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HandelChina

China-Schock: Legt sich Merz mit Peking an?

Nik Martin
18. Februar 2026

Vor seiner Reise nach Peking sieht sich Bundeskanzler Merz mit Forderungen konfrontiert, die deutsche Industrie vor der Konkurrenz aus China zu schützen. Denn wichtige Branchen in Deutschland verlieren Marktanteile.

Produktion von E-Autos im VW-Werk in Emden
Die deutsche Autoindustrie leidet unter der Konkurrenz aus ChinaBild: Sina Schuldt/dpa/picture alliance

Chinas Wettbewerbsvorteil bestand lange in der Produktion billiger Massenware. Inzwischen aber ist das Land auch bei Spitzentechnologie ein ernsthafter Konkurrent.

Der sogenannte erste China-Schock um die Jahrtausendwende traf Deutschland weniger stark als die USA oder Großbritannien. Doch jetzt, wo chinesische Firmen auch Auto- und Maschinenbauern Konkurrenz machen, steht Deutschland zunehmend unter Druck.

Ein deutliches Zeichen dafür, dass sich Pekings enorme Investitionen in Hightech auszahlen, war die Auslieferung der ersten chinesischen Elektroautos in Europa im Jahr 2023.

Damals glaubten nur wenige, dass sie den deutschen Autoherstellern ernsthaft Konkurrenz machen könnten. Doch in etwas mehr als zwei Jahren konnten chinesische Autobauer stark zulegen und haben sich zu einer disruptiven Kraft auf dem europäischen Markt entwickelt.

Deutsche Anbieter verlieren auf dem größten Automarkt der Welt

Unternehmen wie Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz sehen ihre Gewinnziele in Gefahr, weil ihre Verkaufszahlen sowohl in China als auch im eigenen Land unter Druck geraten sind. Die deutschen Fahrzeugausfuhren nach China sind seit 2022 um zwei Drittel eingebrochen, wie Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat zeigen.

BYD aus China konnte seinen Autoabsatz in Deutschland 2025 vervielfachenBild: DW

Neben dem Autobau sind auch andere Industriezweige betroffen, wie die deutsche Handelsbilanz zeigt. Im vergangenen Jahr fielen die deutschen Exporte nach China um fast zehn Prozent auf 82 Milliarden Euro, während die Importe aus China stark anstiegen.

"Deutschland befindet sich mitten im zweiten China-Schock", sagt Andrew Small, Direktor des Asienprogramms beim European Council on Foreign Relations (ECFR), zur DW. "Früher ergänzten sich die beiden Volkswirtschaften, heute sind sie Konkurrenten.

Weniger deutsche Exporte nach China

Vergangene Woche warnte die Rhodium Group, ein auf China spezialisiertes Forschungsinstitut mit Sitz in New York, es gebe einen "strukturellen Rückgang" bei den deutschen Exporten nach China. Der Stellenabbau und die Zahl der Firmenpleiten in Deutschland werde sich "wahrscheinlich beschleunigen", wenn es der Industrie nicht gelingt, Alternativen zum chinesischen Markt zu finden.

Vor allem in den Branchen Maschinenbau, Chemie und Energieerzeugung nehmen chinesische Wettbewerber den deutschen Marktanteile ab, heißt es in der Rhodium-Studie.

"Früher war der chinesische Markt für deutsche Unternehmen eine Goldgrube", sagt Noah Barkin, Mitautor der Studie und China-Berater bei Rhodium, zur DW. "Aber in den letzten drei Jahren ist ein Viertel der deutschen Exporte [nach China] verschwunden."

Viele Jahre lang war China Deutschlands größter oder zweitgrößter Exportmarkt. Doch 2024 fiel es auf den fünften Platz zurück; wenn die endgültigen Zahlen für 2025 vorliegen, wird es wahrscheinlich auf Platz sieben abrutschen.

Konkurrenz auch auf Drittmärkten

Auch auf Drittmärkten hat sich der Wettbewerb durch chinesische Konkurrenten verschärft. In Teilen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas habe China "gegenüber deutschen Unternehmen enorm zugelegt", so Barkin, weil es "viel billigere Produkte anbietet".

