1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
LiteraturDeutschland

Caroline Wahl mischt Deutschlands Buchmarkt auf

Katharina Abel
26. August 2026

Sie ist jung und sagt, was sie denkt: Caroline Wahl stürmt mit ihren Büchern Deutschlands Bestsellerlisten. Jetzt kommt ihr vierter Roman auf den Markt: "1999 Meter über dem Meer". Doch die Autorin hat nicht nur Fans.

Eine Frau in gelbem Kleid (Caroline Wahl) lächelt vor einer Werbewand in die Kameras.
Die Autorin Caroline Wahl, hier beim Deutschen Filmpreis 2026Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa/picture alliance

Caroline Wahl, 31 Jahre alt, hat bislang drei Romane veröffentlicht, alle erreichten Platz eins der deutschen Belletristik-Bestsellerlisten. Jetzt kommt der vierte auf den Markt: "1999 Meter über dem Meer" ist eine Geschichte über eine junge Frau, die sich mit einer falschen Identität unter die High Society von St. Moritz mischt. Das Buch erscheint am 28. August und gilt als eine der meisterwarteten Neuerscheinungen des deutschen Literatursommers. Was ist Wahls Erfolgsgeheimnis?

Debüt mit Knalleffekt

Caroline Wahl gelang ihr Durchbruch gleich mit ihrem Erstlingswerk: "22 Bahnen" (2023) hat sich allein auf Deutsch mehr als eine Million Mal verkauft. Die Geschichte um die Studentin Tilda, die mit ihrer alkoholkranken Mutter und ihrer kleinen Schwester den Alltag meistern muss, lobten Kritikerinnen und Kritiker für ihren schnörkellosen, modernen Schreibstil. Dazu hat es der Roman offenbar geschafft, seine Leserschaft aus mehreren Generationen zu gewinnen: Bezüge zur heutigen Popkultur finden sich ebenso wie Referenzen zur klassischen Literatur.

"Dieser Beziehungsreichtum macht die Texte vielgestaltig und mehrdeutig", sagt Matthias Schaffrick. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sonderforschungsbereich "Transformationen des Populären" an der Universität Siegen und organisierte kürzlich ein zweitägiges Symposium über Wahls Werke. "Vor allem wird nicht einfach nur erzählt, sondern es werden Erzählweisen ausprobiert und infrage gestellt", erklärt Schaffrick gegenüber der DW: "Dadurch wird ein literarischer Möglichkeitsraum geschaffen, der verschiedene Lesarten ermöglicht und sicherlich mit dazu beiträgt, dass viele Leserinnen und Leser diese Texte gern lesen. "

Mit dem Erfolg interessierten sich auch die Medien für die junge Autorin, und dabei zeigte sich schnell, dass Caroline Wahl auf Konventionen wenig Rücksicht nimmt: Sie sagt, was sie denkt. Gegenwind nimmt sie dabei gerne in Kauf: "Zu polarisieren macht mir Spaß", sagte sie der Süddeutschen Zeitung am vergangenen Wochenende. "Ich mag, dass es bei mir kaum ein Dazwischen gibt, entweder hassen mich die Leute, dann hassen sie mich richtig doll (...). Oder sie mögen mich eben."

Im Podcast "Hotel Matze" erklärte sie, dass sie eine der bekanntesten Autorinnen Deutschlands werden wolle. Eine Aussage, die Wellen schlug, aber das störte Wahl nicht: "Falsche Bescheidenheit vorzutäuschen, da habe ich absolut keinen Bock drauf. Es ist nicht falsch, ambitioniert seine Ziele auszusprechen", sagte sie in der Kultursendung "Twist" des TV-Senders arte: "Vor allem bei jungen Mädchen ist das noch krasser als bei Männern, dass das irgendwie irritierend ist, wenn eine junge Frau sagt, ich möchte die Beste sein. Das möchte ich verändern mit meinem Auftreten." 

Faible für schnelle Autos

Dazu gehört auch, dass sie offen über die Freuden ihres neu gewonnenen Wohlstands spricht. In einem Gespräch mit dem "SZ-Magazin" machte die Autorin deutlich: "Es ist ja nicht nur das Schreiben schön, auch das Erfolg haben. Der finanzielle Erfolg ist auch wichtig." Sie schwärmt von schnellen Autos, fährt Cabrio und hat sich einen Wohnwagen gekauft, den sie gerne an Orte mit Meerblick stellt, um dort zu arbeiten. 

