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Chevron in Venezuela: Öl, Sanktionen und Machtpolitik

5. Januar 2026

An dem US-Konzern kommt keiner vorbei: Chevron produziert ein Viertel der Ölexporte Venezuelas und ist frei von US-Sanktionen. Warum der Konzern von Trumps Kurs profitiert und welche Rolle China dabei spielt.

Venezuela Caracas 2022 | Chevron Logo an Verwaltungsbüro (nach Lockerung von US-Sanktionen)
Seit 100 Jahren in Venezuela: Der US-Konzern Chevron ist gegenüber neuen Investoren klar im VorteilBild: Yuri Cortez/AFP/Getty Images

Dieses Jubiläum hat es in sich. Ausgerechnet in dem Moment, in dem US-Raketen über Venezuela niedergehen und US-Präsident Donald Trump Venezuelas Machthaber Nicolas Maduro festnehmen lässt, feiert der US-amerikanische Konzern Chevron seine 102-jährige Präsenzim Land.

Der US-Ölgigant ist derzeit das einzige große US-amerikanische Ölunternehmen in Venezuela. Schon jetzt ist klar: Chevron wird bei der künftigen wirtschaftlichen Entwicklung Venezuelas eine entscheidende Rolle spielen.

"Chevron kann umgehend von einer möglichen Öffnung des Ölmarktes in Venezuela profitieren", erklärt Francisco J. Monaldi, Ph.D., Experte für lateinamerikanische Energiepolitik am Baker Institute der Rice University in Houston, Texas, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters.

Große Reserven, kleine Fördermengen

Venezuela verfügt mit etwa 300 Milliarden Barrel über die größten Erdölreserven weltweit. Dies entspricht einem Anteil von rund 17 Prozent der weltweit bekannten Ölreserven. Aktuell fördert das Land laut der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) rund eine Million Barrel Öl pro Tag. Chevron produziert davon ein Viertel.

Laut OPEC sank der Export von Rohöl von knapp zwei Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2015 auf knapp 500.000 Barrel pro Tag im Jahr 2021 - ein brutaler Absturz. Seit 2023 ist wieder ein leichter Anstieg zu verzeichnen. 2024 erreichten die Exporte 655.000 Barrel pro Tag, im November dieses Jahres stiegen sie auf 921.000 Barrel pro Tag an. 

"Die Steigerungen bei der Ölproduktion in Venezuela sind Chevron zu verdanken", erklärte Francisco J. Monaldi bereits im Dezember 2025 in einem Gespräch mit der DW. Die USA hätten den positiven Trend ermöglicht. Denn nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine seien die strengen US-Sanktionen gegen Venezuela mehrfach gelockert worden.

Keine Sanktionen gegen Chevron

So gewährte das Amt für die Kontrolle ausländischer Vermögenswerte (Office of Foreign Assets Control, OFAC) des US-Finanzministeriums dem US-amerikanischen Mineralölkonzern Chevron im November 2022 Ausnahmegenehmigungen für die Wiederaufnahme der Rohölexporte aus seinen Joint-Venture-Betrieben in Venezuela. Im Oktober 2025 bekam Chevron erneut die Erlaubnis, Öl in Venezuela zu fördern.

Machthaber Nicolas Maduro war darüber so glücklich, dass er im staatlichen TV-Sender TeleSURerklärte: "Chevron ist seit 100 Jahren in Venezuela präsent, und ich wünsche mir, dass die Firma hier noch 100 Jahre weiter ohne Probleme arbeiten kann."

Vor der Verhängung der US-Sanktionen gegen den staatlichen Ölkonzern Venezuelas PDVSA (2019) sowie der Blockade zum US-Finanzmarkt (2017) durch die Trump-Administration waren die USA der größte Abnehmer venezolanischen Öls. Danach brachen sowohl die Ölförderung als auch die Ausfuhren ein.

Aktuell ist China der größte Abnehmer von Erdölexporten aus Venezuela. Nach einer Analyse der
US-Energiebehörde "Energy Information Administration"(EIA) flossen 2023 rund zwei Drittel der Ölexporte nach China und 23 Prozent in die USA.