Bei seinem ersten offiziellen Besuch in China als Kanzler nächste Woche wird von Friedrich Merz ein Spagat erwartet. Einerseits soll er die Bedeutung Chinas für die deutsche Industrie loben, andererseits aber Peking ermahnen, den Marktzugang für deutsche Firmen zu verbessern und etwas gegen die Überkapazitäten chinesischer Hersteller zu unternehmen.

Die beiden Länder streben einen Neuanfang in ihren Beziehungen an, die seit der Corona-Pandemie angespannt sind. Damals merkte Deutschland, wie abhängig es von chinesischen Zulieferern ist. In der Folge reduzierten viele deutsche Firmen ihr Risiko, indem sie auch außerhalb Chinas nach Lieferanten suchten.

Beziehungen stabilisieren

Stefan Messingschlager, Experte für chinesische Geschichte an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr in Hamburg, hält einen vollständigen Neustart allerdings für "schwierig". Ein "plausibles Ziel" könne dagegen "eine kontrollierte Stabilisierung" sein, so Messingschlager zur DW.

Merz wird in Peking mit Chinas Präsident Xi sprechen und von einer großen Wirtschaftsdelegation begleitetBild: Li Xueren/Xinhua/-,Yauhen Yerchak/Zuma Wire/picture-alliance

"Es geht darum, Chinas Drohpotenzial zu reduzieren und zu vermeiden, bei Batterien, Halbleitern, pharmazeutischen Vorprodukten und Industriesoftware abhängig zu sein von einer Lieferquelle", so Messingschlager.

Bei Seltenen Erden hat China eine Vormachtstellung. Es kontrolliert etwa zwei Drittel der weltweiten Produktion und 90 Prozent der Verarbeitungskapazitäten für die Metalle, die u.a. zur Herstellung von E-Autos, Smartphones und Windturbinen benötigt werden.

Chinas Exportbeschränkung für Seltene Erden im vergangenen Jahr führte bei Autobauern in der EU und den USA zu Produktionsengpässen.

EU will mehr wirtschaftliche Schlagkraft

Auf einem Treffen zur Wettbewerbsfähigkeit in der vergangenen Woche in Belgien sprachen sich die Staats- und Regierungschefs der EU für eine strengere Industrieagenda aus. Dazu zählt auch eine "Buy European" Vorgabe für das öffentliche Beschaffungswesen. Gleichzeitig versprachen die Politiker Maßnahmen gegen unlauteren Wettbewerb aus China.

Was die Daten über Chinas Wirtschaft verraten

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Im Januar hatte die Europäische Kommission, das Exekutivorgan der EU, neue Untersuchungen und Schutzmaßnahmen angekündigt, um Marktverzerrungen durch Chinas Industriepolitik zu beseitigen.

Die EU treibt auch Handelsabkommen mit Indien und den lateinamerikanischen Mercosur-Staaten voran. Auch deutsche Exporteure hoffen, dadurch besseren Zugang zu stark wachsenden Märkten zu erhalten.

Die deutsche Industrie erziele in der EU, Großbritannien und der Türkei weiterhin gute Ergebnisse, heißt es in der Untersuchung der Rhodium Group. Doch auch in diesen Märkten konnten chinesische Hersteller schnell die Führung übernehmen, wenn keine Handelsbarrieren errichtet werden, so die Forscher.

Gleichgesinnte Partner mobilisieren

"Diversifizierung ohne Verteidigung reicht nicht aus", sagt Andrew Small vom European Council on Foreign Relations. Die EU solle daher mit anderen Ländern zusammenarbeiten, die ihre Industrien vor der Konkurrenz aus China schützen wollen. Eine starke Reaktion mehrerer Handelspartner würde die richtige Botschaft an Peking senden, so Small.

Deutschlands Autoindustrie vor dem Abgrund?  

11:01

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Noah Barkin von Rhodium glaubt, in einigen deutschen Branchen bereits "Panik" verspürt zu haben angesichts des Drucks aus China. Die politische Rhetorik in Berlin sei zwar hart, so Barkin, doch bisher seien keine Taten gefolgt.

"Ohne glaubwürdige Drohung, den Zugang zum europäischen Markt zu beschränken, hat China wenig Anreiz, seine Exporte zu drosseln", heißt es in seiner Studie. Unterdessen kämpfe die deutsche Industrie "gegen einen viel größeren Konkurrenten, der nicht nach denselben Regeln spielt".

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.

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