Chinas Spitzenforschung ist ein politischer Hebel
23. Juni 2026
Die Hongkonger Polizeihauptkommissarin Lai Kai-ying schwebt noch höher als auf Wolke sieben. Rund 390 Kilometer über uns umkreist die 43-jährige Nutzlastspezialistin jeden Tag 16-mal die Erde, zusammen mit zwei Astronautenkollegen aus der VR China. Die bemannte Raumstation "Tiangong" (Himmelspalast), die schon seit fast fünf Jahren im Orbit fliegt, ist ein einzigartiges Mikrogravitationslabor für wissenschaftliche Experimente, die mehr Einsicht in die menschliche Zukunft geben sollen.
Wie schon beim so genannten "Space Race" in den 1950er und 60er Jahren gestaltet sich auch heute die Luft- und Raumfahrt als ideologischer Wettlauf. Länder, die bereits erfolgreich Raketen ins All geschickt haben, demonstrieren neben ihren technischen Kompetenzen auch ihre wirtschaftliche Stärke und ihre systemische Überlegenheit.
Anstelle der Sowjetunion während des Kalten Krieges tritt nun im 21. Jahrhundert das kommunistische China gegen die USA an. Spätestens, wenn die Internationale Raumstation (ISS) bis 2032 ausgedient haben wird, wird China das einzige Land sein, das eine ständig belegte Orbitalstation betreibt.
China dominiert Spitzenforschung
Die Raumfahrt ist nur eines der zahlreichen Bereiche weltweit, in denen China technologisch in Führung liegt. Das belegt die jüngste Rangliste des renommierten Fachmagazins Nature. Der sogenannte Nature Index erfasst alle wissenschaftlichen Fachveröffentlichungen und wertet sie dann aus.
Im Ländervergleich 2025 war China in der Gesamtbewertung der klare Sieger vor den USA (Platz 2) und Deutschland (Platz 3). Unter den zehn führenden Forschungseinrichtungen waren neun aus dem Reich der Mitte. Nur die US-Eliteuniversität Harvard belegt Platz drei. Die deutsche Max-Planck-Gesellschaft schafft es auf Platz 13.
"Es ist mittlerweile fast egal, in welche Rankings internationaler Wissenschaftseinrichtungen man schaut. Universitäten und Forschungseinrichtungen in China führen in vielen Feldern", beobachtet auch Christina Beck, Pressesprecherin von Max-Planck-Gesellschaft, kurz MPG. Sie ist eine führende Institution für Grundlagenforschung mit Sitz in Berlin.
Der Nature Index zeigt, dass die chinesischen Forschungshäuser in den naturwissenschaftlichen Disziplinen Biologie, Chemie und Physik und weiteren angewandten Wissenschaften unumstritten der Sieger sind. Nur bei Health Science und Social Science mussten sie sich von US-Institutionen geschlagen geben.
Kräftige Investitionen sichern Erfolg
Der Aufstieg vollziehe sich kontinuierlich über die letzten zwei Dekaden, sagt Dr. Richard Heidler, Direktor vom Informationsmanagement der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Die DFG ist die größte Forschungsfördereinrichtung in Deutschland. "Während Anfang der 2000er vor allem das Publikationsvolumen stark zunahm, zeigen bibliometrische Analysen seit etwa zehn Jahren zunehmend auch eine Steigerung bei wirkungsbezogenen Indikatoren wie dem Anteil und der Anzahl von hochzitierten Publikationen." Mit anderen Worten: China publiziert nicht nur mehr, sondern wird immer besser und sichtbarer.
Dieser Aufstieg basiere auf einem langfristigen Entwicklungsprozess, ergänzt Beck von der MPG. "Ausschlaggebend war die systematische und über viele Jahre verfolgte finanzielle Förderung von Wissenschaftseinrichtungen und Universitäten in China, insbesondere durch die internationale Ausbildung von Forschenden sowie durch erhebliche Investitionen in Großforschungsinfrastrukturen."
Die Führung in Peking hat längst erkannt, dass Technologie der Schlüssel zum Erfolg ist. Der 15. Fünfjahresplan für das gesamtwirtschaftliche Wachstum bis 2030 sieht eine "Effizienzsteigerung des Innovationssystems" vor. China will die eigenständigen Innovationsfähigkeiten umfassend stärken und die gründlichere Verflechtung wissenschaftlicher und technologischer Innovationen mit der Industrie fördern. Die daraus entstandenen Impulse fürs Wachstum werden "neuartige Produktivkräfte" genannt.
Acht Zukunftsthemen nennt der neue Fünfjahresplan: Künstliche Intelligenz, Quantentechnologie, kontrollierbare atomare Fusionsenergie, Life Science und Biotechnologie, Gehirnforschung, Prävention schwerer Krankheiten und Pharmazie, Tiefsee- und Polarforschung - sowie beim Thema Deep Space.
