Chinas Strategie: USA-Einfluss weltweit gezielt verringern
3. Februar 2026
Allein im Januar verkündeten die USA ihren Austritt aus 66 multilateralen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO, dem UN-Rahmenübereinkommen zum Klimawandel (UNFCCC) und anderen Institutionen der Vereinten Nationen. Dies hat ihr Präsident Donald Trump angeordnet. Seine Begründung: die Organisationen seien nicht vereinbar mit den Interessen der USA.
Gleichzeitig empfing der chinesische Staatspräsident Xi Jinping im Januar Staats- und Regierungschefs aus Kanada, Finnland und Großbritannien. "Die internationale Ordnung steht unter großem Druck", sagte Xi gegenüber dem britischen Premierminister Keir Starmer und forderte "gemeinsame Anstrengungen zum Aufbau einer gleichberechtigten und geordneten multipolaren Welt". Diese Botschaft ist im diplomatischen Fachjargon Chinas nicht neu, hat aber angesichts des Rückzugs der USA aus multilateralen Institutionen an Bedeutung gewonnen.
Dort, wo die USA zurückziehen, bleibt China ein meistens engagiertes Mitglied dieser multilateralen Organisationen und gewinnt weltweit zunehmend an Aufmerksamkeit. Eine kürzlich durchgeführte internationale Umfrage ergab, dass Befragte aus 21 Ländern, darunter 10 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, davon ausgehen, dass Chinas globaler Einfluss in den nächsten zehn Jahren zunehmen werde, so die Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR).
"Das Machtgefälle zwischen China und den USA war in der Vergangenheit viel deutlicher gewesen. Aber jetzt wird es immer geringer", sagt Claus Soong, Analyst am Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin, gegenüber der DW. "Die USA sind nach wie vor die mächtigste Nation der Welt, aber China holt sehr schnell auf."
Chinas um Globalen Süden bemüht
Der Globale Süden, der Entwicklungs- und Schwellenländer auf der ganzen Welt umfasst, spielt dabei seit langem eine zentrale Rolle in der Strategie von Peking. Die Seidenstraßeninitiative ("Belt and Road Initiative", kurz BRI) zum Beispiel umspannt die gesamte Welt. Das umfangreiche Infrastrukturinvestitionsprogramm wurde 2013 ins Leben gerufen, um die chinesischen Einflüsse in Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika auszubauen.
Die Unterstützung durch den Globalen Süden sei für China angesichts der Eindämmung durch den Westen "der entscheidende Punkt", so Soong. "Ein starker Politiker braucht Anhänger, die ihn unterstützen, um seine Führungsrolle zu rechtfertigen."
Anfang dieses Jahres veröffentlichte China eine Reihe von Statistiken, die trotz des wachsenden Drucks durch die US-Zollpolitik auf eine wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit hindeuten. So ist das Bruttoinlandsprodukt Chinas 2025 um fünf Prozent gewachsen. Das Reich der Mitte verteidigte auch 2025 seinen Titel als "Exportweltmeister". Die positiven Entwicklungen seien zum großen Teil durch Exporte in Nicht-US-Märkte, insbesondere in Südostasien, vorangetrieben worden, hieß es aus Peking.
Allerdings birgt Chinas Strategie auch Risiken. In den letzten Jahren hat Peking daher die BRI umgestaltet und konzentriert sich - anstelle großer kapitalintensiven Infrastrukturprojekte - auf kleinere gezieltere Investitionen. Somit sollen die finanziellen Risiken für die Geldgeber minimiert werden. Und die Geldnehmer müssen sich keine allzu große Sorgen über eine zu hohe Verschuldung machen.
Autoritär regierte Länder sprechen mit einer Stimme
Chinas enge Beziehungen zu Russland und Nordkorea haben als Bündnis autoritär regierten Länder, das sich auf der Weltbühne präsentiert, international für Stirnrunzeln gesorgt. Xi traf sich während einer Militärparade in Peking im vergangenen Jahr mit den Staatschefs Russlands und Nordkoreas. Zusammen mit Putin und Kim unterstrich er die politische und sicherheitspolitische Notwendigkeit eines Bündnisses mit beiden Nachbarstaaten. Auch der iranische Präsident Massud Peseschkian war mit seiner Tochter bei der Militärparade anwesend. Diese vier Staaten sind im Westen unter der dem Kürzel "CRINK" bekannt, das für China, Russland, Iran und Nordkoreas steht.
Jeder der autoritären Partner Chinas habe seine eigene Motivation, so Sabine Mokry vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. "Auch China hat präzise kalkuliert, was es von jedem Regime bekommen kann." Dass dieses Staatenbündnis auch auf der internationalen Bühne im Gleichschritt auftritt, erkennt man an ihrem Abstimmverhalten auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen. China stimmt zunehmend im Einklang mit seinen Verbündeten ab, insbesondere wenn es um die Menschenrechte und um den Krieg in der Ukraine geht.
Das einzige Gemeinsame liege dabei aber lediglich darin, dass sich die CRINK-Staaten gegen die USA stellten. Eine wertebasierte Gemeinschaft seien sie nicht, sagt Mokry. "Wenn sich die Gelegenheit bietet, ihre Zusammenarbeit zu demonstrieren, werden sie diese natürlich nutzen. Aber in der Sache herrscht nach wie vor tiefes Misstrauen."
China hat keine Eile, die USA zu ersetzen
China betont seit einigen Jahren, dass es eine verantwortungsbewusste und stabilisierende Macht der Welt sei - im Gegensatz zu dem, was Peking als "Hegemonialismus" der USA bezeichnet. Analysten glauben jedoch, dass Pekings Ziel nicht darin bestehe, die von den USA geführte Weltordnung durch eine chinesische Version zu ersetzen. Stattdessen scheint das vorrangige Ziel der chinesischen Regierung darin zu bestehen, den Machterhalt der Kommunistischen Partei Chinas sicherzustellen.
"Es handelt sich nicht um eine Art von Ambition, die Welt zu beherrschen", sagt Mokry im DW-Interview. Jede politische Entscheidung müsse dagegen "immer unter dem Gesichtspunkt des Überlebens des Regimes" betrachtet werden.
Es sei unwahrscheinlich, dass China die Führung in allen Institutionen übernimmt, aus denen die Vereinigten Staaten ausgestiegen sind, meint der Merics-Experte Soong. Das trete nur ein, wenn dies in direktem Einklang mit den chinesischen nationalen Sicherheitsinteressen stehe, so zum Beispiel in der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dort ist die in Pekings Sicht abtrünnige Provinz Taiwan auch als Beobachter ausgeschlossen. Die USA haben wiederum den Ausschluss Taiwans als einen der Gründe für ihren Austritt angeführt.
China will USA aus Asien verdrängen
Analysten argumentieren, dass dieses selektive Engagement Chinas übergeordnetes Ziel unterstreicht. Peking wolle keine Vorherrschaft im globalen System, sondern die Verringerung des Einflusses der USA in Regionen, die China als strategisch wichtig erachtet, insbesondere im asienpazifischen Raum.
"Peking wäre sehr erfreut, wenn es in Asien einfach tun könnte, was es will", sagt Mokry. Aber die US-Einflüsse in der Region seien nach wie vor von "fundamentaler Bedeutung". "Es ist nicht so einfach zu ändern."
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan