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PolitikAsien

Chinas Bevölkerung schrumpft erstmals seit 1961

17. Januar 2023

Auch das Ende der Ein-Kind-Politik hat in China keine Trendwende gebracht. Die Geburtenrate sinkt. Wohnraum, Ausbildung und medizinische Versorgung sind für viele zu teuer - und dann kommt noch die Corona-Pandemie dazu.

Eine Krankenschwester kümmert sich um Neugeborene in einer Kinderklinik
In Chinas Kliniken werden immer weniger Kinder geboren Bild: CFOTO/picture alliance

Chinas Bevölkerung ist im vergangenen Jahr erstmals seit sechs Jahrzehnten geschrumpft. Ende Dezember habe das bevölkerungsreichste Land der Welt 1,411 Milliarden Einwohner gehabt und damit rund 850.000 weniger als ein Jahr zuvor, teilte das Statistikamt in Peking mit. Die Geburtenrate wurde nur noch mit 6,77 Neugeborenen auf 1000 Menschen angegeben - das ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die stetig abnehmende Zahl war vor zwei Jahren erstmals in den einstelligen Bereich gefallen. Mit 9,56 Millionen Geburten und 10,41 Millionen Sterbefällen sei die Bevölkerung im vergangenen Jahr erstmals rückläufig gewesen, berichtete das Statistikamt.

Auswirkungen der Ein-Kind-Politik

Zuletzt war die Bevölkerung nach diesen Angaben 1960 und 1961 geschrumpft - als Folge der schweren Hungersnöte nach der verheerenden Industrialisierungskampagne des "Großen Sprungs nach vorn". China leidet schon länger unter einem starken Geburtenrückgang und einer Überalterung der Bevölkerung. Die Auswirkungen der über Jahrzehnte verfolgten "Ein-Kind-Politik" werden immer spürbarer. Die Aufhebung der umstrittenen Geburtenkontrolle führte 2016 nur kurzzeitig zu einem leichten Anstieg der Geburten. Experten sehen die hohen Kosten für Wohnraum, Bildung und Gesundheitsversorgung in China sowie die schwindende Bereitschaft zur Heirat als eigentliche Gründe für diese Entwicklung.

Auch nach dem Ende der Ein-Kind-Politik entscheiden sich viele Eltern gegen ein weiteres Kind Bild: Mark Schiefelbein/AP Photo/picture alliance

Die seit drei Jahren andauernde Corona-Pandemie sorgte für weitere Unsicherheiten, die den Trend noch beschleunigt haben dürften. Als Reaktion auf den Geburtenrückgang und die rapide Überalterung wurden 2021 auch drei Kinder erlaubt. Außerdem bemüht sich die Regierung seither, es jungen Paaren leichter zu machen, für Kinder zu sorgen.

Die Kosten für Bildung wurden gesenkt. Finanzhilfen wurden gewährt, Mutterschafts- und Elternurlaub erleichtert, da viele Frauen befürchten, dass sich eine Mutterschaft negativ auf ihre berufliche Karriere auswirkt. Durch die Überalterung müssen zunehmend weniger Werktätige in der zweitgrößten Volkswirtschaft immer mehr alte Leute versorgen. Jeder fünfte Chinese ist heute schon älter als 60 Jahre. Zugleich geht die Bevölkerungsgruppe im statistisch betrachtet arbeitsfähigen Alter zwischen 15 und 59 Jahren weiter zurück.

Pandemie-Politik bremst Wirtschaftswachstum

Auch für die Volkswirtschaft präsentierte das Statistikamt - aus Sicht Pekings - alarmierende Zahlen. So hat China vor dem Hintergrund der chaotischen Corona-Lage und anderer wirtschaftlicher Probleme sein Wachstumsziel für das abgelaufene Jahr verfehlt. Demnach legte die zweitgrößte Volkswirtschaft im Vergleich zum Vorjahr um drei Prozent zu. Das Wachstum im vierten Quartal wurde mit 2,9 Prozent angegeben. Die Regierung hatte für 2022 allerdings ein Ziel von rund 5,5 Prozent angestrebt, was nicht erreicht werden konnte.

2021 war Chinas Wirtschaft noch um 8,4 Prozent gewachsen. Ökonomen hatten im Vorfeld mit einem noch schwächeren Wachstum gerechnet. So prognostizierte die Weltbank für das Land ein Jahreswachstum von lediglich 2,7 Prozent. Besonders die strikte Null-COVID-Strategie mit Lockdowns und anderen Beschränkungen bremste im abgelaufenen Jahr die chinesische Wirtschaft, die aber auch unter einer schweren Immobilienkrise, hoher Verschuldung und schwacher heimischer Nachfrage leidet.

Aus Wut über die strenge Null-COVID-Politik gehen immer mehr Menschen auf die Straße (Archivbild) Bild: Thomas Peter/REUTERS

Am 7. Dezember vollzog die Führung in Peking eine abrupte Kehrtwende und schaffte nach gut drei Jahren die meisten Corona-Maßnahmen ab. Doch breitet sich das Coronavirus seitdem rasant im Land aus, was sich nun ebenfalls negativ auf die Wirtschaftstätigkeit auswirkt. Viele Metropolen glichen im Dezember Geisterstädten, da die Menschen wegen Erkrankungen oder aus Angst vor einer Infektion nicht vor die Tür gingen. Mittlerweile normalisiert sich das Leben zwar wieder. Doch gibt es weiterhin Berichte über überlastete Krankenhäuser und Krematorien.

Die staatliche Gesundheitskommission gab die Zahl der Corona-Opfer seit Anfang Dezember zuletzt mit rund 60.000 an. Hochrechnungen internationaler Experten gehen jedoch von deutlich höheren Zahlen aus. Nach Schätzungen des in London ansässigen Datenverarbeiters Airfinity soll es seit Anfang Dezember schon über 400.000 Tote gegeben haben. Bis Ende April könnte die Zahl der Corona-Toten demnach auf 1,7 Millionen anwachsen.

bri/sti (dpa, rtr)

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