baltikum ausweitet, verstehe Russland jedoch als Provokation. "Daher ist die Stationierung der Bundeswehrsoldaten eine historische Entscheidung, über die wir uns sehr freuen. Berlin ist für uns ein seriöser Partner, der zu einem der wichtigsten Verbündeten in vergangenen Jahre geworden ist", sagt der Politologe.

Deutsches Zögern

Die Bürger in Litauen sehen die künftige Präsenz der NATO in ihrem Land überwiegend positiv. In verschiedenen Umfragen befürworten 70 bis 80 Prozent der Befragten die NATO-Entscheidung. Ihrer Meinung nach stärkt das ihre Sicherheit und schreckt potentielle Angreifer ab.

In Deutschland zeigt sich ein anderes Bild. Laut einer Bertelsmann-Studie, die vor der NATO-Entscheidung veröffentlicht wurde, lehnen 57 Prozent der Deutschen ab, Polen oder das Baltikum im Falle einer russischen Aggression zu verteidigen. Nur etwa jeder Dritte ist der Meinung, Deutschland müsse seinen Verpflichtungen in der NATO und der EU nachkommen und bereit sein, einen angegriffenen Bündnispartner zu verteidigen.

Bis jetzt haben Bundeswehrsoldaten in Litauen nur an Übungen teilgenommenBild: I. Budzeikaite

Politologe Kojala ist überzeugt, dass es historische Ursachen hat, dass die Deutschen hier zögern: "Seit dem Zweiten Weltkrieg wird in Deutschland jede Demonstration von militärischer Macht negativ gesehen, auch wenn es um die Unterstützung Verbündeter geht. Dies erinnert viele Deutsche an Zeiten, an die sie sich lieber nicht erinnern möchten."

Auch werde Russland in Deutschland anders wahrgenommen als im Baltikum. "Während die baltischen Länder Russland als möglichen Angreifer sehen, ist Moskau für Deutschland eher ein Partner", sagt der Politologe. "Die Entscheidung der Bundesregierung, Soldaten nach Litauen zu schicken, bedeutet meiner Meinung nach, dass Berlin das Baltikum strategisch jetzt anders einschätzt. Es nimmt die Gefahr durch Russland wahr." In den Köpfen der Leute ändere sich das Bild Deutschlands auch allmählich - jedoch sehr langsam im Vergleich zu seiner Rolle für die Sicherheit Europas.

Litauen hat seine Verteidigung in den vergangenen Jahren ausgebaut. Die teuersten und modernsten Einkäufe sind Transportpanzer vom Typ Boxer, den bislang nur die deutsche und die niederländische Armee benutzt. Die ersten vier der "Wölfe", wie die Panzer in Litauen genannt werden, sollen bis Ende nächsten Jahres einsatzfähig sein. Insgesamt werden 88 "Wölfe" beschafft. Im Juni trafen außerdem die ersten selbstfahrenden Haubitzen vom Typ PzH2000 mit einer Reichweite von 40 Kilometern ein. "Truppenteile, die schnell auf dem Schlachtfeld manövrieren können und mit solchen Waffensystemen ausgestattet sind, hatte unsere Armee bisher nicht", lobte der Oberbefehlshaber der litauischen Streitkräfte, Generalleutnant Jonas Vytautas Zukas.

Löchrige Verteidigung

Experten warnen jedoch, dass die litauische Verteidigung noch immer viele Löcher hat. Die drei baltischen Länder Litauen, Lettland und Estland sind militärisch leicht vom Rest der NATO und der EU zu isolieren. Nur ein schmaler Streifen im Süden Litauens grenzt an Polen, eingeklemmt zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Weißrussland. Dieser Streifen wäre nur schwer zu schützen.

NATO-Manöver in Litauen gibt es regelmäßig - hier US-Soldaten bei Rukla im Jahr 2014Bild: picture alliance/AP Images/M. Kulbis

"Eines der größten Probleme ist die Luftverteidigung", sagt Linas Kojala. "Wir beobachten immer wieder militärische Provokationen: Die russische Luftwaffe fliegt oft nahe der NATO-Grenze und verletzt den Luftraum. Wir können froh sein, dass die NATO die Sicherung unseres Luftraums auf unbestimmte Zeit verlängert hat."

Der litauische Generalleutnant Zukas bestätigte in einem Interview, dass es in Litauen an Flugabwehrtechnik fehlt: "Üblicherweise bewegen gepanzerte Bodenfahrzeuge sich nicht auf offenen Flächen ohne Deckung aus der Luft. Wir werden darüber mit unseren Verbündeten beraten. Wir hoffen, dass die Deutschen ihre Systeme nächstes Jahr mitbringen. Wir reden auch mit den US-Amerikanern, weil wir verstehen, dass das Kurzstreckenverteidigungssystem nicht genügt."

Die litauischen Experten befürworten die Entscheidung Deutschlands, eigene Soldaten zu schicken. Sie sehen darin ein Zeichen, dass Litauen als gleichberechtigter Partner auf der Seite der freien westlichen Welt steht, falls erneut ein Kalter Krieg entstünde und ein neuer Eiserner Vorhang fiele. Litauen würde dann nicht im Stich gelassen.

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