Das Chevron-Tankschiff Ionic Anax in der Nähe des Hafens Bajo Grande ist von US-Sanktionen ausgenommen und kann auslaufenBild: Isaac Urrutia/REUTERS

Schlag gegen China?

Laut Analysten könnte dies ein Grund für die Aufrechterhaltung des US-Embargo für sämtliches venezolanisches Öl sein. Trump hatte am 3. Januar erklärt, dass dieses in vollem Umfang in Kraft bleibe. Dies würde somit besonders China treffen, das dadurch eine wichtige Quelle für Öl mit großen Abschlägen verliert.

Obwohl China ein großer Abnehmer venezolanischen Öls ist, hat sich das Land als Investor bereits vor über zehn Jahren aus Venezuela zurückgezogen. Staatliche chinesische Banken wie die China Development Bank und Eximbank haben nach einem Bericht des Global Development Policy Centerbereits 2016 keine Kredite mehr an Caracas gewährt.

"Chinas Behörden waren sehr enttäuscht über das Ausmaß von Korruption und Verschwendung. Deshalb wurden Investitionen und Kredite eingestellt", erklärt Parsifal D'Sola Alvarado, Experte für chinesisch-lateinamerikanische Beziehungen.

Alvarado ist Direktor der Andrés Bello Foundationmit Sitz in Bogota und Madrid. Er gehörte dem Team des venezolanischen Oppositionspolitikers von Juan Guaido an, und war dort zuständig für die Beziehungen zu Peking.

Es seien nicht in erster Linie die US-Sanktionen gegen Venezuela gewesen, die zum Rückzug der Chinesen aus dem Land geführt hätten. Für China werde sich deswegen auch bei einem möglichen Regimechange in Caracas wenig ändern, meint er.

Verstaatlichung unter Hugo Chávez 

Auch US-amerikanische Konzerne haben große Verluste in Venezuela erlitten. So verließ ExxonMobil 2007 das Land, nachdem der damalige Präsident Hugo Chávez (1954-2013) angeordnete hatte, dass bei allen Schwerölprojekten der Staatskonzern PDVSA mindestens 60 Prozent halten muss.

Chevron ist in Venezuela an mehreren Raffineriekomplexen beteiligt, darunter auch José Antonio Anzoategui, das als Joint Venture mit der staatlichen venezolanischen PDVSA betrieben wirdBild: Diego Giudice/IMAGO

Auch das Unternehmen ConocoPhillips war von der Verstaatlichungswelle im venezolanischen Ölsektor betroffen. Es ist seit seinem Rückzug 2007 in langjährige Schiedsverfahren gegen Venezuela verwickelt.

Drill Baby drill in Venezuela?

US-Präsident Trump setzt nach dem Sturz Maduros auf einen neuen Ölrausch in Venezuela: "Wir werden unsere großen US-Ölkonzerne nach Venezuela schicken, damit sie Milliarden von Dollar investieren, die stark beschädigte Infrastruktur, die Ölinfrastruktur, reparieren und damit beginnen, Geld zu verdienen", sagte er bei einer Pressekonferenz am Samstag.

Das American Petroleum Institute (API), der größte Branchenverband der US‑Öl‑ und Gasindustrie, gibt sich in einer ersten Stellungnahme vom 4. Januar zurückhaltender: "Wir verfolgen die Entwicklungen in Venezuela aufmerksam, einschließlich der möglichen Auswirkungen auf die globalen Energiemärkte", sagt ein API-Sprecher gegenüber Reuters.

Chevron-Chef Mike Wirth hat sich nach dem Sturz Maduros noch nicht öffentlich geäußert. Doch der CEO, der über beste Verbindungen sowohl zur Trump-Administration als auch zur Regierung in Caracas verfügt, kommentiertebereits Ende November auf dem US-Saudi-Investitionsforum in Washington DC die wachsenden Spannungen zwischen Washington und Caracas.

Heute wirken die Worte geradezu prophetisch: "Wir denken langfristig. Wir möchten dabei sein, wenn sich die Umstände ändern, um den Wiederaufbau der venezolanischen Wirtschaft mitzugestalten." Die Jubiläumsfeierlichkeiten können starten.

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