Die Oscar-gekrönte Regisseurin von "Nomadland" rückt Western und Road Movie in ein neues Licht. Das nächste Filmprojekt von Chloé Zhao: ein Marvel-Comic.
Magische Stunde: Die Regisseurin dreht morgens und abends gerne im Sonnenlicht .Bild: Richard Shotwell/Invision/AP/picture alliance
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Chloé Zhao hat einen langen Weg zurück gelegt, ehe sie den Olymp der Filmwelt erreichte. Wie bei Fern, der im Van lebenden Nomadin in Zhaos Film "Nomadland" ist auch Zhaos Leben von Fernweh geprägt. Es führte von ihrem Geburtsort Peking über London, New York und die Badlands von Wyoming nach Los Angelest, wo sie heute eine gefragte Regisseurin ist. "Nomadland" gehörte bei der 93. Verleihung der Academy Awards zu den großen Favoriten und bekam gleich drei Oscars (bester Film, beste Regie, beste Hauptdarstellerin).
Zhao lebt in Ojai, einer Stadt in den Topatopa Mountains nordwestlich von L.A. Kein Porträt über sie lässt unerwähnt, dass sie dort mit zwei Hunden und drei Hühnern lebt. Manche erwähnen noch einen Mitbewohner: ihren Partner, den "Nomadland"-Kameramann Joshua James Richards.
Mit "Nomadland" Geschichte schreiben
Aktuell sieht es aus, als sei Chloé Zhao angekommen. Mehr als 40 Auszeichnungen hat "Nomadland" bereits erhalten und Zhao lag auch bei den Wettbüros ganz vorne, als es um die Oscar-Kategorien "Bester Film" und "Beste Regie" ging. Mit diesen Trophäen hat sie nun Geschichte geschrieben, denn Zhao ist die erste Asiatin, die in beiden Sparten gewinnt. Die Golden Globes und Bafta Awards stehen jeweils schon in ihrem Regal.
Moderne Nomaden: Oscar-Preisträgerin Frances McDormand in Chloé Zhaos "Nomadland".Bild: Searchlight Pictures/Everett Collection/picture alliance
Nach den viermonatigen Dreharbeiten hat Zhao jüngst mit der Verfilmung des 200 Millionen Dollar (166 Millionen Euro) teuren Marvel-Superheldenfilms "The Eternals" begonnen. Sie dirigiert hier ein Staraufgebot um Angelina Jolie und Kumail Nanjiani. Berichten zufolge soll der erste LGBTQ-Charakter in Marvels Kinouniversum seinen Auftritt haben.
"Nomadland" ist ein ergreifendes Porträt der neuen amerikanischen Unterschicht: ältere, umher reisende Arbeiter, die in ihren Wohnmobilen leben und im ganzen Land Saisonjobs annehmen - einige, weil sie es so wollen, andere um zu überleben. Vor dem Hintergrund dieses ergreifenden Porträts fragt man sich, wie Zhaos Interpretation des Superheldenfilms wohl aussehen wird. Mit ziemlicher Sicherheit wird Zhao überraschen und eine neue Perspektive auf ein überstrapaziertes Filmgenre finden.
Vom wahren Leben inspiriert
Das ist es, was sie immer getan hat. Ihr Debüt "Songs My Brothers Taught Me" von 2015 und der Nachfolger "The Rider" von 2017 - beide erzähle die Geschichten von Lakota-Sioux-Jugendlichen, die im Pine Ridge Indianerreservat in South Dakota leben - warfen ein neues Licht auf den Western.
In "Nomadland" frischte Zhao die visuelle Sprache des amerikanischen Road Movies auf und blieb dennoch der filmischen Mythologie Hollywoods treu. Zhaos Herangehensweise als Regisseurin verbindet die Detail-Versessenheit einer Insiderin mit dem unverbrauchten Blick und der unendlichen Neugier einer Außenseiterin.
Neugier einer Außenseiterin: Chloé Zhao verbindet das Road Movie mit einem unverbrauchten Blick.Bild: Tommaso Boddi/Getty Images
Um ihre ersten drei Filme zu drehen, tauchte Zhao in die Gemeinschaften ein, die sie darstellte. Vor "Nomadland", in dem die zweifache Oscar-Preisträgerin Frances McDormand als Fern und der Schauspieler David Strathairn als Mitreisender zu sehen sind, besetzte die Regisseurin in ihren Filmen nur Laiendarsteller. Sie formte ihre Geschichten um reale Menschen herum.
Zhao entdeckte John Reddy, den Hauptdarsteller von "Songs My Brothers Taught Me", in einem Jahrbuch der Pine Ridge Schule und besetzte ihn in der Rolle des Teenagers, der davon träumt, das Reservat zu verlassen. Als Brady Jandreau, ein Lakota-Cowboy, den Zhao während der Dreharbeiten kennengelernt hatte, nach einem verheerenden Sturz fast tödlich verletzt wurde, besetzte sie ihn in "The Rider" und erzählte die Geschichte eines verletzten Rodeo-Stars.
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Wie eine Journalistin
"Sie ist im Grunde wie eine Journalistin", sagte McDormand dem "Rolling Stone" in einem Interview über Zhaos Arbeitsweise. "Sie lernt deine Geschichte kennen und erschafft daraus einen Charakter." Intimität ist für Zhao kein Grund für Rührseligkeit. Ihre Filme zeigen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, aber frei sind von Mitleid oder verklärender Romantik.
Das unterscheidet Zhaos Porträts des amerikanischen Westens von denen der Euro-Romantiker wie Wim Wenders oder Michelangelo Antonioni, die sich zwar in die großen Landschaften verliebten, sich aber nicht die Zeit nahmen, die realen Menschen genauer zu betrachten. Zhaos Filme sind streng, nicht aufgesetzt. Visuell sind sie lyrisch und oft atemberaubend schön.
Kritiker verglichen ihre Aufnahmen mit der goldenen oder auch magischen Stunde, in der Terrence Malick bevorzugt dreht: ein kurzes Zeitfenster am Morgen und Abend, in dem sich das Sonnenlicht verändert und eine besondere Atmosphäre schafft. In einem Porträt in der "Vogue" von 2018 äußerte sich eine Filmprofessorin an der New York University bewundernd über ihre Ex-Schülerin Zhao: "Chloé hat ein sehr warmes Herz, aber ein extrem kaltes Auge."
Gegen Ende von Nomadland rahmt Zhao ihre Protagonistin Fern ikonisch ein, inspiriert von einer Einstellung John Waynes in dem Klassiker "Der schwarze Falke" von 1956. Es ist ein kühnes und unglaublich effektives Bild, das eine Frau um die 60, die für den Mindestlohn in Teilzeitjobs in Amazon-Packzentren und auf Campingplätzen in der Wüste arbeitet, auf Augenhöhe mit dem berühmtesten Cowboy der Filmgeschichte stellt.
Nach einem Jahr ohne Kino trumpfen die Streamingdienste bei den Golden Globes auf. Die Preise für das beste Drama und die beste Regie gingen aber an eine klassische Produktion.
Bild: NBC/AP/picture alliance
78. Globe-Verleihung auf Abstand
So nah und doch so fern: Die Komikerinnen Tina Fey und Amy Poehler moderierten die 78. Verleihung der Golden Globes - pandemiebedingt auf Abstand: Fey stand in New York vor der Kamera, Poehler in Los Angeles. Auch alle Preisträgerinnen und Preisträger waren aus ihren Wohnzimmern oder Hotels digital zugeschaltet.
Bild: NBC/AP/picture alliance
Bestes Drama
"Nomadland" mit Oscar-Preisträgerin Frances McDormand in der Hauptrolle gewann die Auszeichnung als bestes Drama. Der Film handelt von modernen Nomaden in den USA der Trump-Ära. Unfreiwillig ist das Werk eine letzte Bastion des klassischen Kinos gegen die großen Streamingdienste. Die hatten in einem Jahr, in denen die Kinos nahezu komplett geschlossen blieben, etliche Nominierungen erhalten.
Darunter war die Amazon-Produktion "Borat Subsequent Moviefilm". Der britische Komiker Sacha Baron Cohen schlüpfte zum zweiten Mal in die Rolle des kasachischen Journalisten Borat und hielt der US-Gesellschaft den Spiegel vor. Neben der Auszeichnung als beste Komödie wurde Cohen auch als bester Darsteller in einer Komödie ausgezeichnet - wie schon 2007 für den ersten Teil.
Bild: Everett Collection/picture alliance
Beste Regie
Die Regisseurin Chloé Zhao erhielt den Golden Globe in der Kategorie "Beste Filmregie" für "Nomadland". Sie war damit erst die zweite Frau, die in dieser Sparte einen Golden Globe erhielt - 37 Jahre nach Barbra Streisand für "Yentl". Zhaos Film hatte 2020 bereits bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig den Goldenen Löwen erhalten.
Ob in der Vitrine des Emmy- und Oscar-Preisträgers Aaron Sorkin (links) noch Platz ist? Für den Film "The Trial of the Chicago 7" über einen Prozess gegen Pazifisten, die 1968 gegen den Vietnamkrieg demonstrierten, erhielt Sorkin den Golden Globe für das beste Drehbuch. Komiker Sacha Baron Cohen ist darin in einer ernsten Rolle zu sehen, die ihrerseits mit einer Nominierung belohnt wurde.
Bild: Niko Tavernise/Everett Collection/picture alliance
Beste Schauspielerin Drama
Die Soulsängerin Andra Day wurde einst von Stevie Wonder entdeckt und mit ihrer Musik schon für zwei Grammys nominiert. 2017 coverte sie einen Song der Jazzlegende Billie Holiday. Ideale Voraussetzungen also, um die Sängerin im Biopic "The United States vs. Billie Holiday" selbst zu verkörpern. Dafür gab es den Golden Globe als beste Schauspielerin in einem Drama.
Für einen berührenden Moment sorgte die Auszeichnung für den besten Schauspieler in einem Drama: Taylor Simone Ledward nahm den Preis für ihren Ehemann Chadwick Boseman entgegen, der im vergangenen Jahr im Alter von 43 Jahren an Krebs gestorben war. Boseman spielte im Jazz-Drama "Ma Rainey's Black Bottom" die Rolle von Levee Green, einem Trompeter der Band von Bluessängerin Gertrude "Ma" Rainey.
In der tiefschwarzen Komödie "I Care a Lot" spielt Rosamund Pike Marla Grayson, die als gerichtlich bestellter Vormund wohlhabende Senioren ausnimmt und sich dafür eine Seilschaft aus Ärzten und Pflegeeinrichtungen aufgebaut hat - bis sie an die falsche Schutzbefohlene gerät. Pike erhielt bei ihrer insgesamt dritten Nominierung ihren ersten Golden Globe - als beste Schauspielerin in einer Komödie.
Wie in den Kategorien Regie und Drehbuch werden auch die Preise für die besten Nebenrollen nicht in Drama und Comedy unterteilt. Für ihre Darstellung der Anwältin Nancy Hollander in "The Mauritanian" wurde Jodie Foster mit einem Golden Globe geehrt. Der Film basiert auf dem Guantanamo-Tagebuch des langjährig inhaftierten Mohamedou Ould Slahi. Der deutsche Jungstar Helena Zengel ging leer aus.
Mit dem Überraschungserfolg "Get Out" stieg 2018 der Stern von Daniel Kaluuya auf. Für seine Rolle als Bürgerrechtler und Black-Panther-Aktivist Fred Hampton in "Judas and the Black Messiah" erhielt Kaluuya nun die Auszeichnung als bester Nebendarsteller. Hampton war 1969 von Polizisten im Schlaf erschossen worden.
In "Minari" erzählt Regisseur Lee Isaac Chung die Geschichte einer koreanisch-stämmigen Familie, die sich in den 1980er Jahren im ländlichen Arkansas in der Landwirtschaft eine neue Existenz aufbauen will. Der Film basiert auf Chungs eigener Kindheit und erhielt den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film - obwohl es sich um eine US-Produktion handelt.
Bild: Christopher Polk/NBC/Zumapress/picture alliance
Bester animierter Film
Als bester animierter Film wurde die Disney-Produktion "Soul" prämiert. Sie erzählt die Geschichte eines Musikers, dessen Seele sich von seinem Körper loslöst. Es ist der erste Film der Animationsschmiede Pixar mit einem afroamerikanischen Protagonisten. Jamie Foxx spricht im Original die Hauptrolle des Jazzpianisten Joe Gardner. "Soul" erhielt auch den Globe für die beste Filmmusik.
Bild: Imago Images/Prod.DB
Beste Miniserie
42 Nominierungen konnten die Produktionen des Streaminganbieters Netflix verbuchen. Klar, dass da auch einige Preise abfallen würden: "Das Damengambit" über die ehrgeizige Beth Harmon, die in den 1950er-Jahren Weltmeisterin in der Männerdomäne Schach werden will, wurde zur besten Miniserie gekürt. Hauptdarstellerin Anya-Taylor Joy erhielt zudem die Auszeichnung als beste Schauspielerin.
Bild: Phil Bray/Netflix/Everett Collection/picture alliance
Beste TV-Dramaserie
Die Netflix-Serie "The Crown" ist ein Award-Garant. Neben der Auszeichnung als beste TV-Dramaserie erhielt Emma Corrin für ihre Verkörperung von Lady Di den Globe als beste Darstellerin - und setzte sich gegen Oscar-Preisträgerin Olivia Colman durch, die in der Serie Queen Elizabeth II. spielt. Auch Josh O'Connor als Prinz Charles erhielt einen Golden Globe als bester Schauspieler.
Bild: Des Willie/Netflix/picture alliance
Beste Comedy-Serie
Bereits bei der Emmy-Verleihung 2020 hatte die Comedy-Serie "Schitt's Creek" die Preise in allen wichtigen Kategorien abgeräumt. Nun kann sich Serienerfinder Eugene Levy (rechts) auch einen Golden Globe ins Regal stellen. Die Serie erzählt von der Familie des Videotheken-Magnaten Johnny Rose, die ihr gesamtes Vermögen verliert und in die Kleinstadt Schitt's Creek zieht.
Bild: Cinema Publishers Collection/imago images
Preis für das Lebenswerk
Die Golden Globes werden in jedem Jahr von Hollywoods Auslandspresse vergeben. Sie galten lange als Indikator für die Favoriten der folgenden Oscar-Verleihung - bis dort 2020 der Film "Parasite" abräumte, den die Globes übersehen hatten. Den Cecil B. deMille Award verleiht die Vereinigung für das Lebenswerk von Filmschaffenden - in diesem Jahr an Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Jane Fonda.