Ideologie dominiert Forschungszusammenarbeit
Gerade hier liefern sich China und die USA einen hitzigen Wettbewerb um eine moderne Mondladung. Peking will bis zum Jahr 2030 soweit sein. Ob die US-Raumfahrtbehörde NASA wie geplant 2028 mit ihrer Artemis-Mission erfolgreich sein kann, muss sich erst erweisen. Die Lieferung der Mondlandefähre sowie einer nächsten Generation von Raumanzügen ist längst in Verzug.
China will auf dem Mond zudem eine dauerhafte Kolonie errichten und von dort aus Expeditionen in den tieferen Weltraum starten. Chinesische Astronauten sollen mittelfristig dauerhaft auf dem Erdtrabanten stationiert werden. Als einziger Nation gelang es China, eine Gesteinsprobe mit einem Landemodul von der erdabgewandten Mondseite zu holen. Die Probe dient der Produktion mondsteinähnlicher Baumaterialien für die geplante Niederlassung.
Die technologischen Fortschritte sind aber nur ein Teil der ambitionierten Gesamtstrategie. "Technologie lässt sich als Instrument nutzen, um grenzüberschreitende Einflusssphären zu schaffen", schreibt Daniel Voelsen von der Berliner Denkfabrik Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in seiner jüngsten Studie.
"Ziel ist, dank internationaler Marktdominanz möglichst viel zu exportieren und die damit verbundenen Skaleneffekte zu nutzen, ohne den militärisch oder wirtschaftlich entscheidenden Vorsprung aus der Hand zu geben. Verbunden ist dies für Staaten wie die USA und China mit dem Bestreben, mittels technologischer Dominanz auch Einfluss auf die Politik anderer Länder zu nehmen." In der Wirtschaftstheorie bedeutet der Skaleneffekt: Je mehr produziert wird, desto günstiger wird es.
"Politische Leitplanken"
So ist eben auch der Weltraum im 21. Jahrhundert nicht frei von Ideologie. Die NASA darf per Bundesgesetz, dem sogenannten Wolf Amendment von 2011, nicht mit der chinesischen Raumbehörde zusammenarbeiten. Die Europäische Agentur ESA will aufgrund der transatlantischen Allianz nicht mit China kooperieren, obwohl ESA-Astronauten bereits chinesische Vokabeln lernen mussten und gemeinsame Übung mit chinesischen Taikonauten durchführten. Das Bundesministerium für Raumfahrt, das auch für Forschung zuständig ist, setzt aber politische Leitplanken für internationale Forschungsprojekte mit China.
"In sensiblen Bereichen" würden klare Grenzen gezogen, schreibt das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. "Dies gilt beispielsweise bei Kooperationen zu Themen, auch der militärischen Nutzung dienen könnten (Dual-Use) oder bei Kooperationen im Bereich Künstlicher Intelligenz, die zu Überwachungszwecken und Menschenrechtsverletzungen missbraucht werden können." China werde immer stärker zum Wettbewerber und systemischen Rivalen. Risiko und Nutzen müssten in der Wissenschaftskooperation mit China abgewogen werden.
"Wir wollen in Forschungsfeldern, in denen es keine Dual Use-Problematik gibt, an der Zusammenarbeit festhalten", sagt Beck von der Max-Planck-Gesellschaft. Ein Beispiel ist das so genannte FAST-Teleskop, das größte Radioteleskop weltweit in der chinesischen Südwestprovinz Guizhou. Es hat ein Durchmesser von 500 Meter, etwa die Länge von fünf Fußballfeldern. "Diese Zusammenarbeit eröffnet uns den Zugang zu einzigartiger Infrastruktur".
Dr. Ingrid Krüßmann vom Chinesisch-Deutschen Zentrum für Wissenschaftsförderung der DFG argumentiert in die gleiche Richtung. "Der DFG ist daran gelegen, möglichst große Handlungssicherheit für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Deutschland zu schaffen, so dass exzellente Kooperationsprojekte mit chinesischen Partnern grundsätzlich möglich bleiben."
Kooperation mit Vorsicht
Gleichzeitig würden innenpolitische Entwicklungen in China, die verschärfte geopolitische Lage und vor allem die enge Verflechtung zwischen ziviler und militärischer Forschung deutsche Wissenschaftsorganisationen in ihren Kooperationen mit chinesischen Partnern vor neue Herausforderungen stellen, so Beck weiter. Die MPG wolle die Zusammenarbeit mit Partnern in China "informiert, verantwortungsvoll und strategisch" gestalten.
Währenddessen setzt China seine außenpolitische Agenda mit technologischen Mitteln fort. Nach der Hongkongerin Lai, die bereits für große Begeisterung in der ehemaligen britischen Kronkolonie sorgte, wird im Oktober zum ersten Mal ein ausländischer Astronaut sechs Monate in der chinesischen Raumstation verbringen. Zwei Pakistaner trainieren bereits für die Mission "Shenzhou 24" ("Göttliches Schiff"-24). Die Botschaft aus der Erdumlaufbahn: Politische Blockbildung findet auch im luftleeren Raum statt. Pakistan ist ein enger Verbündeter der Pekinger Regierung .