Darauf reagierten viele Menschen in den sozialen Medien mit Kritik. Sie warfen Wahl vor, mit der literarischen Darstellung von Armut in "22 Bahnen" Geld zu verdienen, obwohl sie selbst nie arm gewesen sei. Es ist die schon oft geführte Diskussion um die Frage, ob eine Autorin oder ein Autor nur über das schreiben darf, was sie oder er selbst erlebt hat. Wahl äußerte sich dazu gegenüber dem Deutschlandfunk, Schreiben bedeute für sie vor allem, "Räume zu erkunden, die ich nicht kenne, Empathie zu üben für Menschen, die ein anderes Leben führen als ich."

Keine Freundin falscher Bescheidenheit: Caroline WahlBild: Felix Hörhager/dpa/picture alliance

Doch auch abgesehen von dieser Glaubwürdigkeitsdebatte ist eine junge Frau, die sich offen über ihren materiellen Erfolg freut, für viele Menschen - Männer wie Frauen - in Deutschland offenbar noch immer gewöhnungsbedürftig, wie viele negative Reaktionen zeigen. Wahl selbst empfindet die Diskussion als sexistisch. Auf Instagram schrieb sie unter einem Foto ihres hellblauen BMWs: "ich finde es weird und checke es auch nur so halb, dass es bei rappern oder anderen menners cool und irgendwie ok ist, dass die mit ihren amgs (Sportwagen der Marke Mercedes, Anm. d. Red.) usw. protzen, aber wenn sich ne autorin einen sportwagen kaufen will (und kann!!!), raten ihr menschen davon ab das zu tun und vor allem das öffentlich zu zeigen".

Autorin und Influencerin

"Was passiert, wenn etwas sehr populär wird?", fragt Literaturwissenschaftler Matthias Schaffrick: "Diese Popularität wird problematisiert. Bei Caroline Wahl lässt sich das beobachten. Und es lässt sich beobachten, was es bedeutet, als Schriftstellerin populär zu sein. Dabei spielen nicht nur ihre Romane eine Rolle, sondern auch ihre Inszenierung als Autorin." Durch ihre Präsenz auf Instagram, wo sie auch schon mal Energy Drinks testet, spiele sie auch mit der Rolle der Influencerin. "Das trägt zur Popularität bei und sorgt für Gesprächsstoff, lenkt aber in der Öffentlichkeit häufig die Aufmerksamkeit ab von ihrer Literatur, die das wirklich Interessante ist am Phänomen Caroline Wahl."

Wahl selbst gibt zu, dass die Heftigkeit der Anfeindungen sie getroffen habe. In einem Gespräch mit dem SWR erklärte sie, in ihren Büchern keine gezielte Sozialkritik üben zu wollen. "Ich möchte mit meinen Geschichten nichts bewirken. Ich will in erster Linie erzählen."

Caroline Wahl bei einer Signierstunde auf der Leipziger Buchmesse 2026Bild: Manfred Segerer/picture alliance

"22 Bahnen" ist Schullektüre

An Bestsellerliteratur scheiden sich in der deutschen Literaturkritik immer wieder die Geister: Was ist unterhaltende Literatur, was ist ernsthafte Literatur mit hohem künstlerischem Anspruch? Ob Caroline Wahls Romane schon zur zweite Kategorie gehören, darüber gibt es in den Feuilletons unterschiedliche Ansichten. Wahl selbst sagte in einem Interview mit dem "Spiegel", sie finde "die Grenzziehung zwischen U und E einfach nervig".

Für die größte Literaturauszeichnung Deutschlands, den Deutschen Buchpreis, wurden Wahls Werke bislang nicht nominiert. 2024 machte die Autorin auf Instagram ihrer Enttäuschung darüber auf typische Weise Luft: "Bin traurig und wütend, dass ich nicht auf der Longlist stehe, auch wenn ich's irgendwie wusste. Zu erfolgreich, meinte meine Agentin."

Damals wäre "22 Bahnen" dafür infrage gekommen; ein Buch, das schnell zur Schullektüre gehörte und inzwischen verfilmt wurde. Auch auf der diesjährigen Longlist kommt "Die Assistentin" nicht vor. Ein Literaturkritiker der "Frankfurter Rundschau" schrieb dazu: "Warum muss gute Literatur eigentlich immer erst wehtun, um als 'wertvoll' zu gelten? (...) Dass eine Autorin wie Wahl eiskalt ignoriert wird, nur weil sie mit mitreißender Sprache Millionen Leser begeistert, macht mich schlicht wütend."  

Caroline Wahls Fans werden "1999 Meter über dem Meer” vermutlich wieder zum Bestseller machen - auch ohne Deutschen Buchpreis.

Den nächsten Abschnitt Top-Thema überspringen

Top-Thema

Den nächsten Abschnitt Weitere Themen überspringen